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WAA

Berliner Polizei schlug zu

Die Wiederaufarbeitungsanlage ist Geschichte, aber nicht in Vergessenheit geraten. Bilder vom „blutigen Herbst“ 1987 haben sich ins Gedächtnis eingebrannt.
Von elisabeth Hirzinger

Wehrlos waren die WAA-Gegner den Attacken der Sondereinheit ausgesetzt. Foto: Archiv

Schwandorf. Ich sehe sie noch vor mir stehen. Martialisch sahen sie aus, furchterregend. Die Polizisten des Berliner Sondereinsatzkommandos waren in voller Montur angerückt, in schusssicheren Westen, Knie-, Schienbein- und Armschützern, ausgerüstet mit Schlagstöcken, das Gesicht hinter Vollvisierhelmen mit eingebautem Funkgerät verborgen. Sie redeten nicht. Sie schlugen, wahllos, so schien es, auf Menschen ein, Männer, Frauen, Journalisten, egal. Wer nicht flüchten konnte, wurde niedergeknüppelt.

Der Schauplatz des Gemetzels: Das Gelände vor dem Bauzaun der geplanten Wiederaufarbeitungsanlage. Am 10. Oktober 1987 haben sich dort Szenen abgespielt, die jegliche Vorstellungskraft sprengen. Dabei waren die WAA-Gegner und Journalisten, die jahrelang Wochenende für Wochenende im Einsatz waren, die einen, um gegen ein „WAAhnsinns“-Projekt zu demonstrieren, die anderen, um die Aktionen zu dokumentieren, einiges gewohnt.

Polizei war zu WAA-Zeiten allgegenwärtig. Polizeiautos so weit das Auge reichte, Hubschrauber, die über den Dörfern um Wackersdorf kreisten, Hausdurchsuchungen, Festnahmen, Gas- und Knüppeleinsätze, gehörten genauso zum Bild vom erbitterten Kampf gegen die Wiederaufarbeitungsanlage wie Steine werfende und am Zaun sägende Vermummte und hunderttausende friedliche Demonstranten.

Friedlich hatte auch der 10. Oktober 1987 begonnen. Es war einer der angekündigten Herbst-Aktionstage. 25000 bis 40000 Demonstranten – wie immer gingen die Schätzungen von Veranstaltern und Polizei weit auseinander – waren aus dem ganzen Bundesgebiet nach Wackersdorf gekommen.

Auf dem Volksfestplatz von Wackersdorf herrschte Festivalstimmung. Redner geißelten die Pläne der Bayerischen Staatsregierung, mitten in der Oberpfalz eine Wiederaufarbeitungsanlage zu bauen. Der Schriftsteller Wolfgang Ehmke zitierte den Friedensforscher Robert Jung mit den Worten „gewaltlos oder militant, Hauptsache Widerstand“.

„Vielfalt und Unberechenbarkeit sind unsere Kraft“, rief Ehmke noch. Aber das dürften die meisten WAA-Gegner schon nicht mehr gehört haben. Tausende waren bereits, angeführt von einer Samba-Gruppe, zum WAA-Gelände gezogen, wo sie schon nach wenigen hundert Metern von Polizeibeamten hinter Sperrgittern gestoppt wurden.

Der Protestmarsch zum Bauzaun war vom Landratsamt verboten worden. Das Verbot hatte das Verwaltungsgericht Regensburg in einer Eilentscheidung noch bestätigt. Aber von Verboten haben sich WAA-Gegner, erprobt im jahrelangen Widerstand, zu dem Zeitpunkt nicht mehr beeindrucken lassen.

Die Demonstranten ließen sich nicht aufhalten, nicht durch Aufrufe der Polizei, nicht durch Tränengas. Sie wurden aber auch nicht aufgehalten, als sie neben der Absperrung durch den Wald zum Baugelände liefen – obwohl die Polizei in großer Stärke einsatzbereit war.

Tausende von Demonstranten liefen an diesem 10. Oktober ahnungslos dem Berliner Kommando vor die Schlagstöcke. Die Spezialeinheit kümmerte sich nicht um die Schwarzen Blocks, um die Autonomen, die am Bauzaun Stahlkugeln in Richtung Polizei schossen und Steine warfen. Dabei wäre es zu dem Zeitpunkt ein Leichtes gewesen, die Autonomen einzukesseln und aus der großen Menge der Demonstranten herauszulösen.

Stattdessen ging die Polizei mit einer noch nie dagewesenen Brutalität auf die friedlichen Demonstranten los. WAA-Gegner und Journalisten konnten zunächst gar nicht fassen, was sich vor ihren abspielte, immer wieder: Ein Polizist zeigte mit dem Schlagstock in eine Richtung und ein ganzer Pulk der Sondereinheit stürmte los.

