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Tauchgang mit mulmigem Gefühl

Einsatztaucher sind schnell vor Ort, wenn Menschen oder Boote verunglücken. Dennoch dauert die Bergung Vermisster oft Monate.
Von Sina Vöst, Universität Passau

Thomas Habel in voller Montur: Er ist Rettungstaucher bei der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) in Büchlberg im Landkreis Passau.Foto: Luca Dehmer
Thomas Habel in voller Montur: Er ist Rettungstaucher bei der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) in Büchlberg im Landkreis Passau.Foto: Luca Dehmer

Büchlberg.Am Abend des 29. Mai 2019 kollidierte das Ausflugsschiff „Hableany“ mit dem Flusskreuzfahrtschiff „Viking Sigyn“ auf der Donau im Herzen Budapests. 27 der 35 Passagiere, unter ihnen eine südkoreanische Reisegruppe, kamen bei dem Unglück unter der Margaretenbrücke ums Leben. Nur sieben Südkoreaner konnten gerettet werden. Seit der letzten Bergung am 5. Juli suchten spezialisierte Taucher sowie Taucher der Armee weiter nach einem vermissten Passagier - vergeblich.

Zu Beginn der Suche berichtete der Geschäftsführer einer Spezialfirma für solche Suchaktionen: „Die Bergung des Wracks kann noch Tage, ja sogar eine Woche dauern.“ Gründe hierfür seien vor allem der hohe Wasserstand und die starke Strömung. Infolgedessen wurden einige Vermisste erst Wochen später stromabwärts vom Unglücksort der „Hableany“ gefunden. Nur wenige konnten aus den Tiefen des gesunkenen Wracks geborgen werden. Auch der Einsatztaucher Thomas Habel von der DLRG Büchlberg weiß um die Schwierigkeiten, die bei der Suche von Vermissten unter Wasser auftreten können. Seit 2011 engagiert sich der 49-Jährige ehrenamtlich in der Wasserrettung und hat seitdem mehrere Einsätze begleitet.

Mehr Tote als Überlebende

Trotz Übungseinsätzen, Workshops und Schwimmtrainings sind die Retter oft machtlos. Häufig kann nur eine geringe Zahl von Überlebenden bei Schiffsunglücken gerettet werden. „Man ist beim Einsatztauchen unter Wasser immer orientierungslos. Man kann kaum die eigene Hand vor seiner Maske erkennen“, erklärt Habel. Die Rettungstaucher müssen sich vollständig auf ihren Tastsinn verlassen und arbeiten eng mit dem Signalmann an Land zusammen. Dieser leitet den Einsatz und führt den Taucher mittels Funkgerät durch die Suche. Der Signalmann muss sich in die Lage des Tauchers versetzen, um ihn sicher durch den Tauchgang führen zu können.

Die DLRG

  • Die Retter:

    Über 45 000 Rettungstaucher gibt es in Deutschland bei der DLRG, der deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft. Zu jeder Zeit bereit für einen Einsatz, sind sie perfekt für Notfälle und Gefahrensituationen ausgebildet. Insgesamt leisten sie knapp drei Millionen Stunden Hilfe in der Wasserrettung.

  • Die Opfer:

    2018 sind in Deutschland mehr Menschen ertrunken als im Jahr zuvor. Allein in Bayern kam für 89 Personen jede Hilfe zu spät. Ein Grund hierfür könnte sein, dass nur noch 36 Prozent der 14- bis 29-Jährigen in der Grundschulzeit schwimmen lernten. In der Altersgruppe der über 60-Jährigen waren es noch 56 Prozent.

Wenn ein Notruf einkommt, wird jeder per Piepser benachrichtigt. Danach organisieren sich die Taucher durch Whatsapp-Gruppen. „Wer kann, der kommt sofort.“ Auf der Fahrt zum Einsatzort wird besprochen, wie an der Unfallstelle vorgegangen wird. Wichtig ist, dass sich die Taucher bereits innerlich auf ihre Aufgaben vorbereiten und sich voll und ganz auf das Team verlassen können. Habel erklärt: „Die Suchaktion muss Hand in Hand gehen und die Anweisungen des Signalmanns müssen verstanden und umgesetzt werden.“

Wie ein Astronaut im All

Erst vor Ort wird entschieden, an welcher Stelle die Suche beginnt – abhängig von Strömung und Sichtverhältnis. Dann wird der Taucher vom Signalmann eingewiesen und steigt ins Wasser. „Alles in allem dauert die Vorbereitung maximal 15 Minuten“, versichert Habel.

