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Pro und Contra: Rauchverbot im Auto?

Soll das Qualmen im Auto verboten werden, wenn Kinder mitfahren? Zwei MZ-Redakteure haben dazu unterschiedliche Meinungen.
Von Louisa Knobloch und Heinz Gläser

Ein Mann raucht im Auto: Fahren Kinder und Jugendliche mit, ist das Qualmen in vielen Ländern verboten. In Deutschland gibt es noch kein solches Rauchverbot. Foto: Franziska Gabbert/dpa-tmn
Ein Mann raucht im Auto: Fahren Kinder und Jugendliche mit, ist das Qualmen in vielen Ländern verboten. In Deutschland gibt es noch kein solches Rauchverbot. Foto: Franziska Gabbert/dpa-tmn

Pro: Nur Verbote helfen, das tödliche Risiko zu verringern

Rauchen in Restaurants und Kneipen ist bei uns – zum Glück – seit einigen Jahren verboten. Im Auto ist das Qualmen dagegen noch erlaubt – auch, wenn Kinder und Jugendliche mitfahren. Hier wird es dringend Zeit, dass der Gesetzgeber einschreitet und dieser Praxis ein Ende setzt. Denn das Fenster runterzukurbeln bringt erwiesenermaßen gar nichts: Zündet der Fahrer (oder Beifahrer) eine Zigarette an, ist die Luft im Wagen innerhalb kürzester Zeit so schlecht wie in einer Raucherkneipe.

Dass Passivrauchen schädlich ist, wird wohl niemand ernsthaft bezweifeln. Zu den Folgen zählen akute und chronische Atemwegserkrankungen, Bluthochdruck und ein erhöhtes Krebsrisiko. Bei Babys und Kleinkindern steigt durch das Passivrauchen zudem das Risiko für den plötzlichen Kindstod stark an. Kinder sind noch im Wachstum begriffen, auch ihre inneren Organe wie die Lunge entwickeln sich noch. Zudem atmen sie pro Minute häufiger ein als Erwachsene. Passivrauchen ist für sie daher sowieso schon schädlicher als für die Großen – im Auto gilt das umso mehr. Denn hier sind Kinder und Jugendliche dem blauen Dunst schutzlos ausgeliefert. Und selbst wenn die Eltern nur auf Fahrten rauchen, bei denen der Nachwuchs nicht mit im Auto sitzt, lagern sich die Schadstoffe in den Sitzen an und werden eingeatmet.

In Kneipen und Restaurants darf in Deutschland nicht mehr geraucht werden. Foto: Roland Weihrauch dpa/lno
In Kneipen und Restaurants darf in Deutschland nicht mehr geraucht werden. Foto: Roland Weihrauch dpa/lno

Trotz alledem konnte sich die Politik in Deutschland – im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern – noch nicht zu einem Verbot durchringen. Das liegt zum einen an der starken Tabak-Lobby: So ist die Bundesrepublik das letzte Land in der EU, in dem noch Außenwerbung für Zigaretten erlaubt ist. Zum anderen ist das Auto für viele Deutsche eine Art heilige Kuh: Wenigstens hier müsse man doch selbst entscheiden können, was man tut und was man lässt, argumentieren sie.

„Geht man noch einen Schritt weiter, so könnte (...) das Qualmen in Gegenwart Minderjähriger gar als fahrlässige Körperverletzung gewertet werden.“

Louisa Knobloch

Darf der Staat dem Bürger vorschreiben, was gut für ihn – oder in diesem Fall gut für die Gesundheit seiner Kinder – ist? Ja, denn der Staat schützt mit einem Rauchverbot das Recht der Kinder und Jugendlichen auf körperliche Unversehrtheit. Geht man noch einen Schritt weiter, so könnte angesichts der wissenschaftlichen Belege zur Schädlichkeit des Passivrauchens das Qualmen in Gegenwart Minderjähriger gar als fahrlässige Körperverletzung gewertet werden.

Dass oft nur Bußgelder helfen, zeigt ein Beispiel aus der Geschichte: die in den 1970er-Jahren hochumstrittene Gurtpflicht im Auto. Seit dem 1. Januar 1976 galt in der Bundesrepublik eine allgemeine Anschnallpflicht auf den Vordersitzen von Pkw. Doch kaum jemand hielt sich daran. Erst als 1984 ein Bußgeld in Höhe von 40 DM für „Gurtmuffel“ eingeführt wurde, gingen die Zahlen langsam nach oben. Heute ist es für uns selbstverständlich, nach dem Einsteigen als erstes nach dem Gurt zu greifen und auch Kinder dem Alter entsprechend in Babyschale oder Kindersitz zu sichern. Ein Blick in die Statistik offenbart den positiven Effekt: Kamen 1970 noch 19 193 Personen bei Verkehrsunfällen ums Leben, halbierte sich die Zahl bis 1984 nahezu auf 10 199 Menschen. 2016 gab es noch 3206 Verkehrstote.

Vielleicht wird in einigen Jahren der Rauchverzicht im Auto ebenso selbstverständlich sein wie heute das Anschnallen. Ohne entsprechendes Gesetz und Bußgeld wird es aber auch diesmal nicht gehen.

Louisa Knobloch
Louisa Knobloch

Zur Autorin: Louisa Knobloch ist Mutter eines 14 Monate alten Sohnes und hat noch nie im Leben eine Zigarette geraucht. Aus eigener Erfahrung weiß sie aber, wie man sich als nichtrauchende Beifahrerin im selben Auto mit starken Rauchern fühlt.

