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Leben

Wohnen in der achteckigen Filmkulisse

Dinieren in 12 Meter hohen Räumen ist etwas Besonderes, 240 Fenster zu putzen aber auch: Für die Hoenning O’Carrolls im Schloss Sünching ist beides Alltag.
Von Tanja Rexhepaj, MZ

Sünching.Wenn Katalin Freifrau von Hoenning O’Carroll ihr Haus komplett lüften will, muss sie schon etwas Zeit einplanen. „Ungefähr eine Stunde brauche ich da“, sagt sie. Denn sie muss nicht etwa zehn, auch nicht hundert, nein, sage und schreibe 240 Fenster auf und zu machen, wenn sie frischen Wind in ihr Zuhause lassen möchte. Und was ist mit Fensterputzen? „Da kommt einmal im Jahr ein Putztrupp“, sagt die Baronin. Gemeinsam mit ihrem Mann Johann Carl Freiherr von Hoenning O’Carroll wohnt sie auf Schloss Sünching. Der achteckige Rokoko-Bau wurde Mitte des 18.Jahrhunderts errichtet und ist nicht nur wegen der Anzahl seiner Fenster bemerkenswert; so bemerkenswert, dass das Anwesen auf einer amerikanischen Luftkarte aus dem Zweiten Weltkrieg dick eingekreist ist. Da das Oktogon auch von oben bestens zu erkennen ist, diente es den US-Piloten nämlich als Orientierungspunkt.

„Es ist kein einfaches Erbe“

Johann Carl von Hoenning O’Carroll, der als ältester Sohn von insgesamt 14 Geschwistern Schloss Sünching übernahm, kann sich noch gut an die Zeit nach dem Krieg erinnern, als die Amerikaner das Gebäude für ihre Zwecke beschlagnahmt hatten. „Wir wohnten unterdessen im ehemaligen Verwaltungsgebäude“, berichtet er. Nach einigen Monaten bereits zogen die US-Streitkräfte wieder aus – und die große Familie Hoenning O’Carroll wieder ein, samt mehrerer Tanten mit etlichen Kindern und einem Onkel mit 30 Lipizzanern, die alle Zuflucht in Sünching gesucht hatten. Damals waren die 60 Zimmer des Schlosses ein Segen. Heute gibt der Baron zu: „Es ist kein einfaches Erbe.“

Doch obwohl ein Schloss wie Sünching mitsamt dem dazugehörigen Gutshof und der ehemaligen Brauerei seinen Bewohnern einiges an Arbeit abverlangt, genießen es die beiden auch, „eine schöne Wohnung“ zu haben. Am liebsten haben sie es, wenn ihre Tochter mit den beiden Enkelinnen zu Besuch kommt. „Sie sind in den Ferien und an den Wochenenden da und gehen sonst auf die Internationale Schule in München“, sagt die Baronin. München – dort lernten sich die jetzigen Schlossbesitzer kennen.

Die Baronin, eine geborene Gräfin Zichy zu Zich und Vàsonykeö, war 1956 nach der Niederschlagung des Ungarischen Volksaufstandes mit ihrer Familie aus ihrer Heimat bei Sopron nach München geflohen. Dort lernte sie Johann Carl von Hoenning O’Carroll kennen. Als Enkel der letzten Gräfin Seinsheim zählte dieser Schloss Sünching zu seinem Eigentum, wo die beiden nach einer Zeit in München auch einzogen. Seitdem lebt das Ehepaar in dem von dem berühmten Baumeister François de Cuvilliés dem Jüngeren entworfenen Landschloss.

Weihnachten in der Bibliothek

Weihnachten feiern sie in der unteren Bibliothek, in deren Fensterscheiben sich bereits Prinz Leopold von Bayern und viele andere illustre Besucher eingraviert haben. Haben sie viele Gäste zu bewirten, decken sie die Tafel im Großen Saal, der mit einer Raumhöhe von zwölf Metern, stuckverzierten Wänden mit Schnitzereien von Ignaz Günther und einem Fresko von Matthäus Günther vom erlesenen Geschmack des einstigen Schlossherrn und Erbauers, Josef Franz Graf Seinsheim, einem direkten Vorfahren des heutigen Schlossherrn, zeugt.

Doch nicht nur der Bau an sich, die Wände und Decken des Schlosses sind sehenswert, auch die Ausstattung ist erlesen. Fast überall stehen Original-Möbelstücke, – von einem Schaukel-Wildschwein für die Enkeltöchter und manch anderen neuzeitlicheren Gegenständen wie etwa dem Fernseher im Salon einmal abgesehen – die dem Haus ein unverwechselbares Ambiente geben. Ein Ambiente, das auch Fernsehleute zu schätzen wissen. So diente das Billardzimmer als Kulisse für die 1993 produzierte Sat.1-Show „Cluedo – Das Mörderspiel“ mit Moderatorin Gundis Zàmbò oder das Winterspeisezimmer als Schauplatz für den Streifen „Frag nach bei Casanova“ mit Klaus Maria Brandauer aus dem Jahr 1975. Dieses Jahr hat ein TV-Team von BR alpha auf Schloss Sünching Station gemacht: In der ehemaligen Brauerei drehten sie Szenen für die sechsteilige Reihe zur „Geschichte der Homöopathie“; zu sehen ab morgen, 26. August, um 19 Uhr.

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