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MZ-Reporter erinnern sich an WAA-Zeit

Die Mittelbayerische begleitete den Widerstand von Wackersdorf über Jahre hinweg. Er brachte auch Journalisten an Grenzen.
Von Jana Wolf


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30 Jahre nach den Protesten ziehen wir Bilanz. Weitere Hintergründe, Interviews, Bildergalerien und Videos finden Sie hier in unserem MZ-Spezial zur WAA-Zeit!

Regensburg.Der Protest gegen die Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) in Wackersdorf liegt 30 Jahre zurück. Vergessen ist diese Zeit aber längst nicht. Die Widerstandsbewegung zog sich über rund neun Jahre – vom Bekanntwerden der Baupläne im Taxöldener Forst bis hin zum endgültigen Aus im April 1989, als der Energiekonzern Veba das Vorhaben zurückzog. Die Mittelbayerische begleitete die Ereignisse während dieser Jahre journalistisch. Sie berichtete über die Entwicklungen am Bauzaun, über friedliche Demos und gewaltvolle Ausschreitungen, über juristische Erfolge und politische Konflikte. Und nicht selten bekamen die Reporter und Fotografen die Auseinandersetzungen am eigenen Leib zu spüren. Fünf MZ-Journalisten blicken zurück.

Heinz Klein

Heinz Klein Foto: Gruber
Heinz Klein Foto: Gruber

Als Mitglied der Politik-Redaktion der Mittelbayerischen war ich oft auf dem WAA-Gelände im Einsatz. Im Gegensatz zum Polizei-Reporter suchte ich mir meinen Platz auf der anderen Seite des Bauzauns bei den Demonstranten. So erlebte ich die Einsätze der Polizei mit Wasserwerfern und CS-Gas hautnah, aber auch die Attacken gewalttätiger Demonstranten, die Steine warfen und mit Zwillen Stahlbolzen verschossen – mehr als einmal geriet ich dabei zwischen die Fronten.

Die Aufnahme gehört zu jenen Fotos, die damals nach einem Beschluss des Amtsgerichts Regensburgs beschlagnahmt wurden. Foto: MZ-Archiv
Die Aufnahme gehört zu jenen Fotos, die damals nach einem Beschluss des Amtsgerichts Regensburgs beschlagnahmt wurden. Foto: MZ-Archiv

Auch die Gewalt der für Furore sorgenden Spezialeinheit der Berliner Polizei blieb mir nicht erspart. Ich wurde Zeuge, als etwa ein halbes Dutzend dieser Beamten eine am Boden liegende Demonstrantin einkesselten und stiefelten. Später sagte ich dazu als Zeuge in einem von der SPD angestrengten Hearing im Bayerischen Landtag aus. Aber auch die Gewalt vonseiten des Schwarzen Blocks habe ich erlebt. Am Zaun herrschte dann Anarchie. Sie erlaubte es vermummten Chaoten, einfach mit einem Stein in der Hand auf ein Fernsehteam zuzugehen und das Objektiv der Kamera zu zertrümmern. So musste man als Fotograf und Reporter ziemlich auf der Hut sein, Kamera und Filme sowohl vor der Polizei als auch vor entfesselten Chaoten zu retten. Es waren für beide Seiten turbulente Zeiten, reich an zum Teil erschütternden Erlebnissen, die viele Menschen bis heute prägen.

Elisabeth Hirzinger

Elisabeth Hirzinger
Elisabeth Hirzinger

Die WAA hat eine Region gespalten. Der Riss ging nicht nur durch Familien, er teilte auch unsere Redaktion in zwei Lager: in Redakteure, die über Jahre draußen im Einsatz waren und solche, die aus unterschiedlichen Gründen lieber in der Redaktion Dienst taten – eine Konstellation, die Konflikte barg. Nicht selten habe ich die „Innendienstler“ als Weicheier verflucht, wenn ich stundenlang im Tränengasnebel stand oder mir bei Minusgraden im Hüttendorf den Allerwertesten abfror. Dabei hatten die Kollegen es auch nicht leicht. Sie wussten – damals gab es keine Handys – nie, wann wir mit welchen Nachrichten zurückkommen. Oft waren es Berichte von friedlichem Widerstand, immer häufiger aber Beschreibungen himmelschreiender Ungerechtigkeit.

Ich empfinde heute noch wahnsinnige Wut, wenn ich an die Berliner Spezialeinheit denke, deren Mitglieder wenige Monate später wahllos mit Knüppeln auf Demonstranten und Journalisten (darunter auch ich) einschlugen.

