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Fremdenverkehr

Touristen: Ist Regensburg am Limit?

Die Stadt kann sich glücklich schätzen, so viele Besucher anzulocken. Der zunehmende Tourismus hat aber auch Schattenseiten.
Von Wolfgang Ziegler und Heinz Klein

Besucher aus aller Herren Länder spazieren mit ihrem Guide durch die Regensburger Altstadt. Foto: RTG
Besucher aus aller Herren Länder spazieren mit ihrem Guide durch die Regensburger Altstadt. Foto: RTG

Wolfgang Ziegler meint, Regensburg ist weltoffen und bunt: „Wir alle sollten und können uns darüber freuen, dass unsere schöne Stadt so geschätzt wird. Dass Regensburg zu einer festen Größe im Städtetourismus geworden ist.“

Egal, wohin man kommt – in Deutschland sowieso, aber auch im europäischen Ausland: Regensburg ist in aller Munde und wird gepriesen. Wegen der Altstadt, wegen des Doms, wegen der Biergärten, wegen der Menschen, wegen der Gemütlichkeit, wegen der Heimeligkeit... Und als Regensburger wird man allenthalben beneidet, in dieser ach so schönen Stadt leben zu können. Völlig zu Recht übrigens: Regensburg hat einfach alles – und, nebenbei bemerkt, viel mehr Flair als München, Nürnberg oder Augsburg. Jedenfalls kann sich die Stadt sehen lassen – und wir dürfen sie deshalb voller Stolz herzeigen.

Wolfgang Ziegler war als Reisejournalist schon in sehr vielen Ländern der Welt unterwegs. Fast überall hat er offene Türen vorgefunden. Warum das in Regensburg nicht mehr möglich sein soll, mag ihm nicht einleuchten.
Wolfgang Ziegler war als Reisejournalist schon in sehr vielen Ländern der Welt unterwegs. Fast überall hat er offene Türen vorgefunden. Warum das in Regensburg nicht mehr möglich sein soll, mag ihm nicht einleuchten.

Die Agilolfingern, die die Stadt zu einem bedeutenden Zentrum des frühen bairischen Stammesherzogtums machten, die Karolinger, die ihre Residenz und ihre Verwaltung an die Donau verlegten, Fürsten, Herzöge, Könige und Kaiser, die Regensburg als wichtiges Zentrum des Ostfränkischen Reichs zum Sitz des Immerwährenden Reichstags machten – sie alle haben natürlich Spuren hinterlassen – Spuren, die vielfach einzigartig sind, die dazu beigetragen haben, dass die Regensburger Altstadt seit Juli 2006 als Unesco-Weltkulturerbe gilt und die auch dafür sorgen, dass immer mehr Touristen in die Stadt kommen.

Die Zahl der Übernachtungen steigt

450 594 waren es 2009, 590 306 vier Jahre später. Die Zahl der Übernachtungen in Regensburg entwickelte sich im selben Zeitraum von 769 820 auf 1 064 094 – und ein Ende dieses positiven Trends ist nicht abzusehen. Damit ging natürlich auch ein Zuwachs an Hotels einher (von 37 auf 50), wurden weitere Restaurants eröffnet und neue Einkaufsmöglichkeiten geschaffen. Kurzum: Die Gäste kurbeln auch die Wirtschaft an und schaffen – zumindest indirekt – Arbeitsplätze.

„Dabei ist jeder selbst ein Fremder – fast überall sonst auf der Welt.“

Wolfgang Ziegler

Eigentlich sollte man all das gar nicht erwähnen müssen, aber einigen Regensburgern werden „die Fremden“ und der Fremdenverkehr zu viel. Dabei ist jeder selbst ein Fremder – fast überall sonst auf der Welt. Dabei kennen gerade die Regensburger auch noch andere Biergärten als die – zugegeben – oftmals überlaufene „Alte Linde“ oder das Spital. Dabei ist unsere Stadt doch grundsätzlich gastfreundlich, weltoffen und bunt.

Wen kann ernsthaft stören, wenn auf der Donau Kreuzfahrtschiffe nebeneinanderliegen? Wer kann sich belästigt fühlen, wenn Besucher aus aller Herren Länder mit ihrem Guide durch die Altstadt spazieren? Wem kann missfallen, dass Reisebusse aus der ganzen Republik ihre Passagiere zentrumsnah absetzen, um sie nach einem Rundgang in der Margaretenstraße wieder einsteigen zu lassen?

„Das Juwel an der Donau“

Wir alle sollten und können uns darüber freuen, dass unsere schöne Stadt so geschätzt wird. Dass Regensburg zu einer festen Größe im Städtetourismus geworden ist. Und dass man über das „Juwel an der Donau“ spricht – positiv in aller Regel.

Abgesehen davon: Was sollen die Einwohner von Städten wie Paris, Rom, London, Wien oder Barcelona sagen, durch die täglich wahre Lawinen von Besuchern rollen? Unter diesen befinden sich übrigens bestimmt auch die Kritiker und Bedenkenträger aus Regensburg, die in ihrem Urlaub durch diese „fremden“ Städte laufen, die dortigen Sehenswürdigkeiten besichtigen, die Kulinarik genießen und in der Sonne sitzen. Ein bisschen paradox ist das schon, oder?

