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Rassismus findest Du überall!

Die Tunesier Ali Jemel und Bechir Ben Mouaffek studieren in Passau. Zum Thema Rassismus haben sie unterschiedliche Meinungen.
Von Emelie Blam, Universität Passau

Ali (23, rechts) und Bechir (30, links) leben und studieren seit etwa drei Jahren in Deutschland Foto: Emilie Blam
Ali (23, rechts) und Bechir (30, links) leben und studieren seit etwa drei Jahren in Deutschland Foto: Emilie Blam

Passau.Rassismus im deutschen Alltag ist ein vieldiskutiertes Thema, zu dem es wahrscheinlich genauso viele Meinungen gibt wie es unterschiedliche Definitionen von Rassismus gibt. Was ist Ihre Meinung dazu? Gibt es in Deutschland viel Rassismus?

Ali: Ich würde vielleicht nicht sagen, dass es extrem viel Rassismus gibt. Denn das ist relativ. Man kann nur schwer pauschal sagen, dass es wenig oder viel Rassismus gibt. Aber in Bayern, hier wo wir wohnen, gibt es schon Rassismus. Das kann man auch im Alltag erleben. Ich lebe seit drei Jahren in Deutschland und kann sagen, dass ich schon oft Rassismus erlebt habe. Manchmal schlimmer, manchmal weniger schlimm.

Bechir: Ich finde nicht, dass es hier viel Rassismus gibt. Vielleicht hört man manchmal auf der Straße blöde Sätze, die eigentlich rassistisch sind, aber das kann man einfach ignorieren. Und ich finde, wenn man das ignorieren kann, ist es kein Problem. Das ist nicht schlimm und auch nicht im Alltag überall. Es passiert vielleicht einmal im Jahr oder so, dass einem so etwas auf der Straße passiert. Aber da wir sonst alle gleich sind, in der Uni, Arbeit, im Club oder überall, wo wir unterwegs sind, würde ich nicht sagen, dass so etwas echter Rassismus ist.

Die Diskutanten

  • Ali Jemel:

    Der 23-Jährige macht seinen Bachelor in Wirtschaftsinformatik als ausländischer Studierender an der Universität Passau. Er lebt seit etwa drei Jahren in Deutschland und hat vor, auch seinen Master in Deutschland zu machen und für einige Zeit hier zu arbeiten, bevor er weiterzieht.

  • Bechir Ben Mouaffek:

    Der 30-Jährige macht seinen Master in Informatik, ebenfalls als ausländischer Studierender an der Universität Passau. Auch er lebt seit etwa drei Jahren in Deutschland. Nach seinem Studium möchte er in Deutschland bleiben, arbeiten und eventuell eine Familie gründen.

Sie kommen beide aus Tunesien und studieren in Passau. Inwieweit begegnet Ihnen hier Rassismus im Alltag?

Ali: Nicht jeden Tag, aber schon oft. Ich war zum Beispiel einmal hier in Passau vor einem Club und habe auf meiner Muttersprache zu einem Freund gesagt, dass wir einen Döner holen sollen. Dann kamen Leute zu uns und haben gesagt: „Warum sprichst du arabisch? Wir sind hier in Deutschland“. Ich habe dazu nichts gesagt und wollte einfach gehen, dann haben sie behauptet, ich hätte ihr Handy geklaut, was nicht stimmte. Ich und meine Freunde wurden beleidigt und es kam sogar zu einer Schlägerei. Dann haben sie der Polizei gesagt, der Grund für die Schlägerei wäre, dass ich das Handy geklaut hätte, was aber, wie dann auch rauskam, gar nicht der Fall war. Und das ist nur ein Beispiel von vielen.

