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WAA-Konflikt ist aktuell wie damals

30 Jahre ist das Aus der WAA her. Die Energiefrage ist noch nicht gelöst. Damit finden sich die Kämpfer von damals nicht ab.
Von Renate Ahrens

Unter dem geschichtsträchtigen „Kreuz von Wackersdorf“ wurden viele Erinnerungen wach. Foto: Renate Ahrens
Unter dem geschichtsträchtigen „Kreuz von Wackersdorf“ wurden viele Erinnerungen wach. Foto: Renate Ahrens

WACKERSDORF.„Wir haben das Atommüll-Problem auf nachfolgende Generationen abgeschoben – bis heute“, sagt Robert Kurz und blickt nachdenklich in den blauen Himmel. Friedlich ist es hier im Taxöldener Forst. Maiglöckchen blühen, Vögel zwitschern und die Sonne wirft goldene Sprenkel auf den Waldboden. Damals war das anders, erinnert sich der 65-Jährige aus Waldmünchen noch genau. Vor 30 Jahren war er oft hier, nahe der geplanten Wiederaufarbeitungsanlage, und zwar auf beiden Seiten. Beruflich als Polizist bei den nicht selten bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen. In seiner Freizeit als Aktivist gegen die Anlage.

Nicht leicht sei das gewesen, doch er konnte und wollte sich nicht mit dem Bau der WAA abfinden. Am Samstag kam er erneut, wie auch viele weitere ehemalige Widerstandskämpfer, Politiker und Behördenleiter, um dieser Zeit zu gedenken – mehr aber noch: um ein Zeichen zu setzen.

Der Widerstand veränderte die Oberpfalz.

Impulse für die Zukunft setzen

Kein Veteranentreffen oder gar eine Nostalgieveranstaltung sollte es werden. „Impulse für die Zukunft“ wolle man geben, betonte Pfarrer Andreas Schlagenhaufer vom Dachverband der Oberpfälzer Bürgerinitiativen gegen atomare Anlagen später in der Oberpfalzhalle. Das Thema sei noch genauso aktuell wie damals. Mit Atomkraft habe man „Dinge geschaffen, die wir noch nicht im Griff haben“, sagte Dr. Wilfried Attenberger, Professor für Leistungselektronik und Mitglied beim Bund Naturschutz. „Wir haben keinen Erfahrungshorizont und kein gesichertes Wissen. Auch wenn jetzt Atomkraftwerke abgerissen werden: Die Radioaktivität ist weiter da.“

„Damals ging es um die Atomkrise. Heute ist es die Klimakatastrophe“, warnte Ferdinand Klemm. Die Energiewende könne man schaffen und die gesamte Energie aus regenerativen Quellen beziehen. „Macht Politik der kleinen Schritte. Fahrt Bus, reduziert Fleischkonsum.“ Foto: Ahrens
„Damals ging es um die Atomkrise. Heute ist es die Klimakatastrophe“, warnte Ferdinand Klemm. Die Energiewende könne man schaffen und die gesamte Energie aus regenerativen Quellen beziehen. „Macht Politik der kleinen Schritte. Fahrt Bus, reduziert Fleischkonsum.“ Foto: Ahrens

Die nächste Generation werde sich damit beschäftigen müssen, warnt Attenberger. Diese kam auch zu Wort. Ferdinand Klemm engagiert sich bei „Fridays for future“ für Klimaschutz und findet deutliche Worte an die zumeist älteren Zuhörer: „Sie leben auf unsere Kosten. Das will und kann ich nicht akzeptieren.“ Jeder könne beitragen, die Umwelt zu schonen.

Die Energiewende sei möglich, davon ist auch Sepp Bichler überzeugt. Der Landwirt hat, wie er sagt, seine Konsequenzen aus der WAA gezogen und erzeugt heute als „Energiebauer“ erfolgreich Strom aus Photovoltaikanlagen. „Man kann nicht immer nur dagegen sein, man muss auch etwas entwickeln.“ Doch noch immer wären Menschen skeptisch, was die Solarenergie betrifft. „Lokal erzeugen“ müsse jedoch auch beim Strom die Maxime sein, erklärte Dörte Hamann vom „Aktionsbündnis gegen Südostlink“. Viele Hektar Wald müssten für die Stromtrasse gerodet werden. „Die gesundheitlichen Schäden sind außerdem nicht erforscht“, warnte sie eindringlich.

Es gebe also weitere Probleme zu lösen, und die Aufmerksamkeit der zu WAA-Zeiten gegründeten Bürgerinitiativen, von denen viele heute noch bestehen, sei nach wie vor erforderlich, betonte auch Wolfgang Baumann, einst Anwalt der Bürgerinitiative gegen die WAA.

