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Diskussion

Kann der Dschungel Sünde sein?

Darf man guten Gewissens Dschungelcamp gucken? Oder muss sich jeder, der etwas auf Bildung hält, entsetzt abwenden?

Notfalleinsatz von Dr. Bob (r.): Nach der Dschungelprüfung krabbelt eine Kakerlake in Daniele Negronis Ohr. Foto: MG RTL D / Stefan Menne; Alle Infos zu ‚Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!‘ im Special bei RTL.de: www.rtl.de/cms/sendungen/ich-bin-ein-star.html
Notfalleinsatz von Dr. Bob (r.): Nach der Dschungelprüfung krabbelt eine Kakerlake in Daniele Negronis Ohr. Foto: MG RTL D / Stefan Menne; Alle Infos zu ‚Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!‘ im Special bei RTL.de: www.rtl.de/cms/sendungen/ich-bin-ein-star.html

Redakteurin Katrin Wolf findet, dass der Zuschauer aus Trash-Formaten einiges mitnehmen kann – und Überheblichkeit den Blick einengt:

Es ist wieder die Zeit des entrüsteten „Ich gucke das nicht!“ Seien wir ehrlich: Wenn alle, die es behaupten, tatsächlich nur Deutschlandfunk hören und Arte schauen würden – die deutsche Medienlandschaft sähe anders aus. Von allen Reality-Shows wird auf das RTL-Dschungelcamp immer noch am stärksten herabgeblickt. Dabei steckt in der Sendung weit mehr als Brot und Spiele.

Einer meiner Lehrer am Gymnasium las jeden Morgen die „Bild“-Zeitung. Auch er wurde öfter mit der arroganten Frage konfrontiert, wie denn ein gebildeter Mensch nur die „Bild“ lesen könne. Seine Antwort: Es geht nicht darum, das Boulevardblatt als einzige Informationsquelle zu nutzen, sondern zu akzeptieren, dass es das für eine große Zahl der Deutschen ist. Und nur wer es liest, weiß, wie die Mehrheit der Deutschen informiert wird.

Der Gedanke, man müsse sich mit allem, was man liest oder sich ansieht, identifizieren, ist befremdlich.

Das Beispiel zeigt, wie befremdlich der Gedanke ist, man müsse sich mit allem, was man liest oder sich ansieht, identifizieren. Wer sich dafür interessiert, was in der (Medien-)Welt um ihn herum vorgeht, der bekommt bestimmte Dinge zwangsläufig mit. Auch, wer zum Beispiel nichts für die britischen Royals übrighat, sollte wissen, dass Prinz Harry dieses Jahr heiratet. Und gerade in vermeintlich seichten Themen kann sehr viel stecken: Ist eine Monarchie noch mehr als Geldverschwendung? Wodurch definiert sich eine Nation? Wie viel Eigenständigkeit kann sich eine künftige Königin leisten?

Die Kandidaten der zwölften Staffel. Foto: MG RTL D / Stefan Menne; Alle Infos zu ‚Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!‘ im Special bei RTL.de: www.rtl.de/cms/sendungen/ich-bin-ein-star.html
Die Kandidaten der zwölften Staffel. Foto: MG RTL D / Stefan Menne; Alle Infos zu ‚Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!‘ im Special bei RTL.de: www.rtl.de/cms/sendungen/ich-bin-ein-star.html

Kultursnobismus engt das Blickfeld ein und schließt die Erkenntnis aus, dass man die Dinge auch mit Abstand betrachten kann. Und gerade das Dschungelcamp bietet sehr viel Futter fürs Gehirn: Es lässt sich wunderbar beobachten, wie Medien funktionieren. Man kann versuchen, herauszufinden, was nach Drehbuch läuft und was „echt“ ist. Darüber nachdenken, was Quote bringt und warum. Und wie Gruppendynamik funktioniert.

Dazu ist das Dschungelcamp auch nicht „Schwiegertochter gesucht“ oder „Deutschland sucht den Superstar“. Es gibt tatsächlich Formate, in denen Menschen vorgeführt werden, die ihre mediale Wirkung und die Konsequenzen nicht abschätzen können. Als „Guilty Pleasure“ – also als Vergnügen, dessen man sich auch ein bisschen schämt – taugen Sendungen wie „Shopping Queen“, die keinem wehtun, eher. Aber die Kandidaten des Dschungelcamps mögen Z-Promis sein, sie mögen verzweifelt sein und dringend Geld brauchen – aber sie wissen, was sie tun. Sie sind geübt im Umgang mit Medien, hinter ihnen steht ein Management – und sie achten genau auf ihre Wirkung und spielen eine Rolle.

Wer Dschungelcamp guckt, findet es nicht unbedingt unterhaltsam, wenn Möchtegern-Promis Maden herunterwürgen oder in Kakerlaken baden.

Wer Dschungelcamp guckt, findet es nicht unbedingt unterhaltsam, wenn Möchtegern-Promis Maden herunterwürgen oder in Kakerlaken baden – sondern interessiert sich vielleicht einfach dafür, was in der Medienlandschaft passiert, und was das mit unserer Gesellschaft macht. Muss man die Sendung deshalb unbedingt schauen? Nein. Darf man solche Formate ablehnen? Natürlich, sollte man vielleicht sogar. Aber wer mitreden will, sollte auch wissen, worüber er redet. Von vornherein die Nase über etwas zu rümpfen hat noch niemanden schlauer gemacht.

Hier lesen Sie mehr über die Sendung:

Ein Thema –

  • Die Reality-Show

    „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ läuft seit 2004 auf RTL. Am 19. Januar 2018 ist die zwölfte Staffel angelaufen.