Der Nichtraucherschutz

  • Im Dezember 2016

    hat Schottland das Rauchen im Auto gesetzlich verboten, wenn Minderjährige mitfahren. In England und Wales gibt es bereits seit Oktober 2015 vergleichbare Regelungen. In Italien gilt das Verbot auch, wenn im Auto Schwangere mitfahren.

  • In Deutschland

    ist es bisher nicht verboten, im Auto zu rauchen, wenn Kinder und Jugendliche mitfahren. Seit Jahren wird über eine gesetzliche Regelung gestritten.

  • In Bayern war im Jahr 2010

    ein Volksentscheid zum Nichtraucherschutz erfolgreich: Knapp 61 Prozent der Wähler sprachen sich damals für ein komplettes Rauchverbot in der Gastronomie aus.

Contra: Ein Verbot beruhigt nur das kollektive Gewissen

Natürlich ist es abscheulich zu rauchen, wenn Kinder im Auto sitzen. Keine Frage. Aber deswegen ein eigenes Gesetz erlassen, womöglich mit drakonischen Strafen drohen? Ich sage: nein! Redet hier einer der vorsätzlichen Körperverletzung, begangen an Kindern, das Wort? Nochmals nein!

Die EU-Verbraucherschutzkommissarin Vera Jourová hat jüngst in einem anderen Zusammenhang einen schönen Satz gesagt: „Die vielen guten Absichten machen mich skeptisch.“ Mir geht es ähnlich: Ich werde stets hellhörig, wenn Gevatter Staat seine offenbar unmündigen Bürgerinnen und Bürger an der Hand nimmt, um sie auf den rechten, von der Vernunft diktierten Weg zu geleiten.

Einspruch!, höre ich an dieser Stelle. Es existieren doch bereits unzählige, meist unumstrittene gesetzliche Regelungen, mit denen der Staat die Gesundheit der Menschen und ihrer Umgebung schützt; Tempolimits etwa oder Drogenverbote. Stimmt. Aber es lohnt sich in jedem speziellen Fall, der Logik des Arguments zu folgen.

Besonders bei geschlossenen Fenstern rauchen alle Fahrzeuginsassen mit. Foto: Marcus Führer/dpa
Besonders bei geschlossenen Fenstern rauchen alle Fahrzeuginsassen mit. Foto: Marcus Führer/dpa

Qualmt jemand in Anwesenheit von Kindern im Auto, würden wir also Geldstrafen verhängen. Im Wiederholungsfall entziehen wir den Führerschein, was existenzgefährdend sein kann und dem Kindeswohl wohl wenig zuträglich wäre. Aber gut, das ist bei Alkohol am Steuer genauso.

„Übergewichtige Kinder, wohin man auch blickt! Die Folgen: Diabetes! Marode Gelenke! Herz-Kreislaufprobleme! Milliardenkosten fürs Gesundheitssystem! Dem könnte, ja müsste man doch von Staats wegen beikommen!“

Heinz Gläser

Und dann? Qualmt der unbelehrbare Geselle daheim in der Küche unverdrossen weiter, nehmen wir ihm irgendwann die Kinder weg? Generell gefragt: Ist derjenige, der so etwas Grauenhaftes tut, nicht ein solch widerwärtiges Individuum, dass man ihm unmöglich Kinder anvertrauen kann? Müsste man solche Leute nicht zwangssterilisieren? Finger hoch, wer diesen Vorschlag unterstützt!

Aha, doch so viele...

Zudem: Übergewichtige Kinder, wohin man auch blickt! Die Folgen: Diabetes! Marode Gelenke! Herz-Kreislaufprobleme! Milliardenkosten fürs Gesundheitssystem! Dem könnte, ja müsste man doch von Staats wegen beikommen! Vorstellbar sind verdeckt operierende Ermittler auf Spielplätzen, eine Art Süßigkeiten-Polizei. Und gewiss hätte keiner – jedenfalls kein vernünftig denkender Mensch – etwas dagegen, wenn das Jugendamt auf einen Hinweis des Kindergartens hin den Kühlschrank der Erziehungsberechtigten inspiziert, oder?

„Ich persönlich kenne übrigens niemanden, der raucht, während Kinder bei ihm im Wagen sitzen. Ich sehe im täglichen Straßenverkehr auch keinen, der das tut.“

Heinz Gläser

Hier höre ich nun: Alles an den Haaren herbeigezogene Beispiele, fernab der bundesdeutschen Realität! So etwas fordert doch im Ernst kein Mensch! Mag sein. Derzeit. Aber schauen Sie sich mal das Arsenal der staatlichen Zwangsbeglücker weltweit an, von den USA bis China.

Ich persönlich kenne übrigens niemanden, der raucht, während Kinder bei ihm im Wagen sitzen. Ich sehe im täglichen Straßenverkehr auch keinen, der das tut. Zugegeben, eine subjektive Beobachtung. Was ich sehr wohl täglich sehe, sind Autofahrer mit dem Handy am Ohr. Das ist verboten.

In mir wohnt der Verdacht, dass ein Gesetz in diesem Fall dazu dient, dass sich die Mehrheitsgesellschaft irgendwie prima und rundweg bestätigt fühlt. Doch dafür sind Gesetze eigentlich nicht da. Reicht die kollektive Ächtung des Rauchens nicht aus?

Wehe der Gesellschaft, die der Staat ständig erziehen muss! Denn irgendwann wird sie nicht mehr gefragt, ob sie überhaupt erzogen werden will.

Heinz Gläser
Heinz Gläser

Zum Autor: Heinz Gläser hat niemals vor seinen Kindern im Auto geraucht. Für die Tatsache, dass er einst im reifen Alter von 24 Jahren noch mit dem Qualmen angefangen hat, lässt er das vernichtende Urteil „eigene Blödheit“ durchaus gelten.

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