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Gesundheit

Wenn der Pflegende zum Pflegefall wird

Demenz darf kein Tabuthema sein. Experten fordern bei einem Symposium in Regensburg mehr Offenheit und Unterstützung.
von Tom Carlos Kupfer, MZ

Lücken im Kopf: Demenz trifft immer mehr Menschen. Foto: dpa
Lücken im Kopf: Demenz trifft immer mehr Menschen. Foto: dpa

Regensburg.Der Weg begann für Sophie Rosentreter, ehemals MTV-Moderatorin und Model, mit der Erkrankung ihrer Großmutter. „Sie hat alltägliche Dinge auf einmal nicht mehr hinbekommen und ist irgendwie schräg geworden“, verrät sie. „Das war schrecklich mitanzusehen.“ Nach der Diagnose habe die Familie auf Hilfe von außen verzichtet, da man sich in der Pflicht sah, was Rosentreter rückblickend als Fehler bezeichnet.

Dabei handle es sich um ein aufklärerisches Problem, bestätigt Dr. Gabriele Hartl, Leiterin der Demenzstrategie des Bayerischen Ministeriums: „Dementielle Erkrankungen sind häufig schambesetzt und werden lange verschwiegen. Ein Bewusstseinswandel durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit muss her.“

Reichlich Impulse dafür lieferte gestern ein Symposium mit dem Schwerpunkt Demenz. Im Rahmen des 21. Regensburger Pflegetags hatte der Verein der Freunde und Förderer der Pflege (VFFP) ins Universitätsklinikum geladen. Thomas Bonkowski, Pflegerischer Leiter des Uniklinikums und Vorsitzender der VFFP, freute sich über die vielen anwesenden Pflegekräfte und jungen Besucher: „Wir möchten heute Wissen vermitteln, das nachhaltig weitergetragen wird.“

Gefühle zeigen statt Logik suchen

Dafür plädiert auch Rosentreter, die sich mit der nach ihrer Großmutter benannten Initiative „Ilses weite Welt“ für die Integration von Demenzkranken in die Mitte der Gesellschaft engagiert. „Man muss der Thematik mit Leichtigkeit begegnen, nicht mit Logik. Ab einem gewissen Zeitpunkt sind die Betroffenen nur noch über auf der Gefühlsebene erreichbar. Es ist notwendig, Zuneigung zu zeigen, sich empathisch und verständnisvoll zu verhalten.“

Wie belastend die selbstständige Pflege eines dementiell Veränderten ausfallen kann, erlebte die ehemalige Moderatorin im eigenen Haus. Zwei Jahre nach dem Tod der Großmutter erlag ihre Mutter einem Krebsleiden. Viele Angehörige laufen Gefahr, durch Gefühlsaufwallungen und Schuldgefühle in depressive Episoden zu rutschen und soziale Strukturen zu verlieren. „Sie hat die Entfremdung nicht ertragen können“, so Rosentreter. „Ich bin mir sicher, dass sie daran zugrunde gegangen ist.“ Sie spricht klar und mit fester Stimme.

Entlastung für Angehörige nötig

Studien belegen, dass Pflegende oft selbst zum Pflegefall werden. „Durch die hohe psychische und physische Belastung versuchen wir mit der Demenzstrategie Entlastungsangebote zu schaffen“, erklärt Leiterin Hartl. Es gebe über 100 Fachstellen mit psychosozialer Unterstützung. Entsprechende Schulungen sollen die Zahl der Pflegefachkräfte und ehrenamtlichen Helfer künftig drastisch erhöhen.

Die vor zwei Jahren vom Staatsministerium für Gesundheit und Pflege neu gegründete Demenzstrategie Bayern arbeitet eng vernetzt mit Initiativen wie „Ilses weite Welt“. Gemeinsam will man eine gesellschaftliche Sensibilisierung erreichen, Ängste bekämpfen und so der Tabuisierung einer allgegenwärtigen Krankheit entgegenwirken. Darüber hinaus soll durch richtige Versorgung und Betreuung die Lebensqualität Betroffener bis zum Schluss erhalten bleiben. Veranstalter Bonkowski gibt sich optimistisch: „Die Politik hat die Problematik erkannt und tolle Konzepte aufgestellt.“ Rosentreter ergänzt: „Jetzt muss sich nur noch die Gesellschaft ändern.“

Auf ihr früheres Leben als Model und Moderatorin im Rampenlicht blickt die Hamburgerin mit Abstand. „Die Vergangenheit war schön, aber meine jetzige Arbeit ist meine Berufung, die mich voll und ganz erfüllt. Ich bin angekommen.“

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