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50+1 – so sehen es zwei MZ-Redakteure

Zuletzt hat die Debatte um Investoren im Fußball ihren Höhepunkt erreicht – wir stellen zwei Meinungen dazu vor.

Fans geben ihre Meinung zu „50+1“ im Stadion immer wieder mit Bannern bekannt. Foto: Eibner
Fans geben ihre Meinung zu „50+1“ im Stadion immer wieder mit Bannern bekannt. Foto: Eibner

Die Meinung von Felix Kronawitter:

Deutsche Klubs sind im Gegensatz zu Vereinen in anderen europäischen Topligen noch keine Spielbälle von dubiosen Staatsfonds oder anderen zwielichtigen Investoren. Die 50+1-Regel im deutschen Fußball ist wichtiger denn je. Denn sonst verkommen bald auch in der deutschen Beletage manche Traditionsklubs zu Marionetten zahlungskräftiger Geldgeber, die die Entscheidungsmacht über die Strategie eines Fußballvereins übernehmen.

Katar hat 2011 über seinen Staatsfonds Qatar Investment Authority (QIA) die Mehrheit an Paris Saint-Germain (PSG) übernommen. Und den einst belächelten französischen Traditionsklub zu einem europäischen Topverein aufgerüstet. Der Sport dient dem Emirat, das dank seiner Öl- und Gasvorkommen zu den reichsten Ländern der Welt gehört, als Vehikel zur Imagepflege. Im August 2017 spendierte Katar PSG den 222-Millionen-Mann Neymar. Der Brasilianer wird zudem als katarisches Maskottchen für die eingekaufte Fußball-Weltmeisterschaft 2022 fungieren. Was für ein Zufall, dass der Zwergstaat mit dem großen Geldbeutel ausgerechnet mitten in der schwersten diplomatischen Krise seit der Unabhängigkeit 1971 solch einen Coup landete. Mit seinem Einkaufstrip sendete Katar das Signal an Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain und Ägypten, dass ihre Blockade ihre Wirkung verfehlt. In der Politikwissenschaft spricht man von Soft Power. Weltpolitik – auf dem Rücken des Sports.

„Jetzt wackelt mit dem deutschen Fußball auch eine der letzten Bastionen.“

Jetzt wackelt mit dem deutschen Fußball auch eine der letzten Bastionen. Es reihen sich immer mehr in den Abgesang auf die 50+1-Regel ein, die ja ohnehin gegen EU-Recht verstoße, wie Kritiker sagen. Hannovers Präsident Martin Kind, der die Mehrheit an dem Bundesligisten übernehmen will, begrüßt die Entscheidung der DFL, eine „ergebnisoffene Grundsatzdebatte“ über die 50+1-Regel zu führen. Kritiker wie er monieren, dass ohne deren Abschaffung keine Chancengleichheit mehr in der Bundesliga gegeben sei. Mit Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim und dem „Sondermodell“ Leipzig gebe es ja zudem schon eine Reihe an Ausnahmen.

50+1 bedeutet vielleicht auf den ersten Blick einen kurzfristigen Wettbewerbsnachteil – vor allem auf internationalem Parkett. Die Regel zwingt Vereine aber dazu, nachhaltig zu arbeiten und in den Nachwuchs zu investieren. Der italienische Traditionsklub aus Parma ist wohl das erschreckendste Beispiel dafür, was Investoren anrichten können. Fällt die 50+1-Regel, beginnt auch hierzulande die Jagd nach dem wirtschaftlich potentesten Investor. Die Sorgen sind berechtigt, dass ein Investor einen Verein als Spielzeug missbrauchen könnte und den heruntergewirtschafteten Klub mit einem Berg Schulden zurücklässt, falls er sein Vermögen verliert oder keine Lust mehr hat. Bremen oder Lautern als nächstes Parma?

In England können sich mittlerweile manche Fans den Eintritt ins Stadion nicht mehr leisten. Fußball ist Kulturgut. Wenn nur noch Investoren den Ton angeben, droht eine emotionale Entfremdung der Fans. Wer soll sich noch mit einem Sport identifizieren, der zum Spekulationsobjekt für Finanzjongleure oder als Image-Politur für Staaten verkommt? Ich mich jedenfalls nicht!

Zum Autor: Felix Kronawitter ist eigentlich ein durchweg fairer Sportsmann – schafft es dabei aber nicht immer, seine Aversion gegen Investoren-Klubs wie Paris Saint-Germain, Manchester City und Co., nicht lautstark zur Schau zu stellen.

Keine schnelle Entscheidung

  • Die 50+1-Regel ist eine Vorschrift

    in den Statuten der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Nach dieser Vorschrift ist es Kapitalanlegern nicht möglich, die Stimmenmehrheit bei Kapitalgesellschaften zu übernehmen, in die Fußballvereine ihre Profimannschaften ausgegliedert haben.

