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Der Protest schlummert nur

Die WAA-Gegner waren beseelt von der Idee, Großes zu bewirken. Die Sehnsucht nach einer vereinten Bewegung lebt auch heute.
Von Jana Wolf

Vereint im Widerstand: In Wackersdorf gingen vor 30 Jahren Tausende Menschen gemeinsam auf die Straße. Sie waren überzeugt davon, mit ihrem Protest etwas bewirken zu können und sahen sich als glühende Demokraten. Foto: Archiv Nowak
Vereint im Widerstand: In Wackersdorf gingen vor 30 Jahren Tausende Menschen gemeinsam auf die Straße. Sie waren überzeugt davon, mit ihrem Protest etwas bewirken zu können und sahen sich als glühende Demokraten. Foto: Archiv Nowak

Regensburg.Es gibt diese Sehnsucht, Teil einer Bewegung zu sein. Hand in Hand. Gemeinsam gegen den Rest der Welt. Die Sehnsucht nach einem ungebrochenen Idealismus, mit dem eigenen Handeln den Lauf der Dinge beeinflussen zu können.

Dieses Gefühl bringt Menschen dazu, gemeinsam auf die Straße zu gehen. Es hat Tausende Oberpfälzer vor 30 Jahren dazu angespornt, im Kampf gegen die Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) in Wackersdorf jahrelang aufzubegehren. Es hat junge Menschen aus ganz Deutschland und Europa dazu veranlasst, im Sommer 2017 gegen den G20-Gipfel in Hamburg zu protestieren. Es treibt Pegida-Anhänger in Leipzig zu Montagsdemos, die ägyptische Jugend auf den Tahrir-Platz in Kairo, türkische Erdogan-Kritiker in den Gezi-Park in Istanbul. So unterschiedlich die Bewegungen in ihren Anliegen sind, so weit ihre politischen Ausrichtungen voneinander abweichen, haben sie doch eine Sache gemeinsam: Es ist das Gefühl, in einer Bewegung vereint zu sein.

Emotionaler Widerstand

Tocotronic hat dieser Sehnsucht 1995 einen eigenen Song gewidmet. „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ – Sänger Dirk von Lowtzow fleht, klagt, ruft diese Zeile in dem gleichnamigen Song in die Welt hinaus. „Und jede unserer Handbewegungen hat einen besonderen Sinn, weil wir eine Bewegung sind.“ Dazu dreckige Gitarrenriffs und blecherner Schlagzeuglärm. Das französische Autoren-Duo Albert Ogien und Sandra Laugier – er Soziologe, sie Philosophin – drücken es in ihrem Buch „Das Prinzip Demokratie“ nüchterner aus und sprechen von der „Emotionalität des politischen Engagements“. Egal ob im Song oder der wissenschaftlichen Monografie, die Aussage ist die gleiche: Politische Bewegungen werden nicht nur durch sachliche Anliegen zusammengehalten. Sie werden getragen und angespornt von einem Gefühl, das alle Anhänger teilen.

„Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ – in diesem Video-Clip hören Sie den Tocotronic-Song:

In der Oberpfalz hat der Widerstand gegen die WAA in Wackersdorf Geschichte geschrieben. Tausende Anti-Atomkraft-Gegner waren beseelt von der Idee, mit vereintem Engagement die Atomanlage im Taxöldener Forst verhindern zu können. Die Demonstranten bauten Hüttendörfer, hielten Andachten ab, schlossen Freundschaften. Vielleicht nicht gegen den Rest der Welt, aber sicher gegen die bayerische Staatsregierung. Der Feind stand fest: Franz Josef Strauß und sein Gefolge.

Frühere WAA-Gegner erinnern sich an den Widerstand vor 30 Jahren und erzählen, wie diese Zeit die Region verändert hat:

Der WAA-Widerstand veränderte die Oberpfalz

Vereint gegen einen Feind

Je öfter der damalige Ministerpräsident die WAA-Gegner „Chaoten“ oder „apokalyptische Narren ihrer eigenen Dummheit“ schimpfte, desto enger wuchsen die Widerständler zusammen. Der Feind in München bestärkte das Gemeinschaftsgefühl. Vereint wollten sie die verkrustete Obrigkeitshörigkeit der Oberpfalz durchbrechen und frischen Wind verströmen.

Das Jahr 1988 markiert den Anfang vom Ende der WAA. In einem großen Feature fragen wir Peter Gauweiler, Hans Schuierer und andere: Wie weit darf Protest gehen?

Spricht man heute mit WAA-Zeitzeugen, dann ist noch immer der Widerstandsgeist spürbar, der in ihnen steckt. Fragt man sie aber, was von dem Protestwillen in der jungen Generation weiterlebt, sind die Einschätzungen ernüchternd. Die Jugend von heute fällt beim Eignungstest zum Widerstand durch – zumindest, wenn es nach den WAA-Gegnern geht.

Also kein vereinter Kampfeswillen mehr? Kein Idealismus? Alles Geschichte? Nein, so einfach geht die Rechnung nicht auf. Der jungen Generation pauschal mangelnden politischen Einsatzwillen vorzuwerfen, ist zu kurz gedacht.