MZ-Redakteurin Elisabeth Hirzinger

Dazu gehört der Tag, an dem aus Polizeihubschraubern CN- und CS-Gaspatronen über friedlichen Demonstranten abgeworfen wurden, worauf wütende Autonome ein Polizeiauto in Brand setzten. Unglaublich, dass die Geschichte im öffentlich-rechtlichen Fernsehen in anderer Reihenfolge erzählt wurde. Ich empfinde heute noch wahnsinnige Wut, wenn ich an die Berliner Spezialeinheit denke, deren Mitglieder wenige Monate später wahllos mit Knüppeln auf Demonstranten und Journalisten (darunter auch ich) einschlugen. Unsere Anzeigen gegen Unbekannt wurden eingestellt.

Das Jahr 1988 markiert den Anfang vom Ende der WAA. In einem großen Feature fragen wir Peter Gauweiler, Hans Schuierer und andere: Wie weit darf Protest gehen?

Dieter Nübler

Dieter Nübler Foto: Kober
Dieter Nübler Foto: Kober

Ich war von Anfang an für die WAA. Man muss die radioaktiven Brennstäbe vor Ort aufarbeiten und kann das Problem nicht ins Ausland verlagern, wenn man von der Atomenergie profitiert. Dieser Meinung bin ich bis heute. Der Großteil der Kollegen in der Redaktion war damals gegen die WAA, es gab durchaus Meinungsverschiedenheiten. Am Bauzaun spielte die persönliche Einstellung aber keine Rolle. Ich war als Fotograf im Einsatz und es ging mir immer um das beste Motiv. Dafür habe ich mich auch Gefahren ausgesetzt. Es ging nicht zimperlich zu, als der schwarze Block aufmarschierte.

Den wichtigsten Film mit den Aufnahmen aus dem schwarzen Block konnte ich retten: Ich versteckte ihn in meiner Unterhose.

ehemaliger MZ-Fotograf Dieter Nübler

Am Bauzaun kam es immer wieder zu massiven Ausschreitungen. Foto: Nübler
Am Bauzaun kam es immer wieder zu massiven Ausschreitungen. Foto: Nübler

Als sich die Ausschreitungen zuspitzten, kam die Kriminalpolizei in die Redaktion in Regensburg und beschlagnahmte Fotomaterial. Zu dieser Zeit gab es nur Analogfilme ohne Sicherungskopien. Die Kripo wollte anhand der Fotos gewalttätige Demonstranten identifizieren. Den wichtigsten Film mit den Aufnahmen aus dem schwarzen Block konnte ich retten: Ich versteckte ihn in meiner Unterhose. Was mir heute missfällt: Es wird rückblickend über die „böse Polizei“ geurteilt, die angeblich so hart durchgriff. Die Polizisten haben in Wackersdorf ihren Auftrag erfüllt. Unter der Regierung Strauß herrschte ein völlig anderes politisches Klima als heute. Im Nachhinein die Polizei für ihre Einsätze zu verurteilen – da mache ich nicht mit.

Hans Scherrer

Hans Scherrer Foto: altrofoto.de
Hans Scherrer Foto: altrofoto.de

Montag, 16. Dezember 1985, Tag 4 nach Rodungsbeginn: Auf dem Gelände im Taxöldener Forst, wo WAA-Gegner übers Wochenende das Hüttendorf „Freie Republik Wackerland“ errichtet hatten, griff die Staatsmacht durch. Über Megafon forderte die Polizei, die das Hüttendorf umzingelt hatte, die Platzbesetzer auf, innerhalb von 30 Minuten das Gelände zu verlassen. Einige WAA-Gegner folgten dem Aufruf freiwillig; die Polizei stellte deren Personalien sicher. Ein Großteil der Besetzer indes blieb hocken. Greiftrupps des Bundesgrenzschutzes stürzten sich auf die überwiegend jungen Menschen, nahmen sie fest und brachten sie zu den Transportfahrzeugen. Gleichzeitig rissen Polizisten das Hüttendorf nieder. Ein Bekannter hatte mich auf einen Mann aufmerksam gemacht, der außerhalb des abgesperrten Schauplatzes stand und ein Holzkreuz bewachte, das die Polizei nicht niederreißen sollte. Der Mann sei ein katholischer Priester, so mein Bekannter. Wie ich später erfuhr, handelte es sich um Pfarrer Andreas Schlagenhaufer aus Kohlberg. Dann geschah das Unerhörte: „Herr Pfarrer, wenn Sie möchten, können Sie an die Gefangenen ein paar Worte richten“, sagte ein Polizist zum Geistlichen. Der verließ im Vertrauen seinen Standort und ging in das abgesperrte Gelände. Dort wurde er sofort festgenommen und das Kreuz abgesägt.

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