MyMz

Angst war der große Antrieb

Helmut Schug und Johanna Werner-Muggendorfer blicken zurück auf die Demonstrationen rund um die geplante WAA in Wackersdorf.
Von Wolfgang Abeltshauser

Während einer Demonstration gegen die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf am 31. März 1986 kam es am Bauzaun zu Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Demonstranten. Foto: Istvan Bajzat/dpa
Während einer Demonstration gegen die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf am 31. März 1986 kam es am Bauzaun zu Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Demonstranten. Foto: Istvan Bajzat/dpa

Abensberg.Die Szene ist dem Abensberger Helmut Schug noch vor Augen, als wäre sie gestern gewesen. „Ein Mann in Tracht ging auf einen Polizisten zu und zeigte ihm seinen Ausweis.“ Dann sagte er: „Ich bin hier, weil ich Angst habe. Wer sind sie und warum sind sie hier?“ Der perplexe Ordnungshüter wusste keine Antwort.

In Schugs Augen ist das ein Sinnbild für das Besondere an den Protesten in den 80er Jahren gegen die Wiederaufbereitungsanlage (WAA) in Wackersdorf. Dort engagierten sich viele Menschen aus Niederbayern und der Oberpfalz, die davor wohl nie daran gedacht hätten, zu einer Demo zu gehen. „Und das zu einer Zeit, als demonstrieren bei weitem nicht so normal war wie heute“, betont der ehemalige Lehrer. Dass die Landtagsabgeordnete Johanna Werner-Muggendorfer heute immer noch von einer Friedensdemo in Neustadt aus dieser Zeit schwärmt – die einzige, die es in ihrer Heimatstadt jemals gegeben hat, ist ein Beleg dafür.

Helmut Schug und Johanna Werner-Muggendorfer haben die Anti-WAA-Plaketten noch. Foto: Abeltshauser
Helmut Schug und Johanna Werner-Muggendorfer haben die Anti-WAA-Plaketten noch. Foto: Abeltshauser

Beide gehörten zu den Zeitgenossen aus der Region, die regelmäßig – „alle paar Wochen“ – in Wackersdorf Flagge zeigten. Die Mobilisierung sei damals enorm gewesen. Einen Bus voller Demonstranten hätten die Jusos aus dem Landkreis – beide waren Mitglied – damals immer zusammenbekommen. Da seien aber auch immer Nichtparteimitglieder mit dabei gewesen.

Weit weg von Krawallmachern

Bei Rückblicken aus der heutigen Sicht auf die Proteste im Landkreis Schwandorf wegen der WAA stehen oftmals Gewaltbilder im Vordergrund. Demonstranten, die versuchen, den Bauzaun zu überwinden. Wasserwerfer, die auf Menschen zielen. Schug und Werner Muggendorfer betonen im Gespräch mit unserem Medienhaus: Mit den Krawallmachern vom autonomen Block hatten und haben sie nichts am Hut. Die Politikerin blicke heutzutage auch mit Unverständnis auf Umtriebe, wie sie es beispielsweise beim G20-Gipfel in Hamburg gegeben habe.

Hier finden Sie eine Reportage über Wackersdorf

Ihnen ging es um friedliches Demonstrieren. Die Teilnehmer an diesen Veranstaltungen seien auch klar die Mehrheit gewesen. Breite gesellschaftliche Gruppen hätten das getragen: Jusos, Gewerkschaften, Kirchen. Für die Gruppe aus dem Landkreis Kelheim stand am Anfang eines Demo-Tages immer erst einmal ein langer Fußmarsch hin zum Gelände. Auf halber Strecke stand ein Marterl. „Dort hielt ein Priester immer eine Andacht“, stellen beide den friedlichen Charakter in den Vordergrund.

Sicherlich gab es auch für sie Kontrollen der Polizei. Die aber gar nicht so scharf gewesen seien. Zumindest ist das im Rückblick der Eindruck der Abgeordneten. Trotzdem ging eine Juso-Fahne verloren. „Die Stange war den Polizisten zu lang.“ Sie hat das gute Stück nicht mehr zurückbekommen. Das ärgere sie bis heute – und lächelt dabei verschmitzt. Sie räumt ein, schon ein wenig Angst gehabt zu haben bei Fahrten nach Wackersdorf, obwohl es nie zu gewalttätigen Auseinandersetzungen ihrer Gruppe gekommen war. Immerhin: Einmal haben sie Tränengas abbekommen. Zumindest Schug erinnert das. Zwei Tage spürte er es in den Augen.

