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Gewalt

Wenn Kinder Eltern schlagen

Gewalt in der Familie ist ein Tabuthema, wenn die Erwachsenen die Opfer sind. Mancher Streit endet tödlich.
Von Amelie Richter, dpa und Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Gewalt gegen Eltern ist ein Tabuthema, bei dem es um mehr als nur Aggressionen geht.
Gewalt gegen Eltern ist ein Tabuthema, bei dem es um mehr als nur Aggressionen geht.Foto: dpa

Regensburg.„Ich wollte nur das Böse vernichten“, schreibt der 21-jährige Regensburger in seinem Facebook-Post. Wenige Minuten zuvor hatte er den Notruf gewählt. Seine Mutter liege blutend auf dem Boden in der Wohnung im Stadtteil Neuprüll. Als der Notarzt eintrifft, ist die 56-Jährige tot. Sie stirbt an Messerstichen in Hals und Gesicht, die ihr ihr Sohn versetzt hatte. Ein Gericht wird ihn später als schuldunfähig bezeichnen. Der junge Mann litt an Schizophrenie.

Über Eltern, die ihre Kinder schlagen oder missbrauchen, wird öfter mal berichtet. Aber über Jugendliche und Kinder, die ihre Eltern schlagen oder gar töten, nur selten. Dabei schätzen Experten, dass in rund zehn bis 16 Prozent der Familien hierzulande Kinder seelische oder körperliche Gewalt gegen ihre Eltern anwenden. Manchmal nur einmal, in anderen Fällen regelmäßig. Dabei geht es nicht um Kleinkinder, die in einer Trotzphase unkontrolliert um sich schlagen, sondern um die Älteren.

Eltern schweigen aus Scham

Die genaue Zahl der Übergriffe ist schwer zu erfassen, denn viele Eltern trauen sich nicht, mit ihrem Problem zu Hilfsstellen oder zum Familientherapeuten zu gehen. Sie schämen sich zu sehr. Denn das Drama passiert genau an dem Ort, wo viele sich Wärme, Zuflucht und eine heile Welt erhoffen. Dass ein Betroffener offen über die Erfahrungen spricht ist ungewöhnlich.

Schule schwänzen, Drogen nehmen. Martinas Sohn Nedim hatte schon seit längerer Zeit Ärger gemacht. Der 16-Jährige stellte seine eigenen Regeln auf. Bei den vier älteren Geschwistern hätten sie nie Probleme gehabt, erzählen die Eltern. An den Wänden des Wohnzimmers hängen Fotos der Familie aus dem Urlaub und von der Hochzeit der Tochter. Bei Nedim sei der Knacks in der Eltern-Kind-Beziehung immer weiter gewachsen. Die Mutter überwand sich, das Jugendamt einzuschalten. „Drei Anläufe habe ich dafür gebraucht, bis ich hingegangen bin.“ Sie habe sich lange nicht getraut. Der Berater der Behörde empfahl, den Jungen sich selbst zu überlassen – ihn fallen zu lassen. „Wir sollten ihm kein Essen und kein Geld mehr geben“, berichtet Martina. „Wie soll ich das machen? Er ist doch immer noch mein Kind.“

Die Mutter erinnert sich an den Tag, an dem alles eskalierte: Ihr Sohn war auf Drogen nach Hause gekommen. Was er genommen hat, weiß sie nicht. Ein Helfer von einer Beratungsstelle wartete mit der Familie – sie wollten gemeinsam mit dem Sohn eine Lösung finden. Der Sozialhelfer ging. Der Sohn stand auf, sagte zum Vater: „Verreck doch, du Bastard.“ Er nahm den Baseball-Schläger und lief auf seine Mutter zu. „Ich weiß gar nicht, wo er den hergeholt hat“, sagt Martina und schüttelt den Kopf. Aus Angst vor den Ausbrüchen ihres Sohnes hatte sie den Schläger eigentlich versteckt. Vater Emir ging dazwischen. Der Sohn lief weg und wurde einen Tag später von der Polizei aufgegriffen. Seitdem hat Martina Nedim nicht mehr gesehen.

In dem Regensburger Fall war der Streit das Todesurteil für die Mutter. Bereits einige Jahre zuvor war die 54-Jährige Opfer eines Gewaltverbrechens geworden. Ein verurteilter Mörder hatte sie gekidnappt, die Frau überlebte nur knapp. Das Trauma verfolgte sie, der Sohn wurde zum wichtigsten Teil ihres Lebens, obwohl es ständig Probleme mit ihm gab. Er schaffte keinen Schulabschluss, nahm Drogen, wurde wegen kleinkrimineller Delikte festgenommen. Auch gegenüber der Mutter war er handgreiflich geworden. Doch darüber hatte die Frau geschwiegen. Der Sohn, so wurde nach der Tat bekannt, litt unter Wahnvorstellungen.