Genug ist genug, meint Heinz Klein: „Wir müssen an der Steinernen Brücke noch kein Wehr gegen Touristen errichten, wir müssen aber auch nicht immer noch die Schleusen weiter öffnen.“

Regensburg brodelt. Die Stadt wächst ständig und bräuchte doch immer noch mehr Wohnungen, mehr Straßen, mehr Industrie- und Gewerbeflächen, mehr Infrastruktur – aber sie hat von alledem nicht genug. Sie erntet nun mehr Verkehr, mehr Staus, mehr Abgase, mehr Hektik, mehr Wohnungsnot und mehr Frust ihrer Bürger. Bei all diesem Mehr muss die Frage erlaubt sein: Braucht Regensburg denn nun unbedingt auch noch mehr Touristen?

Heinz Klein liebt den Zauber Regensburgs, weiß aber auch um die Gefahr der Entzauberung, denn viele Füße machen alles platt. Nie würde er deshalb nach Venedig fahren, um neben 20 Millionen Gästen auch noch sich dieser Stadt zuzumuten.
Heinz Klein liebt den Zauber Regensburgs, weiß aber auch um die Gefahr der Entzauberung, denn viele Füße machen alles platt. Nie würde er deshalb nach Venedig fahren, um neben 20 Millionen Gästen auch noch sich dieser Stadt zuzumuten.

Jahr für Jahr kann die Regensburger Tourismus GmbH mit ihrer Geschäftsführerin Sabine Thiele an der Spitze satte Zuwächse bei den Übernachtungs- und Ankunftszahlen bejubeln. Was anfangs alle freute, freut mittlerweile immer weniger Beteiligte. Denn die Zeiten, in denen man gemeinsam mit Nana Mouskouri und Sabine Thiele am Regensburger Donaustrand noch hoffnungsfroh und sehnsuchtsvoll das Lied „Ein Schiff wird kommen...“ hätte singen können, sind längst vorbei. Heute kommen bis zu 1130 Kreuzfahrtschiffe jährlich, schieben sich als mehrstöckige Hotelkulissen vor die schöne blaue Donau und nehmen den Regenburgern den Blick auf ihren Fluss. Stattdessen sieht man nun Amerikaner beim Frühstücken in ihren Schiffswaben sitzen, was Anwohner nicht glücklich macht. Immerhin soll jetzt der Deckel drauf. Die Stadt erlässt eine Obergrenze, 1500 Kreuzfahrtschiffe jährlich sollten genug sein. Dankeschön!

Schiffe bringen rund 250 000 Touristen pro Jahr in die Stadt

Der Schifftourismus spült pro Jahr hochgerechnet rund 250 000 Tagestouristen in die Altstadt. Auf dem Landweg kommen freilich noch mehr. Der Städtetourismus feiert Jahr für Jahr neue Rekorde, 26 Prozent halten ihn inzwischen für die beliebteste Reiseart. Davon profitiert auch Regensburg mit inzwischen schon weit über einer Million Übernachtungen und fast 615 000 Gästeankünften (2017) gewaltig. Weihnachtsmärkte, Bürgerfeste, Jazz-Weekends und viele andere Events ziehen zudem weitere Hunderttausende Besucher in die knapp drei Quadratkilometer große Innenstadt, deren 17 000 Bewohner das alles aushalten müssen. Sie erleben als „Bereiste“ wohl nun sehr deutlich, dass es beim Tourismus immer eine Minderheit ist, die auf Kosten der Mehrheit davon profitiert.

„Längst ist von Overtourism, dem Zuviel an Tourismus, die Rede und die Reiseindustrie erlebt, dass sie manchenorts am eigenen Erfolg zu ersticken droht.“

Heinz Klein

Dagegen wehren sich in den Touristenmetropolen immer mehr Einwohner mit teils schon radikalen Methoden („Touri go home!“). Längst ist von Overtourism, dem Zuviel an Tourismus, die Rede und die Reiseindustrie erlebt, dass sie manchenorts am eigenen Erfolg zu ersticken droht. In Dubrovnik ist man so weit, den Besucherstrom in die Altstadt notfalls mit Wachposten an den Stadttoren auf unter 8000 gleichzeitig zu limitieren. Und in Amsterdam dürfen in der Innenstadt keine neuen Eisdielen mehr eröffnet werden, weil die Anwohner außer süßen Touristensnacks kaum noch Lebensmittel kaufen können.

Metzgereien werden weniger, Eisdielen immer mehr

So weit sind wir in Regensburg noch nicht, auch wenn hier die Metzgereien längst weniger und die Boutiquen und Eisdielen immer mehr geworden sind. Wir müssen an der Steinernen Brücke noch kein Wehr gegen Touristen errichten, wir müssen aber auch nicht immer noch die Schleusen weiter öffnen. Genug ist irgendwann genug, Frau Thiele. Und dieses Irgendwann ist langsam erreicht.

Mehr Zahlen zum Tourismus in Regensburg sehen Sie hier:

Fakten und Zahlen zum Tourismus in Regensburg

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