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Die vielen Gesichter des Oktoberfestes

Von Wespen und Raumschiffen: Auf der Münchner Wiesn gibt es mehr als nur Bierseligkeit.
Von Katia Meyer-Tien, MZ

Auf dem Münchner Oktoberfest findet man junges und altes Publikum, Bayern und Touristen, Bier- aber auch Weintrinker.Foto: dpa

München. S-Bahn München, kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof Donnersberger Brücke. „Auf geht’s zum Oktoberfest“, schallt es da plötzlich, aber freundlich aus dem Lautsprechern, „Wir wünschn Euch an ganz an schenen Tag“, dann: „Alight here for the Oktoberfest“. Eine Gruppe Engländer in Lederhosen prostet sich zu: Ausnahmezustand in der Münchner Innenstadt. 3,5 Millionen Wiesnbesucher verzeichnete das Tourismusamt in den ersten acht Tagen, 3,4 Millionen ausgeschenkte Maß Bier, 58 verzehrte Ochsen.

Schlechte Umsätze bei Regen

Und: „Wespen!“, schimpft Horst Traut und lugt hinter einem Herz – „Magst Du meine Frau werden“ – hervor, „überall Wespen, eine Plage ist das in diesem Jahr!“. Zum Glück vertreibt Nelkenöl die Tiere, denn sonst setzen sie sich auf seine Lebkuchenherzen, mitten auf die Zuckerschrift „Mein Schatzl“, kriechen dann in die Löcher der Plastikfolie, durch die das Bändchen gefädelt ist, und schmausen – kaum etwas ist schlechter fürs Geschäft auf der Wiesn. Außer natürlich Regen: 13 Prozent weniger Umsatz als im vergangenen Jahr hat er bisher gemacht, erzählt er, weil es den Wiesn-start so verregnet hat. Allerdings sei 2010 auch ein besonders gutes Jahr gewesen. Er kann das beurteilen: Sein Vater hatte den Herzerlstand schon seit 1954, Traut übernahm ihn 1985. Auch sein Sohn ist schon mit im Geschäft, und der Enkel, zwölf Jahre alt, hilft am Wochenende Herzerl auffädeln. Die Wiesn als Familientradition.

Es sind Betriebe wie dieser, die Gabriele Weishäupl, der Festleiterin, am Herzen liegen. In ihrem Büro am Rande der Wiesn brennt eine Kerze auf dem Schreibtisch, nur gedämpft dringt das Prosit der Gemütlichkeit aus dem nahen Schottenhamel-Zelt herein. „Sie werden von mir kein Geheul und kein Gejammer hören“, stellt sie zu Beginn des Treffens resolut klar: Es ist, nach 26 Jahren Oktoberfestleitung, ihre letzte Wiesn.

Brauchtum und Tradition hatte sie sich auf die Fahnen geschrieben, gekämpft hat sie für die Blasmusik in den Festzelten bis 18 Uhr, Wiesn ist Wiesn und Disko ist Disko, stolz ist sie auf die Oide Wiesn: „Die Oide Wiesn im Sonnenuntergang, das erfüllt die Sehnsucht der Münchner“. Was sie ihrem Nachfolger hinterlässt, ist der Kampf gegen den Preiswucher und gegen die Mindestverzehrmenge bei Tischreservierungen: „Das geht nicht, dass die Leute gemästetet werden wie die Gänse, das ist eine Unverschämtheit“. Klar gelte auf der Wiesn die freie Marktwirtschaft, aber „Abzocke muss man anprangern“. Und auch nach 26 Wiesnjahren überrascht sie immer wieder eins: Wie sehr der Erfolg der Wiesn vom Wetter abhänge. Denn 70 Prozent der Oktoberfestbesucher seien eben Münchner und Bayern.

So trifft man denn auch in München in diesen Tagen niemanden, den das Oktoberfest kalt lässt. Da gibt es die Fans, die sich jeden Tag nach Feierabend auf der Theresienwiese verabreden. Den Urmünchner, der selbstverständlich zur Mittagszeit in Tracht auf ein Hendl zur Wiesn marschiert, und die Neumünchner, für die das Oktoberfest nicht vorbei ist, bevor sie nicht zum 50sten Mal bei „Hey Baby“ auf der Bank gestanden haben. Und natürlich die große Zahl derer, die den überteuerten Konsumrausch anprangern, früher oder später aber doch im Dirndl vor dem Festzelt stehen – und sei es nur, um bei Käfer, im Weinzelt oder auch im Hippodrom einen Blick auf einen Promi zu erhaschen. Was übrigens nur selten gelingt, denn anders als die Berichterstattung mancher Medien vermuten lässt, sind etwa 98 Prozent aller Wiesnbesucher ganz normale Menschen.

Polizei braucht starke Nerven

„Raumschiffe“, ruft der kräftige Mann, am ganzen Körper bebend, über den Tresen der Wiesnpolizeiwache. „Es geht um die Festzelte, meine Herren, ich habe ihnen mitzuteilen: Das sind Raumschiffe“. Verständnisvolles Nicken von Seiten der Beamten: „Ja, Herr, Sie haben vollkommen recht, wir haben darüber schon Meldung bekommen“. Eine ganz normale Wiesnwoche sei es gewesen, sagt Wolfgang Wenger, Sprecher der Münchner Polizei, seit 31 Jahren auf dem Oktoberfest dabei. 26Maßkrugschlägereien, 317 Festnahmen, 248 Taschendiebstähle – die hätten deutlich zugenommen im Vergleich zum Vorjahr, deshalb gebe man jetzt verstärkt Warnungen heraus.

Die Strategie der Polizei: Präsent sein. 300 Beamte sind ständig auf dem Festgelände unterwegs, weitere 200 um das Gelände herum. Viel Gelegenheit für schöne Kontakte: „Manche Leute klopfen uns einfach so auf die Schulter, das tut schon gut“. Zuspruch können die Beamten gebrauchen, denn sie kennen die hässlichen Seiten des Volksfestes, die Betrügereien, die Schlägereien, die Sexualdelikte. Insbesondere den Hügel an der Theresienhöhe haben die Beamten im Auge. Sein merkwürdigstes Wiesnerlebnis? Dass einmal ein Mann so berauscht war, dass er das falsche Kind mit nach Hause genommen hat. „Die Wiesn“, sagt Wenger, „hat viele Gesichter: wunderschöne, aber auch hässliche Fratzen. Man muss das eine suchen und das andere vermeiden.“

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