  • 2017 wurde

    Marc Terenzi zum Dschungelkönig gekürt.

  • Dieses Jahr ist

    auch der ehemalige DSDS-Teilnehmer Daniele Negroni, der aus dem Landkreis Regensburg stammt, unter den Kandidaten. Ebenfalls ins Camp eingecheckt haben Tatjana Gsell und Natascha Ochsenknecht.

  • Die Show kämpft

    mit fallenden Quoten. Zum ersten Mal seit Jahren sahen weniger als fünf Millionen zu.

Redakteurin Jana Wolf hat sich das Dschungelcamp nach langem Kampf mit sich selbst angesehen – und kann ihm absolut nichts abgewinnen:

Zehn Tage lang habe ich hart mit mir gerungen. Ich wusste, ich muss. Aber ich merkte, ich kann nicht. Ich muss das RTL-Dschungelcamp schauen, zumindest einmal, bevor ich mir eine Meinung bilde und diese anderen mitteile. Aber es ging nicht. Die wenigen Dschungelcamp-Erlebnisse der vergangenen Jahre haben sich so nachhaltig eingeprägt, dass meine Abneigung auch dieses Jahr noch nachwirkt. Für mich ist die Aufgabe, diese Reality-Show anzuschauen, so unangenehm wie es für andere Backofen-Putzen oder ein Zahnarztbesuch sein mag. Es tut weh, physisch weh. Kurz und gut: Ich hab die Abwehr überwunden, den Schweinehund besiegt, ich hab es geschaut, es war furchtbar.

Die wenigen Dschungelcamp-Erlebnisse der vergangenen Jahre haben sich so nachhaltig eingeprägt, dass meine Abneigung auch dieses Jahr noch nachwirkt.

Sonja Zietlow und Daniel Hartwig moderieren das Dschungelcamp. Foto: MG RTL D / Stefan Menne; Alle Infos zu ‚Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!‘ im Special bei RTL.de: www.rtl.de/cms/sendungen/ich-bin-ein-star.html
Sonja Zietlow und Daniel Hartwig moderieren das Dschungelcamp. Foto: MG RTL D / Stefan Menne; Alle Infos zu ‚Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!‘ im Special bei RTL.de: www.rtl.de/cms/sendungen/ich-bin-ein-star.html

Es ist doch nicht schön, wenn sich vermeintliche (!) Promis in vermeintlicher (!) Dschungel-Abgeschiedenheit zum Affen machen. Nicht schön, wenn Tatjana Gsell vor laufenden Kameras von ihren vielen alkohol- und sexsüchtigen Ex-Partnern erzählt, im Flüsterton, damit es auch ja keiner hört; wenn sich Ansgar Brinkmann und Daniele Negroni in Kakerlaken und Maden wälzen und damit vermeintliche (!) Tapferkeit beweisen; und wenn, von allem am peinlichsten, die Moderatoren Sonja Zietlow und Daniel Hartwich, mitten im Regenwald aufgesetzte Coolness und Gebleichte-Zähne-Grinsen in die Kamera recken. Die Verantwortung für den unsäglichen Zirkus trägt nicht allein der Privatsender RTL, der diesmal keine unbedarften Menschen vor Millionenpublikum bloßstellt, um die Quoten zu steigern. Klar, die Quoten müssen stimmen. Aber die Menschen, die sich hier präsentieren, sind medienerfahren und tun das in vollem Bewusstsein – zumindest darf man das voraussetzen. Das macht das Ekel-Spektakel nicht besser. Im Gegenteil.

Diese klare Absage an das Dschungelcamp hat nichts mit studierter Hochnäsigkeit oder bildungsbürgerlicher Arroganz zu tun. Ja, ich höre gerne Deutschlandradio, aber ich schaue auch mal „The Voice of Germany“. Ich lese den Politikteil in Zeitungen, aber will trotzdem wissen, für welche Youtube-Stars die Teenie-Massen schwärmen oder wie lange die Queen noch durchhält. Allen, die das Dschungelcamp ablehnen, pauschal elitären Hochmut vorzuwerfen, ist zu kurz gedacht. Diese Show nicht zu schauen, ist nicht elitär. Es ist reine Psychohygiene – allem Vorwurf übertriebener Political Correctness zum Trotz.

Diese Show nicht zu schauen, ist reine Psychohygiene – allem Vorwurf übertriebener Political Correctness zum Trotz.

Und überhaupt: Ist es nicht selbstgefällig, das Dschungelcamp nur einzuschalten, um nachher dem vermeintlich (!) einfachen Volk erklären zu können, warum es auf diese dumpfe Unterhaltung hereinfällt? Man schaut die Show an. Aber nur, um kulturwissenschaftlich und medientheoretisch fachsimpeln zu können. Überheblich ist nicht die kategorische Absage an die Show. Überheblich ist höchstens, sich dafür zu rühmen, die Wirkung der Medien völlig zu durchschauen und anderen, weniger geisteswissenschaftlich Geschulten das eigene Wissen unter die Nase zu reiben.

Mit Dschungelcamp-Wissen werde ich sicher kein Streitgespräch für mich entscheiden. Das ist nicht schlimm. Denn diese Show ist für mich unerträglich. Um das festzustellen, braucht es keine moralisch aufgeladene Debatte. Es ist einfach Geschmackssache. Und über Geschmack lässt sich – naja, Sie wissen schon.

Ob es um die Altersfeststellung bei jungen Flüchtlingen, den Sinn des Schenkens oder das die Frage geht, ob man Bücher eigentlich wegwerfen darf – die Redaktion streitet gerne. Weitere Teile der Reihe „Ein Thema, zwei Meinungen“ lesen Sie hier!

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