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Ermittlungen

Warum musste Maria Baumer sterben?

Maria Baumer ist gefunden – doch der Fall ist nicht gelöst. Die Polizei arbeitet mit Profilern, um die Lücken, die der mysteriöse Tod aufwirft, zu schließen.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Der Tod von Maria Baumer bleibt rätselhaft. Die Polizei sucht fieberhaft nach Antworten, während der Tatverdächtige nur eines will: sofort raus aus der Untersuchungshaft. Denn er hält sich für unschuldig.

Regensburg.Es gibt keine Todesursache und es gibt keinen Todestag. Es gibt nur die Gewissheit, dass Maria Baumer starb. Doch mit dem Fund ihrer Leiche ist der Fall nicht gelöst, er scheint sogar immer mysteriöser zu werden. Und es gibt immer mehr Fragen zu dem Mann, den Maria geliebt hat: ihren 28-jährigen Verlobten. Seit 11. September sitzt er in Untersuchungshaft. Jetzt schweigt er. Doch als Maria Baumer verschwand, hat er viel geredet. In Sozialen Netzwerken, im Bayerischen Fernsehen und in einer Sondersendung von „Aktenzeichen XY“. Die Ermittler glaubten an ein Ablenkungsmanöver. Doch können sie das dem Mann auch beweisen?

Schenkt man nämlich dem Anwalt des Tatverdächtigen Glauben, dann hat die Polizei bislang nur wenig Substanzielles vorzuweisen. Ein Konstrukt aus Indizien, in dem Anwalt Michael Haizmann schon manches allein beim Aktenstudium widerlegt haben will. Haizmann geht sogar so weit, ein Tötungsdelikt infrage zu stellen. „Die Auffindesituation ist ein Indiz für eine Gewalthandlung, belegt aber nicht zwingend eine Gewalthandlung.“

Verlobungsring im Nachtkästchen

Wer den Fall über die vergangenen 16 Monate mitverfolgt hat, der findet jene Ungereimtheiten, die nun wohl Dreh- und Angelpunkt der Ermittlungen sind. Es geht zum Beispiel um die beiden Telefonate, die der 28-Jährige mit Maria Baumer noch am Tag ihres Verschwindens geführt haben will. Ihr Handy hatte die junge Frau in der Nachttischschublade zurückgelassen, so sagte es der Verlobte bei „Aktenzeichen XY“. Ein Widerspruch ergab sich bereits dadurch, dass der 28-Jährige von zwei Telefonaten berichtete, während die Polizei stets von einem Anruf und einer Sms sprach. Für beides gibt es keine Bestätigung. Ein Anruf aus einer Telefonzelle oder mit einem Prepaid-Handy auf das Mobiltelefon des Verlobten konnte nicht mehr ermittelt werden. Damit sind auch alle Angaben des Verlobten für den Tag des Verschwindens nicht überprüfbar.

Trotzdem geht die Polizei weiterhin der Frage nach, ob Maria Baumer am Pfingstsamstag noch nach Nürnberg zu einem Termin unterwegs war. Ermittelt wird auch hier auf Grundlage der Angaben des Verlobten. Inwieweit sich inzwischen Zeugen gemeldet haben, die einen Termin der 26-Jährigen in Nürnberg bestätigen können, gibt die Polizei nicht bekannt. So wie sie alle eingehenden Hinweise rund um den vergangene Woche erstellten Fragenkatalog derzeit geheim hält.

Ungeklärt bleibt auch, wie Maria Baumer am Tag ihres Verschwindens bekleidet war. Am Fundort der Leiche wurden weder Kleider noch Schuhe gefunden. Die Polizei tappt bei dieser Frage im Dunklen, bittet deshalb um Zeugenhinweise. Interessant ist dabei vor allem der Umstand, ob jene Bekleidung, die Maria Baumer am Freitag beim Grillfest auf dem Reiterhof ihres zukünftigen Schwagers trug, später in der Schmutzwäsche lag. Für diese Bekleidungsstücke gäbe es Zeugen. Sie hätten also identifiziert werden können, wenn Maria Baumer sie in der Nacht zu Samstag abgelegt hat. Ist diese Kleidung allerdings verschwunden, dann könnte man davon ausgehen, dass die junge Frau in der Nacht nicht mehr in der gemeinsamen Wohnung in Regensburg war.

Die Polizei sagt auf diese Frage, dass nach der Kleidung von Maria Baumer gesucht werde. Sie räumt ein, dass nicht näher eingegrenzt werde, ob es sich um die Bekleidung vom Freitag, über deren Zusammenstellung nichts bekannt ist, oder jene vom Samstag – der Verlobte spricht von fehlenden T-Shirts und langer Trekkinghose – handelt.

