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Die alten WAA-Fronten stehen noch

Der ehemalige DWK-Vorstand Gert Wölfel und der Physiker Dr. Reinhard Proske wollen mit einem Buch über die WAA aufklären.
Von Renate Ahrens

Diese Konfrontation auf dem WAA-Gelände ereignete sich am 7. Juni 1986. Im Jahr der Nuklearkatastrophe im ukrainischen Tschernobyl erreichten die Auseinandersetzungen in Wackersdorf ihren Höhepunkt. Foto: dpa/Dreier
Diese Konfrontation auf dem WAA-Gelände ereignete sich am 7. Juni 1986. Im Jahr der Nuklearkatastrophe im ukrainischen Tschernobyl erreichten die Auseinandersetzungen in Wackersdorf ihren Höhepunkt. Foto: dpa/Dreier

Schwandorf.„Wir waren der Überzeugung, und das sind wir bis heute, dass von dieser Anlage keine gesundheitlichen Risiken ausgegangen wären. Dazu stehe ich. Wir kannten die Technologie und die Sicherheitsvorkehrungen“, sagt der Physiker Dr. Reinhard Proske. Noch heute, 30 Jahre später, sind die Geschehnisse um die geplante Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf (WAA) ein Thema in der Region. Mit einem großen Polizeieinsatz wurde damals das besetzte Baugelände geräumt; es folgten Massendemonstrationen und auch gewalttätige Auseinandersetzungen.

„Die WAA hat sich in den meisten Köpfen gleichbedeutend mit den bürgerkriegsähnlichen Zuständen eingeprägt, vor allem während der Rodung des Waldes im Taxöldener Forst und der Errichtung des Bauzauns“, schreibt Gert Wölfel nun im Vorwort seines Buches, das er gemeinsam mit Proske geschrieben und gestern der Öffentlichkeit vorgestellt hat. Bis heute würden „die alten Fronten noch genauso stehen“.

Protest nicht erwähnt

„Die WAA Wackersdorf – politisch gewollt, technisch machbar, betriebswirtschaftlich unsinnig“ ist der Titel ihres Buches, das Gert Wölfel (re.) und Dr. Reinhard Proske in Wackersdorf vorstellten. Foto: Ahrens
„Die WAA Wackersdorf – politisch gewollt, technisch machbar, betriebswirtschaftlich unsinnig“ ist der Titel ihres Buches, das Gert Wölfel (re.) und Dr. Reinhard Proske in Wackersdorf vorstellten. Foto: Ahrens

Als „Verantwortlicher für den Bau und vor allem für die vielfältigen Wiedergutmachungsmaßnahmen“ würde sich Wölfel, der die Idee zu diesem Buch hatte, in der Pflicht fühlen, aufzuklären. Die Protestbewegungen werden darin nicht erwähnt. Warum? „Sie spielen keine Rolle. Wir wollen mit dem Buch zeigen, dass die WAA nicht wegen den Demonstrationen gescheitert ist. Der Widerstand war unerheblich, zu der Zeit, als wir kamen“, so Proske.

„Es wäre keine gesundheitliche Gefährdung von der WAA ausgegangen.“

Gert Wölfel, Buchautor

Wölfel wurde im April 1987 als DWK-Vorstand (Deutsche Gesellschaft von Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen) in die Oberpfalz geschickt, um den Aufbau der Anlage zu leiten. Bislang sei zu viel spekuliert worden, sagt der heute 79-Jährige, deshalb wolle er die Menschen „wachrütteln“. Dem Buch gab er den Titel „Die WAA Wackersdorf – politisch gewollt, technisch machbar, betriebswirtschaftlich unsinnig“. Proske erläutert darin technische Zusammenhänge der Kernbrennstoffe.

Im Video erklärt Gert Wölfel, warum er das Buch geschrieben hat:

Die WAA beschäftigt bis heute

„Über die gesamtwirtschaftlichen Zusammenhänge, die zum Bau der WAA geführt haben, bestehen – wenn überhaupt – nur unzureichende Kenntnisse“, so Gert Wölfel. „Man hat immer nur die Szenen vor Augen, wie Polizisten mit Schlagstöcken auf die Gegner losgingen.“ Dabei wären auch von den Demonstranten „kriminelle Handlungen“ ausgeführt worden. „Überwiegend waren das aber doch Indianerspiele.“

Kosten: Zehn Milliarden Mark

Angela Schikora (damals Bürgerinitiative): „Ich werde das Buch wahrscheinlich nicht lesen und sehe auch keinen Sinn darin. Damit wird Gert Wölfel keine Gegner der Atomkraft überzeugen können.“ Foto: tre
Angela Schikora (damals Bürgerinitiative): „Ich werde das Buch wahrscheinlich nicht lesen und sehe auch keinen Sinn darin. Damit wird Gert Wölfel keine Gegner der Atomkraft überzeugen können.“ Foto: tre

