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Fussball

Königsklasse: Der Fan guckt in die Röhre

Die Spiele der Champions League werden nur noch im Pay-TV übertragen. Ist das gut oder schlecht? Zwei MZ-Autoren diskutieren.
Von Jürgen Scharf und Angelika Sauerer

Der Pay-TV-Sender Sky überträgt die Champions League auch in den kommenden drei Jahren. Foto: Weber/Eibner
Der Pay-TV-Sender Sky überträgt die Champions League auch in den kommenden drei Jahren. Foto: Weber/Eibner

Jürgen Scharf findet, dass die Champions League im ZDF nichts verloren hat: Da ist der Wechsel ins Bezahlmodell noch besser.

Die Rundfunkgebühren bezahlt – und dennoch keine Champions League. So schaut es ab der kommenden Saison in den deutschen Wohnzimmern aus. Wer die Elite des europäischen Fußballs live beim Spielen sehen will, muss dafür noch einmal extra zahlen: entweder Pay-TV oder Pay-Stream. Das hat es in dieser Form noch nie gegeben. Die Fans werden sich aber daran gewöhnen müssen. Und auch wenn jetzt weniger Menschen die Champions League live verfolgen werden: es ist besser, dass sie im Pay-TV läuft, als wenn das ZDF Millionen dafür hinblättert.

Die Champions League ist ein Zuschauermagnet. Millionen Menschen saßen vor den TV-Geräten, wenn ihre Lieblingsmannschaften zu internationalen Duellen antraten. In Deutsch lang haben die Spiele viele Jahre Privatsender übertragen, etwa RTL oder SAT1. Die hohen Summen, die sie für die Rechte bezahlten, konnten sie durch Werbung zwar nie refinanzieren, für gewisse Zeit nahmen sie das Defizit aber in Kauf und stuften es als Investition zur Imagepflege ein.

Seit 2012 sind die privaten Sender aber aus dem Rennen, seitdem überträgt das ZDF. Der öffentlich-rechtliche Sender soll ein deutlich höheres Angebot als SAT1 abgegeben und dann auch den Zuschlag bekommen haben. Die Konkurrenz tobte. Der damalige RTL-Manager Tobias Schmid kritisierte, dass „in Zeiten, in denen die Gesellschaft eine kritische Auseinandersetzung mit dem Umgang mit Gebühren fordert“, das ZDF mit Geld um sich werfe, „um etwas anzubieten, was der Zuschauer längst hatte – und zwar ohne einen Cent unserer Gebühren“. Schmid hatte damit Recht.

Die horrenden Ablösesummen und Spielergehälter im internationalen Profi-Fußball sowie stetig steigende Ticketpreise in den Stadien werden seit Jahren von vielen Fans kritisiert. Geändert hat das nichts. Die Preisschraube dreht sich immer weiter. Und dies auch, weil das ZDF munter mitdrehte. Der grundsätzliche Auftrag der öffentlich-rechtlichen Sender ist es, einen Beitrag zur individuellen und öffentlichen Meinungsbildung zu leisten. Dass sie daneben auch Unterhaltungssendungen – und nichts anderes ist ein Fußball-Spiel – anbieten, ist nicht schlimm. Wenn sie aber riesige Summen für die Rechte zahlen müssen, hört der Spaß auf. Es gibt schließlich auch immer noch viele Gebührenzahler, die nicht an Fußball interessiert sind. Dass diese die Champions League mitfinanzieren müssen, geht eindeutig zu weit.

Nun kann sich aber selbst das ZDF, das den Preis mithochgetrieben hat, die Königsklasse nicht mehr leisten. Klar, für die Fußball-Fans unter den Gebührenzahlern ist das blöd. Nun wird sich aber endlich zeigen, was die Übertragungsrechte wirklich wert sind – und das ist gut so. Die Anbieter von Pay-TV und Pay-Stream haben viel investiert und werden die Kunden kräftig zur Kasse bitten. Das dürfen sie auch. Wenn sie viel einnehmen, werden sie auch demnächst wieder viel für die Rechte zahlen – und danach viel von ihren Kunden verlangen. Wenn nicht, wird der Preis wohl an allen Fronten fallen.

Dass es jetzt ganz fair um Angebot und Nachfrage geht, ist richtig. So ist es allemal besser, als wenn sich das ZDF die Champions League als Prestige- und Luxusobjekt leistet.

Finale im Free-TV?

  • Drei Jahre

    , von 2018 bis 2021, ist der neue Medienvertrag gültig, den die Uefa mit dem Pay-TV-Sender Sky und dem ebenfalls zahlungspflichtigen Streamingdienst DAZN für die Übertragung der Champions League in Deutschland getroffen hat.

