MyMz

Wir, die Generation Alleingänger

Alle nutzen täglich Social Media. Und trotzdem scheint Einsamkeit eine Volkskrankheit zu werden. Was passiert da mit uns?
Von Marlene Groß, Universität Passau

Nur ich und mein Handy: Die Generation Smartphone ist die Generation alleingänger. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Nur ich und mein Handy: Die Generation Smartphone ist die Generation alleingänger. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Passau.Wer heutzutage nach dem Weg oder etwas anderem fragt, bekommt meistens statt einer Antwort zunächst einmal diesen fragenden Gegenblick mit der Aussage „Hast du kein Handy?“ oder „Kannst du Googeln“. Gespräche mit einem Fremden anzufangen oder auch im Bus, Zug oder im Cafe ein nettes Gespräch zu beginnen, scheint vor allem in Deutschland immer mehr verpönt zu sein, gilt beinahe schon als störend. Während es früher als unhöflich galt, seinem Gegenüber nicht in die Augen zu schauen, scheint es heute ganz normaler Alltag, sich in sein Smartphone zu vertiefen und jeden möglichen Augenkontakt mit Fremden mehr und mehr zu vermeiden und auszuweichen.

Wie war die Welt ohne Smartphone?

Ich denke häufig darüber nach, wie es sich wohl anfühlt, wenn man seit dem frühen Kindesalter (was heute der Fall ist) mit dem Smartphone aufwächst. Und wie war die Welt, in der man einfach kurz bei jemandem klingelte, um persönlich zu fragen ob der- oder diejenige Zeit hat? Eine Welt, die auch ohne technische Helfer wie Google-Maps, Eat-Smarter und Tinder funktionierte. Für die junge Generation ist das Smartphone nicht mehr nur ein netter Begleiter. Es ist ein Existenzmittel, bei dessen Verlust man nahezu aufgeschmissen scheint, ohne das man sich völlig verloren und einsam in einer Welt von sieben Milliarden Menschen fühlt.

Die Apps wachsen mir über den Kopf

Was mir ebenso große Sorgen bereitet, ist das Überangebot, die mir langsam über den Kopf wachsende Anzahl von Apps und digitalen Hilfsmitteln, zu deren Nutzung mich die Gesellschaft mehr und mehr verdonnern möchte. Der Druck, bestimmte Apps oder Anwendungen zu nutzen, ist in meiner Generation (Jahrgang 94) allgegenwärtig. Klar liegt die Entscheidung, was ich nutze und wie häufig ich es nutze, immer noch bei mir selbst. Aber häufig hat man beinahe keine andere Wahl mehr, wenn man auch nur halbwegs up-to-date bleiben möchte.

Zur Person: Marlene Groß

  • Die Autorin:

    Marlene Groß ist 25 Jahre alt und studiert Medien und Kommunikation an der Universität Passau.

  • Ihr Thema:

    Eines der Topthemen und wichtigsten Anliegen im Studium sowie auch in ihrem Privatleben sind die Reflexion und das bewusste Wahrnehmen der Digitalisierung – mit all ihren Vorteilen und Chancen, aber vor allem auch Risiken und Gefahren.

Für die Uni und mein Studium benötige ich z.B. Facebook, für meinen Nebenjob die App „Doodle“, für das Verwalten meiner Finanzen die entsprechende Banking-App und für mein soziales Dasein Social Media wie „Instagram“, „WhatsApp“ & Co. Hinzu kommen Freizeit und Urlaubs- Apps, die ich natürlich freiwillig nutze, die mich aber dennoch manchmal in ihrer Gesamtheit überfordern. Das Internet und das Smartphone wurden einmal erfunden, um unser Leben zu bereichern und zu vereinfachen. In der Realität hat sich jedoch ein Paradox entwickelt. Sie erleichtern das Leben – und schaffen und fordern enorme Komplexität.

Ausschalten – was für ein Luxus

Das Handy ab und zu mal auszuschalten tut gut. Aber wir alle haben Freunde, die sich über verzögerte Antworten beschweren. Im längeren Off-Modus habe ich tatsächlich manchmal schon ein schlechtes Gewissen. Denn man schiebt Berge von nicht stattgefundener Kommunikation vor sich her. Nicht erreichbar sein und dabei auch im Kopf auf Urlaub umzuschalten, ist definitiv der Luxus unserer Zeit geworden.

Die Autorin Marlene Groß
Die Autorin Marlene Groß

In all diesem Überangebot, das wir tagtäglich bewältigen und durch dessen Dschungel wir uns immer wieder aufs Neue kämpfen, suchen wir in Wahrheit alle nur nach Einem: dem Phänomen der Singularität. Der Begriff der Singularität meint nach dem deutschen Soziologen Andreas Reckwitz „das Besondere“ und „das Einzigartige“ in kultureller und gesellschaftlicher Hinsicht. Singularisierung beschreibt „[…] das kompliziertere Streben nach Einzigartigkeit und Außergewöhnlichkeit, die zu erreichen freilich nicht nur subjektiver Wunsch, sondern paradoxe gesellschaftliche Erwartung geworden ist. […]

Das Internet als Affektmaschine

Laut Reckwitz spielt Singularität in der Spätmoderne eine zunehmend entscheidende Rolle und führt immer mehr zu einem strukturellen Wandel der Gesellschaft. Das Leben wird zu einer Art Theaterstück und das Internet dient als Affektmaschine: „[…] Im Modus der Singularisierung wird das Leben nicht einfach gelebt, es wird kuratiert.“ Eine Aussage, die zutreffender nicht sein könnte. Mal ehrlich: Facebook, Twitter und Instagram dienen zu 90 Prozent der Selbstdarstellung. Wir nutzen die Socials, um miteinander in Kontakt zu bleiben. Aber über die Jahre entwickelten sich diese Medien vor allem dazu den Rest der Welt vom eigenen Leben teilhaben zu lassen, die eigene Identität zu präsentieren, um irgendwie besonders, möglichst einzigartig zu sein. Mit Freunden, Momenten und Fotos, die einzigartig sind. An den atemberaubendsten Orten, mit atemberaubenden Fotos. Nur danach streben die meisten. Und vergessen dabei, dass nicht das Foto auf Instagram, sondern die Erinnerung in unserem Kopf und die Erfahrungen und Gefühle, die wir an diesen Orten und in diesen Momenten empfinden, uns zu dem wirklich Besonderen und Einzigartigem machen.

Der Text von Marlene Groß ist im Rahmen des von MZ-Newsroomleiterin Claudia Bockholt geleiteten Seminars „Zeitungsjournalismus an der Universität Passau entstanden. Weitere Texte von Studierenden lesen Sie hier: www.mittelbayerische.de/bayern/reporter-werkstattregensburg

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht