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Medizin

Psychiatrie, Forensik und viele Ängste

Gerade der Fall Mollath nährt die Vorstellung, man könne leicht in „die“ Psychiatrie geraten. Die Realität sieht anders aus.
von Christine Strasser, MZ

  • Zwischen Allgemeinpsychiatrie und Forensik besteht ein großer Unterschied. Foto: MZ-Archiv
  • Prof. Dr. Rainer Rupprecht ist ärztlicher Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Bezirksklinikum Regensburg. Foto: Bezirksklinikum

Regensburg.Wer Professor Rainer Rupprecht in seinem Büro am Bezirksklinikum Regensburg besucht, stößt auf keine einzige versperrte Tür. Manche Menschen mag das überraschen. Denn Rupprecht ist der ärztliche Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Tatsächlich kommt man dort leichter rein und raus als in viele Firmengelände. Die meisten Patienten einer psychiatrischen Klinik bleiben nur wenige Wochen, in den schweren Fällen sind es Monate. Seit Jahren ist die Verweildauer rückläufig – schon allein wegen des Kostendrucks.

Etwa 30 Prozent der Menschen leiden epidemiologischen Studien in Europa zufolge einmal im Jahr unter psychischen Problemen. „Die meisten Patienten -– zwischen 80 und 90 Prozent – kommen wegen Depressionen oder Angststörungen zu uns, sagt Professor Rupprecht. Er betont: „Sehr vielen kann geholfen werden.“ Gerade mit Hilfe der Psychiatrie ist es gelungen, die Zahl der Suizide in Deutschland seit 1980 von jährlich 18 000 auf derzeit rund 10 000 zu reduzieren.

Forensik-Patienten sind Ausnahme

Das ist erwähnenswert, gerade wenn man sich die Geschichte von Gustl Mollath, der womöglich aufgrund eines Justizirrtums „in die Psychiatrie“ kam, vor Augen führt. Beim Filmfest in München feierte gerade eine Dokumentation zu dem Fall Premiere.Zu Mollath wandern die Gedanken beim Blick aus dem Bürofenster von Professor Rupprecht. Zu sehen ist ein hoher Zaun und Stacheldraht. Es ist eines der Forensik-Gebäude auf dem Gelände des Bezirksklinikums. Diese Gebäude fallen auf, doch mit dem Hauptbetrieb des Klinikum haben sie wenig zu tun – nicht nur weil die Patienten abgeschottet sind. „Höchstens fünf Prozent unserer Patienten sind in der Forensik“, sagt Rupprecht. Ihm ist die Unterscheidung zwischen Forensik und Psychiatrie wichtig. Gerade in Bezug auf Mollath ist aber schnell von „der Psychiatrie“ die Rede, in die man aus undurchsichtigen Gründen hineingeraten könne und dann jahrelang nicht mehr herauskomme. Rupprecht wirft ein, dass die meisten Patienten selbst um Therapie bitten. Die Anfragen sind so zahlreich, dass es Wartezeiten gibt.

In aller Regel entscheiden die Patienten frei, ob sie sich einer stationären Behandlung unterziehen wollen. Eine – notfalls erzwungene – Einweisung in eine geschlossene Station durch die Polizei ist nicht ohne weiteres möglich. Sie erfolgt, wenn ein Arzt einem akut psychisch kranken Menschen eine Suizidgefahr bescheinigt oder befürchtet, dass er andere Menschen gefährden könnte. Das zuständige Gericht muss so eine Noteinweisung spätestens am Folgetag bestätigen. In der Regel bleiben die Patienten nur während einer Krisenphase.

Gefährlichkeit wird vermutet

Die Einweisung in eine Forensik oder Maßregelklinik ist noch schwieriger. Es sind keine Gefängnisse, jedoch sitzen hier zu einem großen Teil schwere Gewalt- und Sexualstraftäter. Sie haben Morde, Vergewaltigungen oder Körperverletzungen begangen, wurden aber wegen einer psychischen Störung für nicht oder vermindert schuldfähig erklärt. Weil vermutet wird, dass sie gefährlich sind, werden sie aber auf unbestimmte Zeit verwahrt. Forensikern wird dabei eine eigentlich unlösbare Aufgabe gestellt: Sie müssen einschätzen, ob ein Mensch in Zukunft gefährlich sein wird. Auf Grundlage der Gutachten fällen Gerichte Entscheidungen. Einige Studien lassen vermuten, dass unsichere Experten im Zweifel vorsorglich für das Wegschließen plädieren. Auch an erfahrenen Forensikern fehlt es. Trotzdem: Von dem Schreckgespenst, ein unbescholtener Bürger könne einfach so mir nichts dir nichts hinter den Gittern einer Forensik landen, sollte sich niemand fehlleiten lassen. Wer unter Depressionen oder Angstzuständen leidet, kann in einer psychiatrischen Klinik Hilfe finden – und man sollte diese Hilfe auch suchen.

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