Allein die immens steigenden Kosten hätten schließlich zum Aus der WAA geführt. Insgesamt zehn Milliarden Mark, so Wölfel, hätte die Anlage letztendlich gekostet, wenn man sie gebaut hätte. Ein Kapitel im Buch erklärt, warum überhaupt eine Wiederaufarbeitungsanlage geplant war und wie es zum Standort Wackersdorf gekommen sei. Die Politik habe die Anlage gewollt, betont Wölfel, sie wäre „kein Steckenpferd der Elektrizitätswirtschaft“ gewesen. Auch der damalige bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß, der die WAA „ungefährlicher als eine Fahrradspeichenfabrik“ bezeichnet hatte, hätte nur im Auftrag gehandelt. Man wollte bei den steigenden Strompreisen unabhängig vom Ausland sein, blickt Wölfel zurück, und seit 1974 war eine Wiederaufarbeitung der abgebrannten Brennstäbe gesetzlich vorgeschrieben.

Lesen Sie auch: Die Mittelbayerische begleitete den Widerstand von Wackersdorf über Jahre hinweg. Er brachte auch Journalisten an Grenzen.

Wegen der Kosten habe sich die Bundesregierung am Ende entschieden, den Atommüll in Frankreich und England entsorgen zu lassen, und zwar viel günstiger. „Die Politik hat eine Kehrtwendung gemacht. Doch sie hätte mehr Rückgrat zeigen sollen.“

Rudi Sommer war damals in der Bürgerinitiative und sagt: „Jeder kann natürlich seine Meinung darstellen. Falls Gert Wölfel für Atomenergie plädiert, ist er aus der Zeit gefallen.“ Atomkraft sei fatal. „Ich weiß nicht, was in dem Buch steht, aber ich werde es eher nicht lesen.“ Foto: tre
Rudi Sommer war damals in der Bürgerinitiative und sagt: „Jeder kann natürlich seine Meinung darstellen. Falls Gert Wölfel für Atomenergie plädiert, ist er aus der Zeit gefallen.“ Atomkraft sei fatal. „Ich weiß nicht, was in dem Buch steht, aber ich werde es eher nicht lesen.“ Foto: tre

Aber was sollte mit dem Gelände passieren? Letztendlich hätte das Aus, so Wölfel, zu „bis dahin noch nie da gewesenen Wiedergutmachungsmaßnahmen geführt, die die gesamte Oberpfalz gestärkt hätten. So sei zum Beispiel die Turnhalle in Wackersdorf gebaut worden, wo die Präsentation des Buches stattfand und für deren Bau Wölfel – wie auch für die Ansiedlungen der Firmen im Innovationspark – maßgeblich beigetragen hätte.

Altlandrat Hans Schuierer ist sehr am Buch interessiert. „Ich glaube, Herr Wölfel ist nach wie vor für eine Wiederaufarbeitungsanlage, aber genau weiß ich es nicht. Ich unterhalte mich relativ selten mit ihm.“ Foto: hcr
Altlandrat Hans Schuierer ist sehr am Buch interessiert. „Ich glaube, Herr Wölfel ist nach wie vor für eine Wiederaufarbeitungsanlage, aber genau weiß ich es nicht. Ich unterhalte mich relativ selten mit ihm.“ Foto: hcr

Ohne die Wiederaufarbeitungsanlage wäre Wackersdorf nie das, was es heute ist, sagt Gert Wölfel, und beschreibt im Buch ausführlich die Ansiedlungen der einzelnen Betriebe im Industriegebiet. An dem damaligen Schwandorfer Landrat Hans Schuierer seien diese Maßnahmen „wie eine Karawane vorbeigezogen“ – er habe „gar nichts, aber rein gar nichts zu diesen positiven Entwicklungen beigetragen“ und werde heute als Held der Widerstandsbewegung stilisiert.

„Unseren Wohlstand haben wir größtenteils der Kernenergie zu verdanken.“

Dr. Reinhard Proske

Schließlich, so Proske, sei die friedliche Nutzung der Atomenergie technisch kein Problem und auch nicht gefährlich. In den riesigen Endlagern wie Gorleben brauche man nur einen winzigen Teil, um dort den Atommüll zu lagern. „An den Salzstöcken würde das nicht mal kratzen.“ Selbst Plutonium mit einer Halbwertszeit von einer Million Jahre sei nur gefährlich, wenn man es als Pulver inhaliere. Aber wenn es einfach als Klotz auf dem Tisch stehen würde, könnte nichts passieren. Und er ist überzeugt: „Die WAA wäre technisch machbar gewesen.“

Die WAA-Gegner waren beseelt von der Idee, Großes zu bewirken. Die Sehnsucht nach einer vereinten Bewegung lebt auch heute. Hier lesen Sie den Essay: „Der Protest schlummert nur“

Lesen Sie auch: 1988 markiert den Anfang vom Ende der WAA. Wir fragen Peter Gauweiler, Hans Schuierer und andere: Wie weit darf Protest gehen?

Alles über den Widerstand gegen die WAA lesen Sie in unserem Spezial.

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