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Fachkräftemangel

Pflege: Wirtschaft schlägt Alarm

Eine Studie der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft zeigt: Bis 2030 fehlen in Bayern 90.000 Pflegefachkräfte. Die vbw fordert die Politik zum Handeln auf.
Von Maria Gruber, MZ

Weniger Pflegefachkräfte, mehr Pflegebedürftige – in Deutschland droht der Pflegenotstand: Durch den demografischen Wandel sinkt die Zahl der arbeitsfähigen Bevölkerung, gleichzeitig erhöht sich durch die gestiegene Lebenserwartung das Risiko, pflegebedürftig zu werden. Foto: dpa

München. Die bayerische Wirtschaft hat einen genauen Blick auf die Pflegelandschaft im Jahr 2030 geworfen – und eine riesige Lücke entdeckt. Bis 2030 fehlen im Freistaat 90.000 Pflegefachkräfte, deutschlandweit rund 740.000. Das hat eine Studie ergeben, die die Prognos AG im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) erstellt hat. Für den vbw-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt, der die Studie am Donnerstag in München vorgestellt hat, sind das „höchst beunruhigende Ergebnisse“.

Ursache für diese Entwicklung: die demografische Entwicklung, die dazu führt, dass schon in 18 Jahren nur noch etwa jede zweite Person in Deutschland dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht. Deshalb geht die vbw davon aus, dass in Bayern branchenübergreifend rund 1,1 Millionen Arbeitskräfte fehlen werden – wovon auch die Pflegebranche betroffen ist, in der bundesweit momentan 890.000 Teil- und Vollzeitbeschäftigte tätig sind.

Gleichzeitig erhöht sich mit dem Anstieg der Lebenserwartung das Risiko, pflegebedürftig zu werden. Derzeit gibt es etwa 2,4 Millionen Pflegebedürftige, im Jahr 2030, so die Prognosen, werden es 3,4 Millionen sein.

„Dort, wo Pflegekräfte fehlen, muss die Pflege von den Angehörigen übernommen werden. So stehen noch weniger Fachkräfte für den Arbeitsmarkt und damit den Unternehmen zur Verfügung“, warnt Brossardt. Schon heute werden zwei Drittel der Pflegebedürftigen von – überwiegend weiblichen – Angehörigen gepflegt.

Sehr kritisch sieht Brossardt Maßnahmen, die vonseiten der Politik getroffen wurden, um diesen drohenden Pflegenotstand zu verhindern. Statt eines „Gesamtansatzes, der alle Handlungsfelder abdeckt und einzelne Maßnahmen integriert“, werde nur „punktuell an der ,Baustelle Pflege‘“ gearbeitet. Ein „Irrweg“ sei, so Brossardt, die seit Beginn des Jahres geltende Familienpflegezeit, mithilfe derer Arbeitnehmer zwei Jahre lang ihre Arbeitszeit reduzieren können, um einen Angehörigen zu pflegen. Nach MZ-Recherchen nehmen diese Regelung nur äußerst wenige Beschäftigte in Anspruch – laut Bundesfamilienministerium sind es bundesweit gerade einmal 70 Personen. „Das Gesetz ist nicht zielführend. Denn Pflegebedürftigkeit ist in der Regel nicht zeitlich begrenzt und die Pflege von Angehörigen meist eine langfristige Aufgabe“, kritisiert der vbw-Hauptgeschäftsführer. Ebenso kritisch sieht er den Änderungsvorschlag der EU-Kommission zur Berufsanerkennungsrichtlinie, die als Zugangsvoraussetzung für eine Pflegeausbildung eine zwölfjährige Schulausbildung festlegt. Das würde den Fachkräftemangel nur noch zusätzlich verschärfen, ist Brossardt überzeugt.

Positiv sieht er jedoch die Initiativen von Bundes- und Staatsregierung, wonach Arbeitslose stärker für Pflegeberufe umgeschult und Berufsabschlüsse im Sozialbereich von ausländischen Arbeitnehmern leichter anerkannt werden sollen.

Darüber hinaus seien jedoch weitere Maßnahmen nötig – wie etwa die Erhöhung der gesamtgesellschaftlichen Erwerbsbeteiligung, indem familienfreundliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erhöhen, und ältere Menschen verstärkt in den Arbeitsmarkt eingebunden werden.

Zum „Aktionsprogramm Pflege“ der vbw gehören überdies die Erhöhung der Wochenarbeitszeit von in Pflegeberufen Beschäftigten um eine Stunde pro Woche, die Steigerung der Effizienz etwa durch den Abbau von Bürokratie sowie Maßnahmen zur Prävention von Pflegebedürftigkeit.

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