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Die elektrische Revolution

Out of Berlin: Wie sich das Nachtleben in den bayerischen Studentenstädten wieder dem Techno zuwendet.
Von David Kappler, Universität Passau

Das Institut in Passau.  Foto: Institut für Spaß und Gesellschaft
Das Institut in Passau. Foto: Institut für Spaß und Gesellschaft

Passau.Wer des Nachts in den bayerischen Universitätsstädten unterwegs ist, wird immer öfter schnellere Bässe und elektronische Klänge hören können. Über die Jahre hat sich das Klangbild der Nächte verändert. Unter den jungen Menschen wird wieder verstärkt Techno gehört.

Was sind das eigentlich für Menschen, die sich in diesen dunklen Clubs umhertreiben, in denen es oftmals so laut ist, dass man sich darin nicht wirklich unterhalten kann? Menschen aus der Szene verbinden diese oft mit Offenheit, Liebe und Toleranz. Diese Kernwerte kristallisierten sich heraus, als in den 1990ern die Techno-Welle nach Deutschland schwappte und vor allem Berlin hart traf. Doch noch heute sind es diese Werte, die mit Stolz verfochten werden. Wer zu Techno feiern geht, ist oftmals nicht bis zum letzten Haar gestylt und hat sich nicht ewig herausgeputzt. Es sind Menschen, die ihre Freiheit genießen wollen. Sie tauchen ab in eine Welt, in der es egal ist, ob man tanzen kann, wie man aussieht oder was man tagsüber mit seinem Leben anstellt. Und genau das ist der Punkt, der Techno für viele so attraktiv macht.

Das Institut lehrt Techno

Das Passauer Nachtleben hat sich für die Studierenden umgestellt. So wurde im Juni 2018 das Institut eröffnet, ein Club, der sich in einer ehemaliger Halle des Passauer Güterbahnhofs befindet. Im Inneren erwartet den Besucher eine große Weite, an den Rändern befinden sich eine Bar und vereinzelt Sitzplätze. Das Herzstück liegt allerdings am Ende des Raumes – es ist die Bühne mit Mischpult und Lautsprechern. Hier erschallen in aller Regelmäßigkeit treibende, elektronische Bässe. Früher mussten die Passauer sich noch in kleinere Clubs drängen, die teilweise unterirdisch liegen, um hin und wieder ein kleines Bisschen ihrer Lieblingsmusik hören zu können. Die immer größere Nachfrage wurde erkannt und dementsprechend gehandelt. Heute steht ihnen eine große Halle zur Verfügung, um sich auszutoben.

Ab ins tiefe Blau

Auch tagsüber ist Techno immer öfter in Passau zu vernehmen. Die Veranstalter der sommerlichen Bootspartys haben diesen Trend schon längst erkannt, und so wächst jährlich das Angebot für Rundfahrten mit elektronischer Begleitung. Die gebuchten Künstler werden immer bekannter und erfolgreicher und es kommen auch immer mehr Feierwütige an Deck, um ihre Stars zu erleben.

Was ist eigentlich Techno?

  • Sound:

    Die als Techno bekannte Musikrichtung entstand in den späten 1980er Jahren. Sie ist eine Weiterentwicklung der amerikanischen House Musik und ist an ihrem schnelleren und auch experimentelleren Klang erkennbar.

  • Samples:

    Die Produzenten arbeiten oft ohne Instrumente. Diese können ebenso wie „Samples“, kurze Tonschnipsel, problemlos digital eingespielt werden. DJs spielen die fertigen Lieder bei Auftritten und haben währenddessen ein Mischpult zur Verfügung, welches ihnen die Möglichkeit gibt diese nach eigener Vorstellung noch vor dem Abspielen zu bearbeiten.

  • Im Lauf der Jahre hat sich eine Kultur gebildet, die von den Techno-Fans als sehr tolerant, sozial und offen angesehen wird. Als unumstrittene europäische Techno-Hauptstadt gilt Berlin.

