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MZ-Serie

Konfrontationen wie im Krieg

Für die Umwelt bleibt Irene Maria Sturm Prinzipien treu. In unserer Porträtreihe erzählt sie, wie sie gegen die WAA kämpfte.
Von Andrea Fiedler, MZ

Der Widerstand gegen eine WAA in Wackersdorf bestimmte Irene Maria Sturms Familienleben.
Der Widerstand gegen eine WAA in Wackersdorf bestimmte Irene Maria Sturms Familienleben. Foto: Screenshot

Schwandorf.Es ist einer der Tage, an dem kalte Windböen durch die Bodenwöhrer Senke pfeifen. Irene Maria Sturm zieht sich den gestreiften Schal ins Gesicht und bändigt ihre braunen Haarsträhnen, die der Wind aus dem Zopf gezupft hat. Vor ihr liegen unzählige Fabrikhallen und Bürogebäude. Sie stapeln sich wie Bauklötze. Innovationspark Wackersdorf heißt der Ort, an dem die Schwandorferin den Widerstand lebte.

Fast 30 Jahre ist es her, dass die Baupläne für eine atomare Wiederaufbereitungsanlage in der Oberpfalz weltweit für Schlagzeilen sorgten. Es ist eines der umkämpftesten, teuersten und schließlich gescheiterten Industrieprojekte in der deutschen Geschichte. Die Bevölkerung wehrte sich gegen das At0mprojekt. Bei den heftigen Protesten wurden Hunderte verletzt, drei Menschen starben.

Keine Spur des Widerstands

Der Stacheldraht am Zaun ist längst verschwunden. „Unglaublich, was an diesem Ort passiert ist“, sagt Irene Maria Sturm, als sie auf den vertrauten Pfaden läuft. Auf dem Gelände, auf dem ein Energiekonzern Brennstäbe von Kernreaktoren aufbereiten wollte, fertigen Unternehmen heute Autositze und Motorteile. An die Jahre, in denen Atomgegner Wackersdorf zu ihrer Pilgerstätte machten, erinnert im Ort nichts mehr. Stattdessen hat Irene Maria Sturm ihr eigenes Denkmal errichtet: In ihrem Wohnzimmer steht ein Stück vom dunkelgrünen Bauzaun. Zehn Zentimeter Erinnerung. Während die 60-Jährige – vor der Videokamera – vom Widerstand gegen die Atomkraft erzählt, fahren ihre Finger am kalten Metall entlang.

Sturm studiert gerade in Berlin Biologie, als sie zum ersten Mal von den Plänen der Wackersdorfer WAA hört. Es ist ein Augenblick, der sie zur Rebellin macht. Sie habe sofort gewusst, dass die Bauabsichten der totale Wahnsinn wären, sagt Sturm. „Mir war klar, ich muss mich engagieren.“ Ihre politische Widerstandsarbeit beginnt.

Teufelchen am Stacheldraht

1981 gründet sich eine Bürgerinitiative gegen die Wiederaufbereitungsanlage. Sturm tritt ihr bei, kümmert sich später im Anti-WAA-Büro um die Pressearbeit. Das ganze Leben habe sich nur um den Widerstand gedreht, erzählt sie. Am Wochenende trifft sich die Familie mit den anderen Demonstranten am Bauzaun. Zum Sonntagsspaziergang, wie die Demonstrationen heißen. Es gibt Kaffee und Kuchen, Parolen und Protest.

Sturms Töchter werden in den Jahren 1982 und 1983 geboren. Die ältere der beiden Schwestern, Anna Maria, ermittelt heute als Kommissarin im Fernsehen. In ihrer Kindheit feiert sie Fasching am Bauzaun. Sturm blättert in Fotos, erinnert sich an den Moment, als ihre Mädchen als Teufelchen verkleidet über das Gelände hüpfen. „Ich habe versucht, meinen Kindern zu vermitteln, dass man sich für die Umwelt einsetzt.“ Wenn sie ihre Töchter fragen würde, würden sie von sich aus gegen Verschmutzung von Wasser und Boden demonstrieren.

Es sind die Pfingsttage 1986, als der Widerstand seinen Höhepunkt erreicht. Hubschrauber kreisen über Wackersdorf. Polizisten und Demonstranten gehen am Stacheldrahtzaun aufeinander los. Hinter Visieren und Schildern bleibt jede Menschlichkeit verborgen. Die Beamten drängen mit Schlagstöcken die Atomgegner zurück. In der Luft steht Gas, das den Menschen die Tränen in die Augen treibt.

Höllische Angst am Bauzaun

„Die Hubschrauber sind derart tief geflogen, dass der ganze Sand aufgewirbelt wurde. Wir konnten kaum noch schnaufen.“ Natürlich habe sie höllische Angst gehabt, sagt Irene Maria Sturm. Der Gedanke an die Gewalt lässt sie selbst Jahre später schlecht schlafen. „Man wusste ja nicht, ist man der nächste, der einen Knüppel auf den Kopf kriegt oder nicht.“ Es war wie im Krieg.

Von ihrem Arbeitszimmer aus blickt Sturm über Schwandorf. Auf die Naab, deren Flusszweige wie Finger durch die Senke reichen. In den Regalen stehen Aktenordner mit Gutachten, Protokollen und Fotos. Die Umweltaktivistin archiviert jeden Schnipsel. In der Ecke liegt noch das knallgelbe Schild, von dem die lachende, rote Sonne strahlt. Es gehört zu ihrer Zeit im Anti-WAA-Büro.

Prinzipien anstatt Posten

Als die Bauarbeiten an der WAA 1989 überraschend stoppen, ist der erste Schritt zum Atomausstieg getan. „Da ist eine große Last von uns gefallen“, sagt Sturm. Jahrelang bestimmte der Widerstand das Familienleben. Bis heute wehrt sie sich gegen Atomkraft, fährt zu Veranstaltungen in ganz Deutschland.

Irene Maria Sturm legt sich genau zurecht, was sie sagen will. Sie kennt die Bedeutung der Worte. Für die Grünen saß sie im Schwandorfer Stadtrat. Im Kreis- und Landtag kämpfte sie jahrelang für die Ziele der Partei.

Manche würden sie als stur bezeichnen, meint die Lokalpolitikerin. „Ich will meinen Prinzipien treu bleiben“, antwortet sie dann. Gerechtigkeit, Umweltschutz, Frieden stehen auf ihrer Liste. Ziele sind ihr wichtiger als Posten. Als 1999 auf einem Sonderparteitag der Grünen die Mehrheit für eine deutsche Beteiligung am Kosovo-Krieg stimmt, verlässt Irene Maria Sturm die Partei. Diese Entscheidung unterstützt sie nicht. Sie würde sich gerne wieder engagieren, sagt sie fast fünfzehn Jahre später. „Aber ich weiß nicht, bei welcher Partei.“ Als Parteilose kandidiert sie nun für den Kreistag.

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