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Ingolstadts Mann für alle Fälle

Als Profi wurde Ralf Keidel beim FCI zur Legende. Nach dem Ende seiner Spieler-Karriere hat er den Ausgleich geschafft.
Von Kristina Richter, Universität Passau

Blick zurück: Ralf Keidel gibt 2012 im Audi Sportpark Autogramme. Der Hype um seine Person ist heute vorbei. Doch der Profi hat den Ausgleich geschafft. Foto: Stefan Bösl
Blick zurück: Ralf Keidel gibt 2012 im Audi Sportpark Autogramme. Der Hype um seine Person ist heute vorbei. Doch der Profi hat den Ausgleich geschafft. Foto: Stefan Bösl

Ingolstadt.Einer von fünf Ortsteilen des Marktes Rimpar, irgendwo im Unterfränkischen gelegen zwischen Güntersleben und Unterpleichfeld. Mit dem Auto sind es rund zehn Kilometer nach Würzburg. Niemand würde auf die Idee kommen, dort Rast zu machen, es sei denn, er ist auf sonntäglichem Besuch bei Verwandten oder Bekannten. Es gibt einen Rewe-Markt, eine Norma-Filiale und exakt 7985 Bürger, darunter Alf Mintzel und Bernd Hollerbach. Vor einigen Jahren gelangte die Gemeinde Rimpar durch einen weiteren Bürger ins Licht der Öffentlichkeit. Oder, wie die Einheimischen sagen würden: „Wega am Ralf, dem subba Dübben, wurd über uns gschriim.“

Ralf Keidel, Sohn von Wendelin und Erika, ist ein Sohn Rimpars – das besagt ein Eintrag im örtlichen Geburtenregister vom 6. März 1977. Zusammen mit seiner älteren Schwester Tanja wuchs er in Unterfranken auf und blieb seinen Wurzeln bis zu seinem 20. Lebensjahr treu. Heute ist Keidel 1,80 Meter groß, 42 Jahre alt, ehemaliger Mittelfeldspieler, Gelb-Karten-Sammler sowie Co-Trainer – so ist es den Geschichtsbüchern zu entnehmen.

Profi in ungewohnter Rolle

In der alten Heimat ist er zwar nicht sesshaft geworden, aber oft zu Besuch. „Meine Eltern wohnen nach wie vor in Rimpar, und meine Schwester hat sich dort mit einer Physiotherapie-Praxis selbstständig gemacht.“ Inzwischen ist die Gemeinde Bergheim, westlich von Ingolstadt und nahe Neuburg an der Donau, der Dreh- und Angelpunkt der Keidels. Im selbstgebauten Haus fühlen sich auch Ehefrau Daniela sowie die beiden Kinder Felix (16) und Maya (13) wohl.

Ralf Keidel – „Das Tier“

  • Anfänge:


    Der Unterfranke Ralf Keidel kam vom ASV Rimpar über die Würzburger Kickers und Regionalligist 1. FC Schweinfurt 05 in die Premiere League zu Newcastle United.

  • 1. und 2. Liga:

    1999 kehrte er nach Deutschland zurück, zum Bundesligisten MSV Duisburg an. Mit Beginn der Saison 2004/05 wechselte Keidel zu Zweitligist Rot-Weiß Oberhausen. Im darauffolgenden Jahr spielte er für LR Ahlen. Sie wurden Tabellenletzte.

  • In Bayern:

    2006 unterschrieb der Mittelfeldspieler beim Regionalligisten FC Ingolstadt 04, mit dem er 2008 und 2010 in die 2. Bundesliga aufstieg. Nach Auslaufen des Kontraktes im Juli 2011 unterzeichnete er für zwei Jahre bei der Amateurmannschaft des FCI. Im Juli 2013 beendete Keidel seine Karriere und wurde Co-Trainer der U23.

  • Der Ruf:

    Der beidfüßig starke Spieler wurde aufgrund seines Laufpensums und seines kämpferischen Einsatzes „das Tier“ genannt.

Sieben Jahre lang lief der zweifache Familienvater Ralf im schwarz-weiß-roten Trikot des FC Ingolstadt 04 auf – zuletzt für die Regionalliga-Reserve. Nach seinem Karriereende hat der gelernte Metallbauer, Bau- und Kunstschlosser den Drittligisten dennoch nicht verlassen: Er arbeitet als Facility-Manager bei der Stadionbetreiber GmbH des FCI. „Das ist mehr oder weniger der Job des Hausmeisters, aber das ist für mich überhaupt kein Thema. Ich kümmere mich in den Gebäuden des Vereines um alle Dinge, die so anfallen.“