  • Ab der kommenden Saison

    gibt es deswegen keine Spiele mehr im frei empfangbaren Fernsehen zu sehen. Bisher waren es zumindest 17 pro Saison. Fans, die beispielsweise alle Spiele mit deutscher Beteiligung schauen möchten, benötigen zukünftig zwei Abonnements. Nur wenn ein deutscher Verein im Endspiel steht, gibt es eine Übertragung im frei empfangbaren Fernsehen.

Angelika Sauerer findet den neuen Medienvertrag nicht gut, denn sie glaubt, dass der Fußball durch den Wechsel ins Bezahlmodell an Relevanz verlieren wird.

Das ist die Geschichte einer Liebe und einer schleichenden Entfremdung. Man könnte die Achseln zucken und sagen: So ist nun mal der Lauf der Dinge. Menschen verändern sich. Zeiten ändern sich. Wege trennen sich. Aber immer liebt und leidet einer mehr als der andere. In diesem Fall ist es eindeutig der Fan. Der Fußball hingegen will verdienen.

Sky und DAZN zahlen mehr für die Rechte, künftig die Champions League auszustrahlen, als die öffentlich-rechtlichen Sender oder das Privatfernsehen. Der Bezahlsender und der Sport-Streamingdienst machen sich zudem gegenseitig Konkurrenz, so dass auch Sky nicht alle Spiele zeigen kann. Wer wissen will, wer was ausstrahlt, muss sich durchs Kleingedruckte wühlen – und wird nicht mal daraus schlau. Rund 5,2 Millionen Abonnenten – so viele hat Sky Deutschland im Moment – und eine geringere, nicht veröffentlichte Anzahl von DAZN-Kunden werden weiterhin zuschauen können, wenn die Spitzenclubs Europas gegeneinander antreten. Sie zahlen dafür 9,99 Euro (DAZN, monatlich kündbar) oder je nach Paket 25 bis 45 Euro (Sky für Neukunden, ein- oder zweijährlich kündbar). Der Rest guckt in die Röhre.

Ich gehöre zum Rest, tatsächlich Generation Röhre, sozialisiert mit Schwarz-Weiß-Fernsehen und Fußballspielen, bei denen der Kommentar dürftig ausfiel und die Trikots sich vor allem im Kontrast unterschieden, Farbe war im Flimmerkasten der Graustufen egal. Selbst Jahrhundertspiele wurden mit derart unaufgeregtem Understatement übertragen, als wären sie das Wort zum Sonntag. Was zählte, war auf dem Platz. Kein Videobeweis. Keine neuen Regeln oder Strukturen. Wer den Fußball liebt (generell wer etwas oder jemanden liebt), ist in Bezug auf das Objekt seiner Leidenschaft konservativ. Alles soll, zumindest im Kern, so bleiben, wie es ist.

Damals wurde der Kern dieser Marke geboren, die heute von Marktschreiern am Mikro im Dauersuperlativ marginalisiert und von hemmungslosen Händlern meistbietend verkauft wird. „Wenn wir wirklich an den Markt glauben, müssen wir uns die großen Rechte schnappen – ob das Champions League, Formel 1 oder Ski ist“, hatte DAZN-Chef James Rushton angekündigt. „Was immer auf den Markt kommt, wir werden sehr aggressiv vorgehen.“ Wir übersetzen: Das mit der Champions League ist erst der Anfang. Früher oder später folgen die internationalen Turniere.

Auf der Strecke bleiben Leute. Nicht die Hardcore-Fans, die werden zähneknirschend ihre Euros zusammenkratzen und sich ein Abo holen. Und sich auch ein bisschen freuen über ein System, bei dem man Spiele wie Netflix-Serien wann und wo auch immer online anschauen kann. Weg bleibt die Masse der Sympathisanten, die den Fußball (noch) im Herzen tragen, aber nicht um jeden Preis alles sehen müssen. Und freilich auch die Zufalls- und Zwangszuschauer. Letzteres kann man gut finden. Oder nicht: Wieder eine Sache weniger, die alle in der Familie gemeinsam anschauen.

Der Fußballfan hat viel Beharrungsvermögen. Aber über kurz oder lang wird sein Sport nicht nur die Präsenz im Free-TV (für das wir ja auch bezahlen), sondern damit auch ein Stück Relevanz verlieren. Ob Fußball sich dann noch so gut verkaufen lässt?

In unserer Reihe „Ein Thema, zwei Meinungen“ treten regelmäßig MZ-Autoren zum Streitgespräch an. Alle Beiträge finden Sie hier.

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  • FL
    Franz Lammel
    04.06.2018 09:42

    Nicht jeder ist Fussball Fan deshalb finde ich es richtig wenn die Champions League nur noch im Bezahl TV übertragen wird.

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