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Wissenschaft

Stigma „Pädophilie“ hat fatale Folgen

Unter der Leitung von Regensburger Forschern entstand die bislang umfassendste Studie zum Thema Missbrauch von Kindern.
von Christine Strasser, MZ

Selbst Pädophile, die noch keine Straftat begangen haben, will kaum ein Therapeut behandeln.
Selbst Pädophile, die noch keine Straftat begangen haben, will kaum ein Therapeut behandeln. Foto: dpa

Regensburg.Nicht jeder Pädophile begeht eine Straftat. 11,6 Prozent junger Frauen und 5,1 Prozent junger Männer sind in Deutschland von Kindesmissbrauch betroffen. Das Alter beim ersten Missbrauch lag durchschnittlich bei 9,5 Jahren. Nur ein Prozent der Missbrauchserfahrungen werden gegenüber Polizei oder Jugendämtern offenbart. Das sind Erkenntnisse der größten Studie, die europaweit je zum Thema Kindesmissbrauch gemacht wurde. Michael Osterheider, Professor für Forensische Psychiatrie an der Universität Regensburg, hat das Forschungsprojekt MiKADO, das mit rund 2,5 Millionen Euro vom Bundesfamilienministerium finanziert wurde, koordiniert. Gestern wurden Ergebnisse veröffentlicht. MiKADO steht für „Missbrauch von Kindern: Ätiologie, Dunkelfeld, Opfer“. Ziel war es, Häufigkeit, Risiken, Ursachen, Bedingungen und Folgen sexueller Grenzverletzungen gegenüber Kindern und Jugendlichen in Deutschland zu erforschen und Ansätze zur Prävention zu entwickeln. Geleitet hat das über dreieinhalb Jahre angelegte Projekt Dr. Janina Neutze.

Therapeuten sind ablehnend

Michael Osterheider ist Professor für Forensische Psychiatrie an der Universität Regensburg.
Michael Osterheider ist Professor für Forensische Psychiatrie an der Universität Regensburg. Foto: dpa

Allein die Zusammenfassung der zentralen Ergebnisse ist neun Seiten lang und birgt Überraschungen. Beispielsweise fanden die Experten keine Hinweise darauf, dass die Nutzung von Missbrauchabbildungen zu Kindesmissbrauch führt. Etwa 20 bis 30 Prozent von Sexualstraftaten an Kindern werden von Pädophilen begangen. Anders gesagt: Die Mehrheit der Täter ist nicht pädophil. „Das Gefühl von Macht und Kontrolle oder der Wunsch zu degradieren, könne auch eine Rolle spielen“, sagt Professor Osterheider.

Dr. Janina Neutze hat die MiKADO-Studie geleitet.
Dr. Janina Neutze hat die MiKADO-Studie geleitet. Foto: Knobloch

Aus ihren Erkenntnissen leiten die Experten Vorschläge für die Prävention ab. Was es schwierig macht, Betroffenen in eine Therapie zu bringen, ist der hohe Grad an Stigmatisierung. Die Befragungen haben ergeben, dass fast die Hälfte der Bevölkerung sagt, selbst wenn keine Straftaten begangen wurden: Diese Menschen müssen weggesperrt werden. Bei Betroffenen führe das dazu, erläutert Neutze, dass sie sich niemandem anvertrauen. Dabei täten sie gut daran, sich nicht zu isolieren, weil dann das Risiko einen Übergriff zu begehen oder Missbrauchsabbildungen zu nutzen, sinke. Doch selbst bei angehenden Therapeuten ist die Abneigung groß. Die Bereitschaft pädophile Nicht-Täter in Behandlung zu nehmen lag bei 80 Prozent und bei 40 Prozent bei Männern, die ein sexuelles Interesse an Kindern haben und deren Taten im Dunkelfeld bleiben. Die Problematik, die daraus entsteht: Aufgrund der großen Ablehnung eigenen sich vergleichsweise wenig Therapeuten das Rüstzeug an, um Patienten mit Pädophilie zu behandeln. „Es gibt viel zu wenig Therapeuten und Therapieplätze“, bemängelt Neutze. Das gilt auch für Angebote für Opfer. Experten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie mit einer Traumzusatzausbildung sind dünn gesät.

Kontakt zu Kindern im Beruf

  • Bedeutsame Tätergruppe

    Täter mit einem Kontakt zu Kindern im Beruf oder im Zusammenhang mit einer ehrenamtlichen Tätigkeit stellen eine zahlenmäßig bedeutsame Tätergruppe dar. Betroffene Jugendliche berichten zu 2 bis 4 Prozent institutionelle Täter.

  • Führungszeugnis

    Die MiKADO-Experten merken an, dass für eine wirksame Prävention die Vorlage eines Führungszeugnisses nicht ausreicht. Der Regensburger Professor Michael Osterheider kritisiert, dass für Nutzer von kinderpornografischem Material vielfach nur eine Geldstrafe ausgesprochen werde. Ins Führungszeugnis werde das nicht eingetragen.

  • Risikoprognostik

    Eine Risikoprognostik hält die MiKADO-Projektleiterin Janina Neutze für zielführender, auch wenn das ein gewagter Vorschlag sei. Dazu würden nämlich Interviews über sexuelle Präferenzen gehören. Auch frühere sexuelle und nicht-sexuelle Straffälligkeit, Intelligenz, Bildung und Manipulationsstrategien würden zu einer Risikoprognostik gehören.

  • Aufklärungsangebote

    Männer aber auch Frauen mit Kontakt zu Kindern in Beruf oder Freizeitbetreuung sollten vermehrt und wiederholt aktiv angesprochen und in Aufklärungs- und gezielte Therapieangebote einbezogen werden.

Online gibt es auch viele Täterinnen

Mit der MiKADO-Studie liegt die erste umfassende Analyse über Onlinetäter vor. Was Neutze für bemerkenswert hält: Online ist auch ein hoher Anteil von Frauen unterwegs, die sexuelle Kontakte mit Minderjährigen suchen. Im vergangenen Jahr machten laut den MiKADO-Experten 5,9 Prozent der Mädchen und 1,8 Prozent der Jungen belastende sexuelle Onlineerfahrungen. Jeder 20. Jugendliche traute sich nicht, Onlinekontakte bei Sexualisierung zu beenden. Neutze nennt Neugier als Hauptgrund. Der überwiegende Anteil wolle weitermachen, weil das Geschehen als spannend empfunden werde. Dabei sei selbst den Kindern klar, dass der Kontakt Risiken berge. Auch dieses Wissen führe aber nicht dazu, dass sie den Kontakt abbrechen. Die Täter nutzen Täuschungsstrategien. Sie machen sich jünger. Allerdings nie jünger als 18 Jahre, wie Neutze hinzufügt. Die Kinder werden zur Geheimhaltung angehalten und die Täter vermitteln ihnen den Eindruck, etwas Besonderes zu sein.

Um Missbrauch zu verhindern, müsse man sich stärker bewusst machen, in welcher Art Kinder und Jugendliche mit Sexualität befasst sind, sagt Neutze. Viele Eltern und Lehrer könnten sich jedoch gar nicht vorstellen, was die Kinder beschäftige. Die Bedeutung unterstreicht Neutze nochmals: Ein offenere Umgang mache es Kinder leichter, sich zu offenbaren.

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