Egal, ob Boden-, Sanitär- oder Silikonarbeiten anstehen, Heizungen und Lüftungsanlagen defekt sind oder Dachbegehungen auf dem Funktionsgebäude durchgeführt werden müssen – Ralf Keidel entscheidet mit seinem siebenköpfigen Team, was zu tun ist. Dieses besteht überwiegend aus Elektrikern und IT-Fachkräften. Anfang des Monats hat der 42-Jährige besonders viele Aufgaben: alle Wasser- und Stromzähler ablesen, später wird bei einem zweiten Rundgang eine Sichtprüfung vorgenommen. „Dabei wird darauf geachtet, dass alle Thermostate, Wasserhähne und -spülungen intakt sind. Die Probleme müssen anschließend dokumentiert und behoben werden. Dafür brauche ich einen ganzen Arbeitstag.“

Ralf Keidel ist heute Facility-Manager beim FCI. Foto: FCI
Ralf Keidel ist heute Facility-Manager beim FCI. Foto: FCI

Dieser beginnt morgens um 7.30 Uhr und endet gegen 16.30 Uhr. In Notfällen muss natürlich auch ein Facility-Manager länger bleiben: „Neulich war wieder eine Waschbeckenarmatur undicht und ich konnte erst später Schluss machen.“ Neben den praktischen Aufgaben fallen bürokratische Arbeiten am Computer an: Rechnungsläufe abarbeiten, Angebote bei regionalen Handwerksbetrieben einholen.

An Heimspieltagen des FC Ingolstadt 04 ist Keidel, ehemals bejubelter Akteur auf dem Rasen, heute mit einer Gruppe Techniker im Einsatz. „Bei einer der letzten Zweitligapartien der Schanzer ist eine Kupferleitung durchgebrannt. Die Feuerwehr aber aber sofort zur Stelle.“

Schon als Teenager ist Keidel Realist: Nie setzt er allein auf die Karte Fußball, sondern fährt zweigleisig. Dreieinhalb Jahre dauert seine Ausbildung zum Metallbauer, Bau- und Kunstschlosser. Nicht nur beruflich, sondern auch privat plant er seinen Werdegang mit Bedacht: Seit der Jugend ist er mit Daniela zusammen, sie kommt aus dem Nachbardorf Margetshöchheim.

Sein Kampfgeist machte den ehemaligen Mittelfeldspieler zu einer Ingolstädter Legende. Foto: Stefan Bösl
Sein Kampfgeist machte den ehemaligen Mittelfeldspieler zu einer Ingolstädter Legende. Foto: Stefan Bösl

Als der Fußballer 19 Jahre alt ist und in Schweinfurt gegen den Ball tritt, lernt er sie kennen. Sie arbeitet da bei einem Notar in Würzburg. Kaum sind die beiden ein Paar, bekommt der Mittelfeldspieler die Möglichkeit nach England zu gehen – seine Herzensdame begleitet ihn. „Ihr damaliger Chef hat ihr allerdings versichert, dass sie jederzeit wieder zurückkommen kann, sollte auf der Insel irgendetwas nicht funktionieren“, erzählt Keidel. Doch Daniela ist geblieben. Fußball gehört auch untrennbar zu ihrem Leben. Nur drückt sie mittlerweile nicht mehr Ehemann Ralf die Daumen, sondern Sohn Felix, der für die U17 des FC Ingolstadt spielt.

Endlich freie Wochenenden

Jeden Morgen bringt Keidel seine Kinder Felix und Maya zur Schule, ehe es für den Techniker selbst zur Arbeit geht. Kommt der Nachwuchs nach Hause, kümmert sich Daniela um das Mittagessen, Hausaufgaben und die Fahrt zum Training, nach Dienstschluss holt Vater Ralf seinen Sohn wieder ab. Zuhause angelangt, genießt der gebürtige Würzburger die Zeit mit seiner Familie – und das nicht nur unter der Woche. „Der größte Vorteil an meinem neuen Job ist das Wochenende. Als Sportler hast du nämlich keines. Es ist wie Urlaub.“

Sobald der ehemalige Fußballprofi damit beginnt, von der Freizeit abseits des Stadions zu erzählen, schwärmt er von seinem Eigenheim in der Donauregion, wirkt zufrieden und ausgeglichen. Gerade hat er das Eigenheim um einen Freisitz erweitert. Baut der Familienvater nicht gerade am eigenen Anwesen, geht er Kicken, Schwimmen oder lässt seine Modellflieger in die Luft steigen: Kunstflugmodelle, Jets, Helis. Keidel liebt den Nervenkitzel und saugt jeden Moment, in dem die Flieger am Himmel sind, auf. „Wenn zwei- oder dreitausend Euro in der Luft hängen, wird es erst richtig spannend.“

Die Karriere nach der Karriere: Bis heute wird Keidel von Ingolstädter Fans freudig gegrüßt. Doch der Hype um die eigene Person ist vorbei. Ein Zugewinn an Freiheit und Freizeit kann das wieder wettmachen. Ralf Keidel macht es vor.

Der Text von Kristina Richter ist im Rahmen des von Claudia Bockholt, MZ, geleiteten Seminars „Zeitungsjournalismus“ an der Universität Passau entstanden. Weitere Texte von Studierenden lesen Sie hier: www.mittelbayerische.de/bayern/reporter-werkstatt

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