Nicht nur bei den Feiernden haben sich die Zahlen gesteigert. Auch die Veranstalter sind mehr geworden. Immer mehr Labels und Kollektive tun sich zusammen, um ihre eigene Vision zu verwirklichen und dem Passauer Partyvolk das bestmögliche Erlebnis zu bieten. Diese tragen Namen so bunt wie die Szene: Villa TuNichtGut oder Ins Tiefe Blau.

Finnster & Maex Foto: Heimatministerium der Moderne
Finnster & Maex Foto: Heimatministerium der Moderne

Zu ersteren gehören auch Max Naundorf und Kugelmann, zwei Passauer Studenten. Die zwei Freunde waren schon immer affin für Techno, doch in der Stadt ab es kaum Veranstaltungen, die die Musik auch spielten. Also brachten sich die Beiden ihr Handwerk selber bei und gründeten 2013 das Duo Finnster & Maex. Unter diesem Namen veranstalteten sie private Partys und konnten sich aufgrund des Erfolges bald über eine Festanstellung im kleinen Passauer Club Goa freuen.

Das Schimmerlos kennen alle

Inzwischen haben die Zwei erneut das Label gewechselt und Auftritte bei diversen Festivals gespielt. Sie sind davon überzeugt, dass „die Szene boomt“, wie mir Max bei einem Gespräch erklärt. „Als wir damals angefangen haben, war in Passau um das Thema noch nicht wirklich viel los. Natürlich gab es Leute, die die Musik mochten und dazu auch ausgehen wollten, aber es gab wirklich kaum Veranstaltungen. Heute ist es ja fast schon so, dass hier jedes Wochenende irgendwo Techno gespielt wird. Zusätzlich haben wir noch die Techno-Boote, von denen gibt es auch immer mehr“, erklärt Max. „Man muss schon sagen, dass sich hier, seit wir angefangen haben zu studieren, wirklich einiges getan hat. Aber das Gefühl hast du auch in vielen anderen Studentenstädten. In Regensburg gibt es beispielsweise das Schimmerlos, auch ein richtiger Szene-Schuppen. Techno ist einfach wieder cooler geworden“, sinniert er bei seiner Tasse Kaffee. Später, um 14 Uhr, steht er dann mit seinem Freund Finn auf der Bühne und beschallt die Gäste des Schwerlos-Festivals. Es ist das größte seiner Art in Passau und lockt seit vier Jahren immer mehr Musikfans auf das Gelände am östlichen Ende der Innstadt, nahe der österreichischen Grenze.

An Bord eines Techno-Boots, hier in Passau Foto: Kappler
An Bord eines Techno-Boots, hier in Passau Foto: Kappler

Auch in Regensburg ist die Szene wieder auf dem Vormarsch. Genau wie die Passauer haben die jungen Regensburger die Schifffahrt für sich entdeckt und nach dem Vorbild der Niederbayern, werden mehr und mehr Bootspartys steigen. Und einige davon werden auch elektronische Musik über die Donau schallen lassen. Im Juli ging ein riesiges Houseboot auf Fahrt, für dessen musikalische Begleitung die Veranstalter den Berliner DJ Wankelmut verpflichtet hatten. Die Tickets gingen weg wie geschnitten Brot.

Die Szene ist im Wandel

So wie die Clubs entstehen und sich Rum und Namen über die Jahre aufbauen, sterben hin und wieder auch die Legenden unter ihnen. Am 13. April musste das Mixed Munich Arts schließen, ein Club, der in München als fester Stern am Technohimmel galt. Mitten in der Maxvorstadt verbargen sich die heiligen Hallen des MMA. In einem stillgelegten und mit seiner unverfälschten Art einladenden Heizkraftwerk, öffnete das MMA im April 2014 seine Pforten. Eine Location, die mit ihrem rohen Stil an das Schimmerlos in Regensburg erinnert musste nun aber am 13. April für immer seine Tore schließen, der Pachtvertrag war ausgelaufen. Doch so ist es in der Szene, Dinge kommen und gehen, sie wandelt sich.

Dieser Text ist im Rahmen des von Claudia Bockholt, MZ, geleiteten Seminars „Zeitungsjournalismus“ an der Universität Passau entstanden. Weitere Texte von Studierenden lesen Sie hier: www.mittelbayerische.de/bayern/reporter-werkstatt

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