Rettungstaucher im Einsatz Foto: DLRG Passau
Rettungstaucher im Einsatz Foto: DLRG Passau

Vor Ort haben Vertrauen und Kommunikation zum Signalmann oberste Priorität. Nur so können Hindernisse unter Wasser wie Schlamm, Strömung, Baumstämme und schlechte Sichtverhältnisse überwunden werden. Häufig ist unklar, wo die Vermissten sein könnten, ob sie bereits weggetrieben wurden oder sich noch an der Unglücksstelle befinden. Habel betont, dass es „nicht wie Tauchen im See ist, sondern alle Aufmerksamkeit nur dem Suchen gilt.“ Je länger die Suche dauert, desto anstrengender wird es. Der Sauerstoff wird knapp, der Druck steigt. Durch die eingeschränkte Bewegung in den Taucheranzügen kommt man nur langsam voran. Habel vergleicht das Gefühl beim Tauchen mit Schwerelosigkeit: „Es fühlt sich wie Schweben an. Wie ein Astronaut im All, nur unter Wasser.“ Die Rettungstaucher arbeiten sich Stück für Stück durch das Wasser und können Vermisste nicht sehen, sondern müssen sie ertasten.

Zaubern können sie nicht

Und es gibt Grenzen. „Manchmal geht einfach nicht mehr“, sagt Habel. Dann wird die Suche abgebrochen. Nach jeder Suchaktion folgt eine Besprechung im Team. Es wird diskutiert, was schiefgelaufen ist und was beim nächsten Mal verbessert werden kann.

Nach der Suchaktion geht jeder auf seine Weise mit dem Erlebten um. Während sich manche treffen, um über ihre Gedanken zu sprechen, bekommt Thomas Habel einen „immensen Hunger.“ Er setzt sich, isst – und dann „ist’s wieder gut.“ Die Einsatztaucher kehren zurück in ihren Alltag, ihre Familien und warten auf den nächsten Alarm. Thomas Habel ist sich sicher: Niemanden lässt eine solche Aktion unberührt. Für seelische Unterstützung kann aber jederzeit die psychosoziale Notfallversorgung der DLRG kontaktiert werden.

Jeder Retter verarbeitet anders

Er selbst hat unter Wasser noch keine Leiche gefunden, jedoch drei an Land geborgen. „Als Einsatztaucher musst du seelisch und körperlich fit sein. Es benötigt eine Grundfitness sowie viel Zeit und Geduld in der Ausbildung, um ein technisches Verständnis für verschiedene Tauchgänge zu erlangen.“ Die Erfahrung einer Vermisstensuche wirkt auf jeden individuell und „man verlässt den Einsatzort mit gemischten Gefühlen.“

Die täglichen Begleiter eines Einsatztauchers: Funkgerät und Piepser Foto: Luca Dehmer
Die täglichen Begleiter eines Einsatztauchers: Funkgerät und Piepser Foto: Luca Dehmer

Aber auch das beste Team konnte die schwierige Lage in Budapest nicht bewältigen. Nur sieben der 27 Leichen konnten unmittelbar nach dem Unglück geborgen werden. Die restlichen 20 wurden erst nach und nach mehrere Kilometer fernab gefunden. Vor allem die reißende Strömung machte es zunächst unmöglich, zu dem Wrack in neun Metern Tiefe zu gelangen. So wurde versucht, die Strömung rund um das Schiff einzudämmen, um so schneller zum Wrack vordringen zu können. Zunächst wurde die meisten Vermissten noch im Inneren des Ausflugsschiffes vermutet. Doch wie sich Wochen später herausstellte, wurden die Menschen von der Kraft der Donau mitgerissen. Spezialtaucher aus Ungarn, Österreich und Südkorea arbeiteten eng zusammen, um die Toten so schnell wie möglich zu bergen. Trotz aller Bemühungen fehlt seit dem Unglück jede Spur des letzten vermissten Passagiers.

Dieser Text von Sina Vöst ist im Rahmen des von MZ-Newsroomleiterin Claudia Bockholt geleiteten Seminars „Zeitungsjournalismus“ an der Universität Passau entstanden. Weitere Texte von Studierenden lesen Sie hier:
www.mittelbayerische.de/bayern/reporter-werkstattregensburg

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