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Balu, der Bär, tanzt nicht mehr

Der Braunbär kam aus einem Zirkus auf den Gnadenhof bei Bad Füssing. Dort verbringt er mit 15 Artgenossen seinen Lebensabend.
Von Anna Haußmann, Uni Passau

Franzi wird mit Futter beschäftigt. Eine Kokosnuss zu knacken, ist für sie ein Kinderspiel. Fotos: Anna Haußmann
Franzi wird mit Futter beschäftigt. Eine Kokosnuss zu knacken, ist für sie ein Kinderspiel. Fotos: Anna Haußmann

Bad Füssing.Der über zwei Meter große Bär bäumt sich auf, stellt sich auf seine Hinterbeine und winkt seiner kleinen Fangemeinde mit der rechten Tatze zu. Das macht er schon sein Leben lang, denn er weiß, dass dieses kleine Kunststück meistens mit Applaus und Leckereien belohnt wird. Für ein wildes Tier ist solch ein Verhalten untypisch, doch der 27-jährige Europäische Braunbär namens Balu ist nicht in der Natur, sondern in einem Zirkus aufgewachsen. Dort wurden ihm in jahrelanger Dressur Kunststückchen beigebracht, die zwar dem Publikum gefielen, aber seinen Natur vollkommen widersprechen.

Die Zeit als zottelige Zirkusattraktion liegt hinter Balu. Eine Tierschutzorganisation, die „Gewerkschaft für Tiere“, hat Balu gemeinsam mit seinem Bärenfreund Tibor aus dem spanischen Wanderzirkus geholt.

Balu war ein Tanzbär. Es steckt noch in ihm drin. Foto: Haußmann
Balu war ein Tanzbär. Es steckt noch in ihm drin. Foto: Haußmann

Seit neun Jahren leben die beiden nun bereits auf dem Gnadenhof im niederbayerischen Hart bei Bad Füssing. Der Hof finanziert sich aus Spenden und Bärenpatenschaften. Initiiert wurde er von einem in den 70er Jahren populären TV-Moderator und Quizmaster: Dr. Andreas Grasmüller. Der Tierschützer war lange Präsident der deutschen Tierschutzbundes, den er nach Konflikten verließ. 1993 gründete der Rechtsanwalt mit einigen Mitstreitern die Gewerkschaft für Tiere.

Elf Hektar mit Wald und Wasser

Seit Grasmüllers Tod 2005 leitet der Münchener Rechtsanwalt Dr. Arpád von Gaál den Verein. Die „Gewerkschafter“ haben es sich zur Aufgabe gemacht, geschundenen Bären ein neues, artgerechtes Zuhause zu schenken. Momentan leben 15 Tiere in dem Park. Das Gelände erstreckt sich über elf Hektar und verfügt über viele Waldflächen und Teiche. Neben den Bären leben auch zwei Pfleger auf dem Gelände. Sie haben dort jeweils ein eigenes Haus und wohnen dauerhaft auf dem Gnadenhof, denn die Tiere müssen 24 Stunden am Tag umsorgt werden. Verhalten und Krankheiten werden dokumentiert. Die Gewerkschaft führt noch einen zweiten Gnadenhof in Germering, dort sind vor allem Kleintiere und Nutztiere untergebracht.

Aurora lebte auf nacktem Beton

Donnerstags um 15.30 Uhr bietet der niederbayerische Gnadenhof eine öffentliche Führung an. Schreckhafte Bären, die eine besonders schlimme Vergangenheit haben, bewohnen ein Gehege im Herzen des Parks. Somit sind sie vor neugierigen Blicken geschützt. Andere Tiere, wie Balu und Tibor, sind die Aufmerksamkeit von Menschen gewohnt und traben direkt zu Beginn der Führung an den Zaun, um die Besucher zu begrüßen. Doch heute werden sie dazu nicht mehr gezwungen. Dressur und Bestrafung gehören für sie der Vergangenheit an.

Der Gnadenhof

  • Der Weg in den Park:

    Wie genau die Tiere den Weg auf den Gnadenhof finden, darüber wollen die Angestellten des Parks nicht detailliert sprechen. Sie erklären, dass sie nur erfahren, wann ein Bär zu ihnen kommt, und dass sie alles vorbereiten.

  • Reisende Helfer:

    Meistens werden Bären von Urlaubern oder Tierschützern entdeckt. Die berichten dem Verein von ihrem Fund. Den genauen Ablauf der Verhandlungen und des Freikaufs kennt nur Dr. Arpád von Gaál.

