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Steinerner Blumengruß mit Geschichte

Geheimnisse der Oberpfalz: Bei Sanierungsmaßnahmen am Regensburger Dom kommt 2008 ein rätselhafter Stein zum Vorschein.
Von Eva-Maria Bast

Der Kunsthistoriker Friedrich Fuchs staunt immer noch über den Fund in der Schulter Mariens.
Der Kunsthistoriker Friedrich Fuchs staunt immer noch über den Fund in der Schulter Mariens. Foto: Eva-Maria Bast

Regensburg.Von welchem Geheimnis kündet der helle Fleck auf der Schulter der Jungfrau Maria am Hauptportal des Regensburger Doms? Von einem großen und sehr rührenden. Und von einem, an das es lediglich den Versuch einer Annäherung geben kann. Sicher ist: Unsere Geschichte spielt im Jahr 1487. Äußerst wahrscheinlich ist: Es geht um eine ganz große Liebe.

Ein junger Mann, nennen wir ihn mal Hanns Jäger, findet an der Donau einen ganz besonderen Kiesel. Er ist flach und oval. Das Wasser hat ein kleines Loch hineingeschliffen. 528 Jahre später wird Dr. Friedrich Fuchs, der beim Museum des Bistums für die Inventarisierung der kirchlichen Kunst zuständig ist, den Stein in der Hand halten und erzählen, dass solche Löcher in Steinen entstehen können, wenn dort eine besonders weiche Substanz enthalten war.

Ein Geschenk zur Verlobung

Im Kopf unseres jungen Mannes am Donauufer formt sich eine Idee. Er will seiner Geliebten zur Verlobung etwas schenken. Keinen Verlobungsring mit Diamant, wie ihn zehn Jahre zuvor – zum ersten Mal in der Geschichte überhaupt – Erzherzog Maximilian I. von Habsburg (der spätere Kaiser Maximilian I.) seiner Braut Maria von Burgund überreichte. Schließlich ist er ja auch kein Herzog, sondern ein Steinmetz und beim Dombau beteiligt. Nachdenklich betrachtet er den Stein, dann eilt er in die Dombauhütte. Er will der Geliebten seine Liebe in Stein meißeln. Aus dem Stein einen Anhänger machen, sein Steinmetzzeichen wird er eingravieren. Und die Jahreszahl. Er arbeitet hart, die Rückseite versieht er mit einem stilisierten Blütenblatt.

Und so könnte unsere erdachte Geschichte weitergehen: Als der Stein fertig ist, bittet er sie, seine Frau zu werden und hängt ihr das Amulett um, das er ihr erst nach ihrem Tod, 30 Jahre später, wieder abnehmen wird. Er will ihre Liebe, die nun auf Erden vorbei ist, unter den Schutz Mariens stellen und damit ewig machen.

Er weiß auch schon, wen er als die persönliche Schutzheilige auswählen wird: die schöne Maria in den Archivolten am Domportal. Seine Frau hat sie immer so bewundert. Hanns Jäger zieht seinen Sohn über sein Vorhaben ins Vertrauen. Der arbeitet am Dom und hat die Aufgabe, den Figurenschmuck zu pflegen. Peter wählt eine versteckte Stelle aus – an der Schulter Mariens, meißelt ein Loch hinein, gerade groß genug, setzt den Stein ein und verschließt das Loch mit Mörtel.

2,5 Zentimeter großer Kieselstein

Der Stein ruht dort 521 Jahre. Dann kommt das Jahr 2008. Am Dom stehen Sanierungsmaßnahmen an. Und eines Tages klingelt bei Friedrich Fuchs das Telefon. „Am Apparat ist Matthias Baumüller von der Dombauhütte und sagt mir, dass er etwas Einzigartiges gefunden hat“, erinnert sich der Kunsthistoriker. „Einen etwa 2,5 Zentimeter großen Kieselstein mit einer naturgeschliffenen Öffnung, in den jemand voller Mühe etwas eingeritzt hat.“

Die Zahl 1487 war sofort erkennbar, auch, dass es sich bei dem Zeichen um ein gotisches Steinmetzzeichen handelt, war für Friedrich Fuchs gleich klar. Und er fand auch tatsächlich ein ähnliches: „An der Nordseite des Domes gibt es einen Sammelstein, in dem etwa 120 Steinmetzzeichen eingraviert sind. Das ist so eine Art Dokumentstein, in dem sich alle Steinmetze einer bestimmten Zeit verewigt haben.“ Und dort hat er das Zeichen entdeckt. „Mit einer ganz kleinen Variation, ein Ästchen fehlte, aber das ist oft der Fall. Klar ist, dass einer der Steinmetze aus diesem Gruppenverband den Kieselstein gearbeitet haben muss.“

Die andere Seite des Steines war schwerer zu deuten. „Wenn man ihn falsch herum hält, sieht es aus wie die Zahl 2000“ erzählt Fuchs. „Erst haben wir gedacht, jemand habe sich bei der Sanierung im Jahr 2000 einen Scherz erlaubt und den Kiesel eingemauert.“ Schnell war jedoch klar, dass das nicht sein kann, zumal der Mörtel wesentlich älter war als nur knapp zehn Jahre. Und schließlich kam der Kunsthistoriker darauf, dass es sich um ein formalisiertes Blütenmotiv handelt, mit der das Steinmetzzeichen auf der anderen Seite weitergeführt wurde. Fuchs hat den Stein unter dem Mikroskop untersucht und herausgefunden, dass das Loch von der Natur in den Stein geschliffen wurde, wohl, weil sich dort eine leicht lösliche Einlagerung befand. Und festgestellt, dass es Abreibungen an dem Loch gibt, Schleifspuren, die von einer Kette herrühren könnten.

Stein soll in Kunstsammlung aufgenommen werden

Die Überlegungen von Friedrich Fuchs gehen in eine ähnliche Richtung wie die oben dargestellte deutende Annäherung: Dass ein junger Steinmetz den Stein am Donauufer fand und seiner Liebsten einen steinernen Blumengruß schuf, den sie dann ihr Leben lang trug. „Steinmetzzeichen waren ja ganz persönliche Signets“, erklärt er. „Und diesen harten Kieselstein so zu bearbeiteten, und das nach der harten Arbeit am Dom, das ist etwas, das macht man nicht für sich selbst, sondern wahrscheinlich für eine geliebte Frau.“ Warum der Stein dann in die Schulter der Maria, der schönsten jugendlichen Mariengestalt am Dom, wie Fuchs sagt, wanderte? „Vielleicht ein Versprechen, ein Gelübde oder auch eine Danksagung religiöser Art“, überlegt er.

Heute befindet sich der Stein im Staatlichen Bauamt Regensburg und soll später in die Kunstsammlungen des Bistums aufgenommen werden. Dann können nachfolgende Liebende diesen in Stein gemeißelten Blumengruß bewundern. Und wer weiß, vielleicht wird dann ja ein junger Liebender dazu angeregt, seiner Angebeteten ein ähnliches Amulett zu schaffen?

Alle Teile unserer Serie „Regensburger und Oberpfälzer Geheimnisse“ finden Sie hier.

Das Buch „Regensburger Geheimnisse und andere spannende Geschichten aus der Oberpfalz“ von Eva-Maria Bast und Heike Thissen ist seit Ende Oktober auf dem Markt. Das Buch hat knapp 200 Seiten, ist durchgehend bebildert und kostet 14,90 Euro.

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