MZ-Podiumsdiskussion zur WAA-Zeit

Die Podiumsdiskussion steht unter dem Titel „30 Jahre nach dem WAAhnsinn – Was von Wackersdorf bleibt“. Weitere Details zur Veranstaltung finden Sie hier!

Die politischen Rahmenbedingungen haben sich seit den 1980er Jahren drastisch verändert. Was heute fehlt, ist der eine, klar definierte Feind. Während sich die WAA-Gegner vor 30 Jahren gemeinsam gegen Strauß und die bayerische Staatsregierung stemmten, verlaufen die Konfliktlinien heute diffuser und globaler. Das bedeutet nicht, dass junge Menschen heute nicht mehr aufbegehren. Die G20-Proteste in Hamburg mit Zehntausenden Demonstranten sind ein Beweis dafür. Doch die heutigen Bewegungen sind anders organisiert als der Protest gegen die Anlage im Oberpfälzer Forst.

Proteste mit globalem Ausmaß

Die Proteste in Hamburg richteten sich nicht gegen eine einzelne Regierung. Sie adressierten eine internationale politische Elite von Trump über Putin bis zu Erdogan. Auch die politischen Anliegen, mit denen Demonstranten aus ganz Deutschland und Europa in die Hansestadt reisten, umfassten die Probleme der Welt: vom Aufschwung autoritärer Populisten über eine außer Kontrolle geratene Finanzwirtschaft bis zu Umweltzerstörung. Die Anliegen sind nicht weniger dringlich als früher. Doch ihre Bandbreite und ihr globales Ausmaß machen sie schwerer greifbar.

Das Forscher-Duo Ogien und Laugier beschreibt in „Das Prinzip Demokratie“ das Jahr 2011 als einschneidenden Zeitpunkt, an dem eine ganze Reihe von Protesten, Aufständen und Revolutionen weltweit losgetreten wurde. Zu den bekanntesten gehören der „Arabische Frühling“, die Occupy-Bewegung ausgehend von New York und die sozialen Aufstände in Spanien oder Portugal gegen horrende Jugendarbeitslosigkeit. Natürlich lassen sich diese Bewegungen in ihren Inhalten nicht über einen Kamm scheren. Aber sie zeigen eindrücklich, dass es sehr wohl heute noch politischen Protest gibt.

Eine starke, verbindende Linie

Von Hamburg über Kairo bis New York gibt es eine starke, verbindende Linie. Es ist das Gefühl, von den politischen Repräsentanten nicht gehört und in den eigenen Anliegen nicht ernst genommen zu werden. Ein Ohnmachtsgefühl gegenüber der Macht, die über die eigenen Köpfe hinweg entscheidet. Da ist sie wieder: die Emotion.

Aus ihr entsteht der Impuls, aufzubegehren und die Geschicke selbst in die Hand zu nehmen. Aus ihr speist sich der Mut, sich gegen eine arrogante, despotische Macht zu richten. Alle genannten Bewegungen teilen die Hoffnung, durch eigenes Aufbegehren an den Verhältnissen etwas ändern zu können.

„Ich möcht mich auf euch verlassen können, und jede unserer Handbewegungen, hat einen besonderen Sinn, weil wir eine Bewegung sind.“

Tocotronic, Songzeile aus „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“

Diese Linie führt schließlich zurück in die Oberpfalz vor 30 Jahren. Viele der früheren WAA-Gegner beschreiben sich selbst als glühende Demokraten. Sie sahen es als ihre Aufgabe, sich zusammenzutun und zu handeln – voll Tatendrang und im Dienst der Demokratie. Um diesen Geist aufrechtzuerhalten und neu zu befeuern, helfen keine wehmütigen Blicke zurück in die wilde Vergangenheit. Auch die pauschale Anklage an die junge Generation, zu unpolitisch zu sein, wird heute keinen mobilisieren. Was weiterhilft, ist Hoffnung zu verbreiten, dass das eigene Handeln Früchte tragen kann.

Es gibt einen Gedanken des großen Aufklärers Immanuel Kant, der Mut macht. Kant zufolge gibt es Ideen, hinter die es, sind sie einmal in der Welt, kein Zurück mehr gibt. Nicht, weil sie künftige Gesellschaften konkret bestimmen und formen. Doch diese Ideen bleiben für alle Zeit aktualisierbar. Ogien und Laugier nennen es das „politische Erbe der kämpfenden Menschheit“. Dieses Erbe soll weiterleben und nicht in Nostalgie gehüllt werden. Den der Wunsch, Teil einer Bewegung zu sein, gibt es bis heute. Auch wenn er schlummert, kann er jederzeit Wirklichkeit werden.

Der WAA-Widerstand ist in Bildern und Videos genau dokumentiert – und doch zeigen sie nur einen Teil der Geschichte. Wir haben einige Aufnahmen im Video zusammengefasst:

WAA Wackersdorf: Die Bilder des Widerstands

30 Jahre nach den Protesten ziehen wir Bilanz. Weitere Hintergründe, Interviews, Bildergalerien und Videos finden Sie hier in unserem MZ-Spezial zur WAA-Zeit!


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