  • Der Fall Ben:

    Ein bekannter Fall ist Grizzly Ben: Er war der letzte deutsche Zirkusbär und wurde 2016 vom Veterinäramt Deggendorf beschlagnahmt, als man ihn in einem kleinen Transportkäfig auf einem Platz in Plattling entdeckte.

Die beiden machen einen gut genährten Eindruck und zeigen ihren Bärenhunger, als Pfleger John sich mit einem schwarzen Futtereimer nähert. Neben Äpfeln, Salat und Brot stehen heute auch Kokosnüsse auf dem Speiseplan. Letztere schleudert John mit voller Wucht auf den Boden, um sie aufzubrechen. Anschließend wirft er sie über den Zaun. Er sagt, man gewinne das Vertrauen der pelzigen Bewohner mit Futter. „Am besten mit zehn Gläsern Honig“ fügt er grinsend hinzu.

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Die Leckereien werden in einem Haps verschlungen. Dann tollen die Bären miteinander. Obwohl die Tiere sich in das Waldstück zurückziehen könnten, bleiben sie in der Nähe der Menschen und fühlen sich sichtlich wohl. Während des Spiels kommt eine neugierige Bärin hinzu. Ihr Name ist Aurora. Sie ist sehr klein und kommt aus Albanien. Dort wurde sie als Haustier auf drei Quadratmetern Beton gehalten. Aurora ist etwa fünf Jahre alt und somit eine der jüngsten Bewohnerinnen. Als sie ankam, war sie sehr schreckhaft, bestand nur aus Haut und Knochen. Die junge Pflegerin Sophie erinnert sich: „Man dachte nicht, dass sie ein Braunbär ist, sondern eher eine Mischung aus Hyäne und Schäferhund.“ Das Gewicht musste langsam wieder aufgebaut werden, Aurora brachte damals nur die Hälfte ihres heutigen Lebendgewichts auf die Waage. Inzwischen ist sie sehr lebhaft und lernt viel von den beiden älteren Bären. Als John weitergeht, laufen ihm nicht nur die Besucher, sondern auch die Bären hinterher. Er schmunzelt: „Der Eimer dient hier als imaginäre Leine.“

Gestatten: Goliath! Foto: Haußmann
Gestatten: Goliath! Foto: Haußmann

Leider sind nicht alle Bären so unbeschadet davon gekommen wie Balu und Tibor. Einige Tiere zeigen starke Verhaltensstörungen, leiden an Hospitalismus. Auch die 30-jährige Bärin Franzi trabt immer wieder hin und her. Weil sie gerne Löcher gräbt, hat der Hof in circa zwei Metern Tiefe einen Untergrabschutz, so dass die Bären nicht unter dem Zaun hindurch gelangen können. Mit spielerisch verstecktem Essen versuchen die Pfleger, nervöse Tiere zu beschäftigen und zu unterhalten. Pflegerin Sophie berichtet stolz: „Franzi ist schon viel gelassener, und die Tics haben im Vergleich zu ihrer Anfangszeit sehr nachgelassen.“ Franzi lebt gemeinsam mit dem Senioren des Parks in einem gemeinsamen Abschnitt. Der alte Bär heißt Goliath. Er genießt seinen verdienten Ruhestand, macht seinem Namen aber gleichzeitig auch alle Ehre indem er immer wieder einmal kleinere Bäume umwirft.

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Der Hof ist kein Streichelzoo

„Geht ihr manchmal zu den Bären ins Gehege?“ erkundigt sich eine Besucherin. Die Tierpfleger verneinen energisch. Besonders Franzi und Goliath sollten nicht mit zahmen Tieren verwechselt werden. Es gebe zwar auch zutrauliche Bären, wie Balu und Tibor, aber gerade sie könnten den Menschen viel zu nahe kommen. Deshalb betont Sophie noch einmal: „Wir sind kein Streichelzoo. In erster Linie sollen die Tiere so natürlich wie möglich leben. Da haben Streicheleinheiten von Menschen nichts zu suchen.“ Trotzdem werden die pelzigen Kraftpakete Tag für Tag liebevoll umsorgt und beobachtet. Lediglich der Kontakt zu Menschen wird ihnen nicht mehr aufgezwungen. Nicht zuletzt deshalb möchte der Gnadenhof auch keine Werbung machen, auch keine großen Besucherscharen anlocken oder mehr Führungen anbieten – denn das würde den späten Bärenfrieden stören.

Der Text von Anna Haußmann ist im Rahmen des von MZ-Newsroomleiterin Claudia Bockholt geleiteten Seminars „Zeitungsjournalismus“ an der Universität Passau entstanden. Weitere Texte von Studierenden lesen Sie hier: www.mittelbayerische.de/bayern/reporter-werkstatt

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