Oberpfälzer Familiendramen

  • Dezember 2012:

    In Weiden greift ein 20-Jähriger seine Mutter mit einem Messer an und verletzt die 48-Jährige schwer.

  • Mai 2014:

    In Regensburg greift ein 21-jähriger Mann seine Mutter mit einem Messer an und verletzt sie tödlich. Der Täter ist psychisch krank.

  • Mai 2014:

    In Duggendorf (Lkr. Regensburg) erwürgt ein 53-jähriger Mann seine 86-jährige Mutter. Der Mann gesteht die Tat und begeht kurz darauf in der Justizvollzugsanstalt Suizid.

  • November 2014:

    Im Regensburger Stadtosten übergießt ein 31-Jähriger seinen Vater mit Brennspiritus und zündet ihn an. Das Opfer wird lebensgefährlich verletzt. Der Täter wird in eine psychiatrische Klinik eingeliefert.

  • Juni 2015:

    Ein 43-Jähriger tötet im Neumarkter Ortsteil Pölling seine 83-jährige Mutter. Der Sohn befand sich vor der Tat in psychiatrischer Behandlung.

  • April 2016:

    In Neustadt an der Waldnaab greift ein 31-jähriger Mann seinen Vater mit einem Axtstiel an und schlägt ihn mehrfach auf den Kopf. Der 71-Jährige wird lebensgefährlich verletzt.

  • Mai 2016:

    Im Regensburger Stadtnorden tötet eine 50-Jährige ihre Mutter (73). Die Tatverdächtige leidet an einer psychischen Störung. (ig)

Am Bezirksklinikum Regensburg spricht man von seltenen Ausnahmefällen, in denen Jugendliche nach Gewalttaten gegenüber den Eltern in der Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt waren. „In diesen Fällen waren immer Drogen oder Alkohol im Spiel“, so Pressesprecherin Lissy Höller im Gespräch mit unserem Medienhaus. Wie es zu solchen Krisen mit bisweilen schwerwiegenden Folgen kommen kann, ist nicht mit einfachen Schuldzuschreibungen zu klären: „Eltern verursachen nie einseitig das Problem ihrer Kinder“, sagt Jugendpsychiater Wilhelm Rotthaus. „Sie schaffen allerdings möglicherweise ungünstige Bedingungen für deren Entwicklung.“ Bis 2004 leitete Rotthaus die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Viersen in Nordrhein-Westfalen.

Das sogenannte Parent Battering – übersetzt aus dem Englischen etwa das „Fertigmachen“ der Eltern – sei dort immer häufiger aufgetreten, berichtet Rotthaus. Zahlen seien schwer zu erfassen. „Es gibt eine hohe Dunkelziffer. Aber nach international übereinstimmenden Schätzungen zeigen etwa zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen ein derartiges Verhalten.“

dpa-story: Wenn Kinder ihre Eltern schlagen

Alle Schichten sind betroffen

Einig sind sich die meisten Experten, dass das Problem nicht auf bestimmte Gruppen begrenzt ist. „Aus meiner Übersicht kann ich sagen, dass dieses Phänomen in allen Gesellschaftsschichten auftritt“, erläutert Rotthaus. Die Täter seien bis etwa zum 14. Lebensjahr Söhne und Töchter gleichermaßen. „Im späteren Alter überwiegend die Söhne.“

„In vielen Fällen ist das keine zielgerichtete Gewalt, sondern eine Verzweiflungstat“, berichtet ein Sozialpädagoge der Online-Beratung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung, kurz BKE. Im Postfach oder per Chat erreichen ihn pro Woche in der Regel ein oder zwei neue Fälle. Die Kinder und Jugendlichen seien mit der Situation oft genauso unzufrieden wie die Eltern, erläutert Psychologe Rotthaus. „Ich hatte beispielsweise ein Mädchen, das mir immer wieder erzählte, wie sehr sie darunter litt und dass sie das gerne ändern möchte.“ Als dann die Eltern zur Sitzung hinzukamen, habe das Mädchen Mutter und Vater aber auf die übliche Weise beschimpft.

Trotzdem sei der Weg nach außen wichtig. Bei Problemen mit Gewalt spiele Geheimhaltung oft eine Rolle, sagt Rotthaus. „Die Aufhebung der Verschwiegenheit und Heimlichkeit ist etwas ungeheuerlich Wirksames.“

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