Während der Schlüsselbund der Toten mit Snoopy-Anhänger bis heute nicht auffindbar ist, war der Verlobungsring seit dem Verschwinden der jungen Frau in der Nachttischschublade. Fraglich ist, ob sie ihn dort selbst abgelegt hat. Der Verlobte sprach von einer Auszeit, um die ihn Maria telefonisch gebeten habe. Der Annahme, dass es in der Beziehung gekriselt haben könnte, hält Anwalt Haizmann entgegen: „Die Beziehung war intakt, die Hochzeit geplant.“ Nur der Ring in der Schublade passt nicht zu dieser Erklärung.

Nach dem Verschwinden der frisch gewählten KLJB-Landesvorsitzenden blieb der Fall monatelang in diesem Ermittlungsstadium stecken. Dann ging der Verlobte mit Marias Zwillingsschwester ins Studio von Aktenzeichen XY, um die ZDF-Zuschauer um Hilfe zu bitten. Die Polizei hatte schon damals den Lebensgefährten unter genauer Beobachtung, ließ aber die Öffentlichkeit in dem Glauben, dass man sich das Verschwinden der jungen Frau überhaupt nicht erklären könne.

Vergebliche Suche am Jakobsweg

Und so wurde die Spur zum Jakobsweg zum Hoffnungsschimmer für alle, die um das Leben der 26-Jährigen bangten. Vier Zeugen wollten Maria Baumer im Juni 2012 im Ennepe-Ruhr-Kreis gesehen haben. Fast ein Jahr später suchte die Polizei dort mit Mantrailer-Hunden die Gegend ab. Gleich zweimal. Und jedes Mal schlugen die Hunde an. Doch die Polizei wollte dies nicht als sichere Spur werten, denn die Hunde könnten irren, hieß es. Hatte man zu diesem Zeitpunkt schon einen ganz konkreten Verdacht gegen den Verlobten? Dafür spricht, dass der Verlobte auf Facebook die vielen Vernehmungen durch die Polizei anprangerte. Noch am Tag bevor die Leiche gefunden wurde schrieb er: „Da ist es schwer, alle paar Wochen bei der Polizei neue Aussagen zu machen, klar, es gehört dazu, und wir sind dankbar, dass sich eine Ermittlungsgruppe Maria angenommen hat. Aber versteht doch auch uns Angehörige und Freunde einmal, dass es Grenzen gibt, die schon mehrfach übertreten wurden, von euch, von den Beamten, klar weil sie ihre Arbeit machen und in alle Richtungen ermitteln.“

Und die Ermittlungen liefen nun auf Hochdruck, das bekam wohl auch der 28-Jährige zu spüren. Ende Juli kamen die Spürhunde schon wieder zum Einsatz. Diesmal an ganz anderer Stelle. In einem Waldstück bei Bernhardswald. Warum die Polizei dort suchte und auch Grabungen durchführte, das hat sie bis heute nicht bekanntgegeben. Offiziell wurde der MZ auch nie bestätigt, dass sich ein naher Angehöriger in seinen Aussagen in Widersprüche verwickelt hatte. Es muss in diesem Waldstück wohl eine Spur zu Maria gegeben haben. Die Hunde haben sie gerochen, die Ermittler haben sie erahnt.

Polizei ermittelt jetzt im Geheimen

Auch wenn es seitens der Polizei keine Auskunft dazu gibt, so liegt die Vermutung nahe, dass die 26-Jährige nicht dort starb, wo später ihre sterblichen Überreste von Pilzsammlern gefunden wurden. Dafür spricht auch, dass die Polizei Zeugen sucht, die seit April 2013 Beobachtungen rund um den Auffindeort zehn Kilometer von Bernhardswald entfernt gemacht haben. Hatte möglicherweise jemand Angst bekommen und die sterblichen Überreste umgebettet?

Die Polizei hat Fallanalytiker, sogenannte Profiler, angesetzt, um die Lücken im Fall Maria Baumer zu schließen. Doch diese Ermittlungsarbeit läuft derzeit unter höchster Geheimhaltungsstufe ab. So wie auch Fragen rund um den am Auffindeort entdeckten Spaten und die Trinkflasche abgeschmettert werden. Im Moment wird noch nicht einmal bekannt gegeben, ob die Gegenstände überhaupt im Zusammenhang mit dem Tod der jungen Frau stehen.

Durchgesickert ist vergangene Woche, dass an der Leiche von Maria Baumer Löschkalkanhaftungen gefunden wurden. Auch dazu schweigt die Polizei. Möglicherweise ist dies der wichtigste Hinweis auf ein Tötungsdelikt. Denn wie der Münchner Rechtsmediziner Prof. Dr. Wolfgang Eisenmenger der MZ sagte, wurde Löschkalk verwendet, um in Massengräbern Verwesungsprozesse zu beschleunigen. Falls dieses Ziel jemand bei Maria Baumer verfolgt hat, so dürfte das gelungen sein.

Jetzt liegt es an den Ermittlern. Vielleicht gelingt es ja doch noch, den trauernden Angehörigen irgendwann zu erklären, wie, wann und warum Maria sterben musste.

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