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Rauschmittel

Wenn das Leben an der Nadel hängt

18 Personen sind 2016 in der Oberpfalz an den Folgen ihres Drogenkonsums gestorben. Vor allem Heroin ist und bleibt Problem.
Von Philipp Froschhammer, MZ

Die Zahl der Drogentoten in Bayern und auch in der Oberpfalz steigt. Legale Ersatzdrogen könnte vielen Süchtigen helfen – wenn sie es von sich aus wollen.
Die Zahl der Drogentoten in Bayern und auch in der Oberpfalz steigt. Legale Ersatzdrogen könnte vielen Süchtigen helfen – wenn sie es von sich aus wollen. Fotos: dpa

Regensburg.Marihuana, Crystal Meth, Ecstasy, Kokain, Speed, Heroin, Liquid Ecxtasy, LSD – die Liste der im Umlauf befindlichen Drogen ist lang und wird immer länger. Fast täglich kommen neue berauschende Substanzen auf den Markt, meist stärkere und gefährlichere Abwandlungen bekannter Betäubungsmittel. Doch genau das ist es, was die Konsumenten oft wollen. Eine länger andauernde Wirkung, ein schnelleres Anfluten – kurz: einen stärkeren Rausch. Drogensüchtige, die nicht auf neue, synthetische Drogen umsteigen wollen, erhöhen meist schrittweise die Konsumeinheiten, um dieses neue Rauschlevel zu erreichen.

Die logische Konsequenz daraus sind Überdosen, langfristige Schäden und auch Todesfälle. Seit Januar 2016 sind bayernweit 145 Menschen an den Folgen ihres Drogenkonsums gestorben. Das sind ebenso viele wie von Januar bis Juni 2015, sagte ein Sprecher des Bayerischen Landeskriminalamtes (LKA). In der Oberpfalz liegt die Zahl der Drogentoten in diesem Jahr bislang bei 18 – neun davon alleine in Regensburg. „Das ist aber noch keine endgültige Zahl. Ein paar Gutachten stehen noch aus“, sagt Albert Brück, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberpfalz. Im Vorjahr starben im Regierungsbezirk insgesamt 30 Personen an den Folgen von Rauschmitteln.

Im Langzeitvergleich lässt sich jedoch ein beunruhigender Trend erkennen: Die Zahl der Drogentoten steigt. 2008 kamen in der Oberpfalz insgesamt 16 Konsumenten ums Leben, 2010 waren es 23. Im Jahr 2011 starben insgesamt 28 Personen an den Folgen von Betäubungsmittelkonsum.

Grund dafür ist laut LKA der erhöhte Wirkstoffgehalt und das beimischen von schädlichen Chemikalien. Peter Eisenreich, langjähriger Leiter des Kommissariats Rauschgiftkriminalität am Polizeipräsidium Oberpfalz, macht außerdem die sogenannten „Neuen psychoaktiven Substanzen“ – im Volksmund „Legal Highs“ – für diese Entwicklung verantwortlich. Dabei handelt es sich um Produkte wie Badesalze oder Kräutermischungen, die von den Konsumenten als Drogen missbraucht werden. „Diese Substanzen haben nichts Natürliches, es ist reine Chemie. Die Konsumenten sind hier – noch mehr als bei den bekannten Drogen – hilflos einer Qualität ausgesetzt“, erklärt Eisenreich.

Heroin ist die tödlichste Droge

Die meisten Todesfälle lassen sich in der Oberpfalz auf das Opioid Heroin zurückführen. „Das gilt aber häufig nur als Todesursache. Diese Personen haben meist viele verschiedene Substanzen konsumiert“, sagt Brück. Der oft in diesem Zusammenhang genannte „Goldene Schuss“ käme nur sehr selten vor. Meist würden sich die Konsumenten überschätzen und unabsichtlich eine tödliche Dosis spritzen. „Diese Drogen schwächen langfristig den Körper. Viele streben dann an einer Dosis, die sie in früheren Tagen überlebt hätten“, erklärt Brück.

Kommentar

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Heroin ist nach Cannabis die am meisten konsumierte Droge in der Oberpfalz. Crystal Meth gewinnt zwar an Popularität, Todesfälle nach Meth-Konsum kommen jedoch eher selten vor. „In den Grenzgebieten zu Tschechien gibt es mehr Konsumenten. Die vielen Medienberichte über Crystal beziehen sich meist auf Schmuggler, die auf dem Weg durch die Oberpfalz aufgegriffen werden.“

Dass Methamphetamin vor allem im Bayerischen Wald ein Problem ist, bestätigt sich im Gespräch mit den Suchtberatern. Angelika Betz, Psychologin der Fachambulanz in Cham sagt, dass vor allem in den letzten Jahren die Fälle von Crystal-Konsumenten zugenommen haben. In Regensburg sieht die Situation anders aus, berichtet Marion Hoffmann-Plank, Vorstand der DrugStop-Drogenhilfe und bestätigt damit die Angaben der Polizei: „Die Abhängigen konsumieren in der Regel, was gerade am Markt verfügbar ist. Doch es lässt sich schon sagen, dass vor allem Heroin hier in Regensburg eine große Rolle spielt.“

„Das Problem bei Fentanyl ist, dass es so schwer zu dosieren und dadurch extrem gefährlich ist.“

Dr. Willi Unglaub, DrugStop-Vorstand

Doch Heroin ist nicht das einzige Opioid, dass oft tödliche Folgen für die Konsumenten hat, erklärt Dr. Willi Unglaub, ebenfalls Vorstand des DrugStop. Konsumenten beschaffen sich legal schmerzlindernde Pflaster mit Fentanyl, kochen diese aus und spritzen sich den Wirkstoff. „Das Problem bei Fentanyl ist, dass es so schwer zu dosieren und dadurch extrem gefährlich ist. Ich schätze, rund 20 bis 25 Prozent der Drogentoten sind auf Fentanyl zurückzuführen“, sagt Unglaub.

Süchtigen muss geholfen werden

Um den Süchtigen dieser gefährlichen Opioide zu helfen, spielt neben der von der Suchtberatung angebotenen Therapie die Substitution, sprich das Ersetzen der illegalen durch legale Drogen, eine wichtige Rolle. „Sucht ist eine schwere chronische Krankheit. Wir müssen den Süchtigen, die Hilfe wollen, diese auch bieten“, sagt Unglaub. Und die Arbeit zeigt Wirkung. Bei Substitution ist das Sterberisiko um 90 Prozent geringer, als für Süchtige aus der Drogenszene.

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Doch nicht nur Opioid-Abhängige, auch Süchtigen von weniger tödlichen Drogen wird bei der Suchtberatung geholfen. Speziell für Crystal Meth-Abhängige wurde in Regensburg das bayernweite Crystal-Telefon eingerichtet. Unter der Telefonnummer (09 41) 5 69 58 29 01 können Methamphetamin-Süchtige, aber auch Konsumenten von „Neuen psychoaktiven Substanzen“, rund um die Uhr auf Hilfe zählen.

Rund eine Woche nach der Veröffentlichung des LKA-Reports zu den Drogentoten findet am 21. Juli der „Internationale Gedenktag der verstorbenen Drogenabhängigen“ statt. In Regensburg wird das zwischen 14 und 16 Uhr mit einer Gedenkfeier beim Schwammerl in der Fürst-Anselm-Allee gewürdigt.

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