Stehenden Applaus bekam Altlandrat und WAA-Gegner Hans Schuierer (88, rechts), der gerührt abwehrte. Noch immer warte er auf eine Entschuldigung, sagte er. „Drei Ministerpräsidenten nach Strauß haben es nicht für notwendig befunden, Fehler einzugestehen.“ Foto: Ahrens
Stehenden Applaus bekam Altlandrat und WAA-Gegner Hans Schuierer (88, rechts), der gerührt abwehrte. Noch immer warte er auf eine Entschuldigung, sagte er. „Drei Ministerpräsidenten nach Strauß haben es nicht für notwendig befunden, Fehler einzugestehen.“ Foto: Ahrens

Dem Engagement dieser Protestbewegungen dankte Hans Schuierer, Altlandrat und „Symbolfigur des Widerstands“, ausdrücklich. Viele junge Menschen wüssten leider kaum noch etwas darüber. „Wackersdorf ist ein Lehrbeispiel, was in einer Demokratie nicht passieren darf. Es ist aber genauso auch ein Musterbeispiel, was in einer Demokratie möglich ist.“ Deshalb sei es heute auch ein „Tag für die Demokratie“.

Zeitgeschichte

Hans Schuierer, ein Held wider Willen

Der Schwandorfer Altlandrat findet den Rummel um seine Person anstrengend. Für die gute Sache nimmt er ihn aber gern in Kauf.

WAA machte viele „politischer“

33 Jahre alt ist dieses T-Shirt von Josef Mertl, ehemaliger Widerstandskämpfer. Die WAA-Zeit dürfe nicht vergessen werden. Hans Well „mit seinen Wellbappn“ musizierte, wie auch schon beim „Anti-WAAhnsinnsfestival“ in Burglengenfeld. Foto: Ahrens
33 Jahre alt ist dieses T-Shirt von Josef Mertl, ehemaliger Widerstandskämpfer. Die WAA-Zeit dürfe nicht vergessen werden. Hans Well „mit seinen Wellbappn“ musizierte, wie auch schon beim „Anti-WAAhnsinnsfestival“ in Burglengenfeld. Foto: Ahrens

Dieser Meinung ist auch der fast 90-jährige Harald Engländer aus Salzburg. Am Marterl hatte er noch mit dem gleichen Schwung wie damals die Fahne geschwungen. Zusammen mit rund 100 weiteren Salzburgern war er damals in einem Protestmarsch zum WAA-Bauzaun gezogen. „Nach Tschernobyl wurde uns erst recht die Gefahr bewusst“, sagt der studierte Nachrichtentechniker. Im Jahr 1986 gründete sich eine „Anti-Atom-Partnerschaft“ zwischen Salzburg und Schwandorf, die wenig später aber vom Kreistag Schwandorf beendet wurde. „Ich bin heute aus Solidarität gekommen“, sagt Harald Engländer und bekommt am Marterl Applaus. Die WAA habe ihn geprägt. Umweltbewusster und „politischer“ sei er geworden, und das sagen viele andere ehemalige Beteiligte.

Mitten unter ihnen ist „Widerstandssockenstrickerin“ Irmgard Gietl.

„Bei der WAA ging es nicht nur um ein Bauwerk, sondern um Demokratie“, sagt Pfarrer Leo Feichtmeier. Er hatte damals die Andachten am Marterl gehalten. Dieser geistliche Beistand sei sehr wichtig gewesen, waren sich alle einig. Foto: Ahrens
„Bei der WAA ging es nicht nur um ein Bauwerk, sondern um Demokratie“, sagt Pfarrer Leo Feichtmeier. Er hatte damals die Andachten am Marterl gehalten. Dieser geistliche Beistand sei sehr wichtig gewesen, waren sich alle einig. Foto: Ahrens

In wenigen Wochen wird sie 90 Jahre alt, und alles ist ihr noch ganz genau in Erinnerung. Bei jedem Wetter war sie am Bauzaun. Nie werde er vergessen, so erzählt Pfarrer Leo Feichtmeier, der zusammen mit Pfarrer Klaus Rettig die Andacht hält, wie diese „einfache Oberpfälzer Frau“ den Polizisten, der ihr drohte, fragte, ob er denn überhaupt wisse, wie lang die Halbwertzeit von Plutonium sei. „Dieser Widerstand von unten war sehr entscheidend.“ Oft sei er aussichtslos erschienen, erinnert sich der Schwandorfer Klaus Ackermann. „Doch dann sagte ich mir: ‚Wenn wir nicht hierherkommen und kämpfen, wer dann?‘“

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