Bechir: Aber ich glaube, die waren nur besoffen. Dann passieren solche Dinge manchmal. Das passiert auch zwischen Deutschen. Das hat nichts mit Rassismus zu tun. Jemand könnte auch sagen: „Du bist aus Hamburg aber hier reden wir Bayerisch.“ Das passiert, wenn man besoffen ist, aber das ist nichts Schlimmes. Persönlich erlebt habe ich Rassismus bis jetzt nicht. Wenn du nett zu den anderen bist, bist vielleicht hier zum Studieren oder Arbeiten, anstatt nichts zu tun, und bist freundlich zu allen – warum sollten die Leute dann rassistisch und unhöflich zu dir sein? Ich glaube, das hängt von der Person ab. Wenn du nach Rassismus suchst, findest du ihn überall. Kannst ihn überall hineininterpretieren.

Streitgespräch in aller Freundschaft: Ali und Bechir  Foto: Emilie Blam
Streitgespräch in aller Freundschaft: Ali und Bechir Foto: Emilie Blam

Was ist denn für Sie Rassismus?

Ali: Ich sage, Rassismus fängt an dem Zeitpunkt an, an dem ich und eine andere Person unterschiedlich behandelt werden, weil ich eine andere Hautfarbe habe oder aus einem anderen Land komme und eine andere Sprache spreche.

Bechir: Ich finde, wenn Ausländer schwerer eine Arbeit finden könnten, wäre es zum Beispiel Rassismus. Oder wenn du als Ausländer schlechter bezahlt wirst als ein Deutscher. Wenn du nicht studieren dürftest oder im Geschäft nicht bedient werden würdest. Aber man sieht hier in Passau, dass es einfach ist, eine Arbeit zu finden, für einen Ausländer oder einen Deutschen. Sie haben das gleiche Recht. Sie dürfen beide studieren, arbeiten, ausgehen. Jeder wird überall gleich behandelt.

Ali: Ich denke nicht, dass die Deutschen und die Ausländer gleich behandelt werden in der Arbeit. Viele ausländische Studenten arbeiten zum Beispiel als Aushilfe in der Küche und werden dort schlechter behandelt und schlechter bezahlt als ihre deutschen Kollegen.

Bechir: Ich arbeite auch seit zwei Jahren mit Deutschen in der Gastronomie und bei uns werden alle gleich behandelt und gleich bezahlt.

Ali: Das kann sein, aber bei mir in der Arbeit ist das nicht so nicht. Die deutschen Kollegen kriegen immer als erstes ihre Pause und werden generell besser behandelt. Während die Ausländer, vor allem die, die noch kein oder nur wenig Deutsch sprechen und sich deshalb nicht beschweren, teils gar keine Pause bekommen.

Bechir: Aber ich glaube, das ist ihr Problem. Wenn sie wollen, dass sie besser behandelt werden, müssen sie eben etwas sagen. Wenn ein Deutscher nicht weiß, dass er Pause machen darf, kriegt er auch keine.

Würden Sie also sagen, es gibt keinen Rassismus in Deutschland?

Bechir: Ja, das würde ich sagen. Zumindest nicht, dass ich es erlebt hätte.

Ali: Doch den gibt es definitiv. Leute werden ständig bewertet wegen ihrem Aussehen, ihrer Herkunft oder Sprache und dann anders behandelt. Und das ist Rassismus.

Bechir: Aber das habe ich im Alltag nicht bemerkt. Wenn du einkaufen gehst, sagt niemand zu dir: „Nein du bist kein Deutscher, deshalb gebe ich dir nichts.“ Sie könnten dich auch einfach nicht bedienen, dann wäre es vielleicht rassistisch. Aber das ist nicht der Fall.

Ali: Das ist ja wohl auch normal. Ich bin hier und bezahle mit Geld wie jeder andere auch. Ich habe ein Recht darauf, hier zu leben. Ich studiere, arbeite, zahle Steuern… Dass ich respektvoll behandelt werde, sollte normal sein und nichts, wofür ich dankbar sein muss!

Mehr Texte von Studenten

Der Text von Emelie Blam ist im Rahmen des von MZ-Newsroomleiterin Claudia Bockholt geleiteten Seminars „Zeitungsjournalismus“ an der Universität Passau entstanden. Weitere Texte von Studierenden lesen Sie hier: www.mittelbayerische.de/bayern/reporter-werkstattregensburg

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