Sekunden später rennen Demonstranten weg, einzelne stürzen, getroffen von Gummi- und Holzknüppeln zu Boden, Blut spritzt. Überall liegen Verletzte im Staub, viele bluten, einzelne müssen reanimiert werden, andere werden mit großen Platzwunden am Kopf, Schädel- und Wirbelsäulenverletzungen weggetragen. Einer der Demonstranten hat ein faustgroßes Loch im Kopf. Er verliert viel Blut und wird ohnmächtig. Der Mann wird trotz seiner schweren Verletzungen an den Haaren in Richtung Bauzaun gezogen.

Am Eingang zum Baugelände warten Sanitäter auf die Festgenommenen. Wer dort in Handschellen abgeliefert wird, braucht in der Regel medizinische Hilfe. „Die haben mir die Zähne rausgeschlagen“, schreit ein wütender WAA-Gegner, dem aus Nase und Mund Blut rinnt. „Mörder, Mörder“, rufen die Demonstranten – und rennen um ihr Leben.

Unter den Schwerverletzten ist auch eine junge Sanitäterin, der einer der Berliner seinen Schlagstock mit solcher Wucht ins Genick geschlagen hat, dass der Knüppel, wie Zeugen berichteten, zerbrach. Fünf Sanitäter, darunter zwei Polizeisanitäter, kümmern sich um die Schwerverletzte, als plötzlich die Berliner Bereitschaftspolizei auf die Gruppe losstürmt, mit erhobenen Schlagstöcken. Erst als einer der Polizeisanitäter sein grünes Barett schwingt, drehen sie ab und suchen sich neue Opfer.

Die Attacken der Spezialeinheiten sind nicht berechenbar. Die Berliner, so scheint es, agieren losgelöst von den anderen Polizeieinheiten vor Ort. Sie lassen sich auch von deutlich sichtbaren Presseausweisen nicht beeindrucken. Der Ausweis ist signalfarben orange und ich trage ihn, wie immer, gut sichtbar, an einem langen Band am Hals. Plötzlich zeigt ein hölzerner Schlagstock in meine Richtung. Sekunden später liege ich im Dreck, schlagen Hände in schwarzen Lederhandschuhen auf mich ein. Der Schock sitzt tief. Ein Gefühl zwischen Angst und unbändiger Wut macht sich breit.

Langsam treten die WAA-Gegner den Rückzug an. Endlos lang ist der Zug. Müde verlassen die Demonstranten das Schlachtfeld, auf dem rote Lachen im Staub die blutigen Spuren markieren, die die Berliner hinterlassen haben. Viele gehen durch den Wald, glauben sich dort in Sicherheit. Ein Irrglaube, wie auch ich wenig später feststellen musste. Ein zweites Mal habe ich an diesem Tag Prügel bezogen. Und ich war nicht die Einzige.

Alle Ermittlungen eingestellt

Nach offiziellen Angaben wurden am 10. Oktober in Wackersdorf 39 Personen verletzt, darunter auch der Bundestagsabgeordnete der Grünen, Michael Weiß. Die meisten der Verletzten haben nach den Exzessen der Berliner Sondereinheit Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Die Staatsanwaltschaft hat ermittelt. Herausgekommen ist dabei nichts. Worüber sich letztendlich niemand gewundert hat, da die Täter nicht zu identifizieren waren.

Ein Problem, das übrigens bis heute nicht gelöst ist. Identifizierungskennzeichen für Polizeibeamte im Einsatz waren erst am Donnerstag bei einer Podiumsdiskussion in Regensburg wieder ein Thema, das die SPD immer wieder auf die Tagesordnung setzt. Bislang ohne Erfolg. CSU, FW und FDP lehnen es ab.

Die 1987 eingeleiteten Ermittlungsverfahren wurden übrigens allesamt eingestellt. Von den Angehörigen des Sonderkommandos wurden 45 vernommen und keiner angeklagt.

Es kam damals auch zu einer Anhörung im Landtag, bei der Zeugen der Vorfälle zu Wort kamen. Doch die geladenen Vertreter des Justiz- und Innenministeriums glänzten durch Abwesenheit. Nur Hohn und Spott hatte Innenminister August R. Lang (CSU) bei einer Fragestunde im Landtag für die WAA-Gegner übrig: „Jetzt hat mal die Polizei zugelangt, ... jetzt jaulen’s auf der anderen Seite schon wieder.“ Dafür bescheinigte er der Polizei ausdrücklich „hervorragende Arbeit“ und lobte das Berliner Spezialkommando für seinen Einsatz.

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