  • Befürworter sagen,

    dass dadurch die Eigenverantwortlichkeit der Klubs erhalten bleibt. Kritiker halten dagegen, dass deutsche Vereine im internationalen Wettbewerb abfallen werden – da es etwa in England, Spanien oder Italien keine vergleichbare Regelung gibt. Die DFL will „50+1“ nun überprüfen. Geschäftsführer Christian Seifert gab am Donnerstag bekannt, dass es vor Jahresende aber wohl keine Entscheidung gibt.

Die Meinung von Jürgen Scharf:

Es geht die Angst um. Die Angst, dass das böse Geld den Fußball kaputt macht. Dass böse Investoren Fußball-Klubs kaufen und dann böse Dinge machen. Dass den Fußballern vom bösen Geld der Kopf verdreht wird.

Und ja, all das kann passieren. Teilweise ist es schon passiert. Nur so böse, wie oft behauptet, ist das alles grundsätzlich nicht.

„Finger weg von unserem Fußball!“ So steht es immer wieder auf Bannern in den Fankurven. Dabei stellt sich aber die Frage, was „unser Fußball“ bedeutet: Wem gehört der Fußball eigentlich? Gehört er den Ultras in der Fankurve? Gehört er den Millionen von Zuschauern am Fernsehgerät? Oder gehört er vielleicht doch den Finanziers und VIP-Gästen, die ihren Geldbeutel weit aufmachen?

Nun, in erster Linie gehört der Fußball den Fußballern selbst. Den Spielern, die jahrelang dafür trainiert haben, um so gut mit dem Ball umgehen zu können, dass ihnen jemand dabei zuschauen will. Und es mag einem gefallen oder nicht: Das Engagement von Investoren, Sponsoren und sonstigen Geldgebern ist mittlerweile unerlässlich, um außergewöhnlich begabte Fußballer bezahlen zu können.

Sicher, vor ein paar Jahren war es noch anders. Da deckten die Klubs einen großen Teil ihres Etats mit Zuschauereinnahmen ab. Das hat sich geändert. Ohne das Geld von Sponsoren geht nichts mehr. Doch es wird mit zweierlei Maß gemessen. Wenn ein Versicherungskonzern für viel Geld Anteile von Bayern München erwirbt, hält sich die öffentliche Kritik in Grenzen. Er habe schließlich nicht das grundsätzliche Sagen, heißt es da.

„Wer das Geld von Investoren ablehnt, sollte sich mit Niederlagen abfinden können.“

Beim TSV 1860 München wiederum hat ein Investor das grundsätzliche Sagen. Der hat, das bestreitet eigentlich niemand, den Klub vor dem Konkurs bewahrt. Weil er sich zudem mit Teilen der Fans verbrüdert hat, war die Kritik an Hasan Ismaiks Engagement vergleichsweise zahm. Anders in Hannover: Da laufen die Ultras Sturm, weil Klub-Mäzen Martin Kind die Mehrheit der Anteile übernehmen will. Derselbe Martin Kind übrigens, der sich seit Urzeiten um den Klub verdient gemacht hat.

Alleine diese zwei Beispiele zeigen, wie verworren die 50+1-Debatte ist – und auch heuchlerisch. Dabei gibt es in der Tat extreme Fälle, wie etwa das Engagement von Katar bei Paris St. Germain. Doch so hart es klingen mag: Auch das ist prinzipiell nicht verboten – und darf auch nicht verboten werden. Wenn der Fußball derart prestige-trächtig ist, dass Investoren Milliarden ausgeben, um sich Macht, Werbung oder Image zu erkaufen, ist das eben so. In einer freien Welt und freien Wirtschaft darf es keine „Lex Fußball“ geben. Und es ist besser, wenn Unternehmen Geld in den Fußball pumpen, als wenn am Ende über die Kommunen oder Länder der Steuerzahler zur Kasse gebeten wird, um den Traditionsverein vor Ort nach jahrzehntelanger Misswirtschaft irgendwie am Leben zu erhalten.

Übrigens: Jeder Klub kann bei Anfragen von Investoren auch Nein sagen. Und die Fans könnten dazu beitragen, dass es für die Klubs leichter ist, Nein zu sagen. Dadurch, dass sie nicht nach ein paar Niederlagen auf den Zaun steigen. Wer das Geld von Investoren ablehnt, sollte sich mit Niederlagen abfinden können. Das will dann aber meistens auch keiner.

Zum Autor: Jürgen Scharf liest gerne Biografien von Fußball-Stars. Sein Lesetipp: Das Buch von Günter Netzer. Der war zunächst ein magischer Kicker und dann ein gewiefter Manager. Dies zeigt: Fußball und Geld passen eben doch zusammen.

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