Wackersdorf – der Film

  • Streifen:

    Der preisgekrönte Politfilm „Wackersdorf“ läuft heute um 19 Uhr im Roxy-Kino. Der Eintritt beträgt 8,50 Euro. Die SPD Abensberg spendiert jedem Besucher während des anschließenden Gesprächs ein Freigetränk. Auch im Kelheimer Lichtspielhaus läuft der Streifen heute an.

  • Gespräch:

    In Anschluss an den Film in Abensberg können sich die Besucher mit dem Schwandorfer Altlandrat Helmut Schuierer unterhalten – der Galionsfigur des Widerstands. (wo)

Die Frage, warum sie sich und viele andere aus der Region gegen die WAA engagiert haben, beantworten beide mit klaren Worten: „Wir hatten Angst vor dieser unberechenbaren Technik.“ Bei den Menschen aus dem Landkreis Schwandorf sei wohl auch noch Zorn dazu gekommen, dass man in die damals strukturarme Region ausgerechnet so eine Anlage habe setzen wollen. So sagt es Werner-Muggendorfer.

Volles Zelt am Gillamoos

Außerdem gab es ein großes Vorbild für alle Demonstranten. Das stellt Schug heraus. Im Blick hat er den damaligen Schwandorfer Landrat Hans Schuierer. Der hatte sich ganz eindeutig gegen das Projekt gestellt, obwohl er letztendlich ja ein Staatsbeamter gewesen sei. „Das war Zivilcourage“, lobt der Abensberger. Der der SPD-Mann habe damit ja sogar seinen beruflichen Werdegang gefährdet. Das habe sicherlich auch mobilisiert.

Der ehemalige Landrat Hans Schuierer kommt heute ins Abensberger Roxy-Kino. Foto: Timm Schamberger/dpa
Der ehemalige Landrat Hans Schuierer kommt heute ins Abensberger Roxy-Kino. Foto: Timm Schamberger/dpa

Schug nennt als Beleg den Gillamoos. Denn auf den hatte er Schuierer bereits Mitte der 80er Jahre als politischen Redner eingeladen – in der Hochzeit der Proteste also. „Das Zelt war bis auf den letzten Platz gefüllt.“ Das schaffen heutzutage nicht einmal hochrangige Bundespolitiker der SPD beim traditionellen Jahrmarkt in der Babonenstadt.

Der offizielle Trailer zum Wackersdorf-Film

„Es war die totale Überraschung“, beschreibt Schug den Augenblick, an dem sie erfuhren, dass die umstrittene Anlage gestorben war. „Verblüffend, völlig unerwartet“, sind die Worte der Neustädterin. Die Hoffnung, dass dies geschehe, hätten sie selbstverständlich gehabt. „Aber wir haben nicht damit gerechnet.“ In ihren Augen wäre es so etwas wie ein Wunder gewesen. Sicherlich: Grund sei gewesen, dass die beteiligten Industrieunternehmen kalte Füße bekommen hätten. Die haben das Projekt nicht mehr weiterverfolgt, da sie zu viele negative Schlagzeilen für sich selbst befürchteten.

Widerstand lohnt sich

Trotzdem sind sich Schug und Werner-Muggendorfer sicher: „Es war ein Erfolg der Demokratie.“ Denn der Einsatz der Mehrheit der Bevölkerung habe die Entscheider zu dieser Einsicht gebracht. Außerdem sei der Widerstand gegen die WAA ein Beispiel dafür, was Menschen erreichen können, wenn sie zusammenhalten und nicht aufgeben.

Sowohl der ehemalige Pädagoge als auch die Landtagsabgeordnete betonen, dass ihr weiterer Weg schon durch die Jahre des Protestes gegen Wackersdorf geprägt gewesen sei. Sicherlich habe das Werner-Muggendorfer einen weiteren Anstoß gegeben, in die Politik zu gehen. Für den früheren Sozialkundelehrer sei es ganz gut gewesen, vor seinen Klassen nicht nur theoretisch über Meinungsfreiheit reden haben zu können.

Hier finden Sie weitere Artikel über den Widerstand gegen die WAA.

Hier finden Sie weitere Artikel über Abensberg.

Hier finden Sie weitere Artikel über Neustadt.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht