MyMz

Gillamoos

Seehofers sanfter Siegeszug

Das Veto der Kanzlerin zur Pkw-Maut bringt den CSU-Chef nicht aus der Ruhe. Er setzt auf eine Erschöpfungsstrategie und trifft damit ins Schwarze.
Von Christine Schröpf, MZ

Ein Gruß an seine Anhänger: Horst Seehofer schüttelte gestern zudem unzählige Hände in Abensberg. Foto: dpa

Abensberg.Angela Merkel wird für Horst Seehofer zum Gradmesser. Bei ihrem Gillamoos-Auftritt vor einem Jahr musste die Blaskapelle den Defiliermarsch in Serie intonieren, bis sich die Kanzlerin einen Weg durchs überfüllte Zelt gebahnt hatte. Dem CSU-Chef ergeht es am Montag ziemlich ähnlich. Das Musikstück erklingt in gefühlter Endlosschleife. Mit Ehefrau Karin nimmt Seehofer die große Runde und schüttelt unzählige Hände. Auch Martin Kammerer aus Wettstetten bei Ingolstadt hat sich ins Spalier gereiht. „Ich kenne ihn seit 1980, als er das erste Mal für den Bundestag kandidiert hat“, erzählt der 76-Jährige. Seitdem sei er Seehofer-Fan. Der CSU-Mann habe sich nie verbogen. „Er ist immer noch gleich gut.“

Auf der Tribüne fürs TV drängeln sich am Montag knapp ein Dutzend Kamerateams. Zwei Wochen vor der Landtagswahl zieht der Gillamoos bundesweite Aufmerksamkeit auf sich. „An die 40 Journalisten haben sich akkreditiert. Fast so viele wie bei Angie“, sagt der CSU-Kreisvorsitzende und Landtagsabgeordnete Martin Neumeyer, der im Hofbräu-Zelt an diesem Tag der Hausherr ist. ARD, n-tv und ZDF übertragen live, schiebt er stolz hinterher. Seit halb vier Uhr morgens ist Neumeyer im Zelt unterwegs, um Aufbauarbeiten zu überwachen. Nichts soll schiefgehen.

Mauttaugliche Bayern-Hymne

Es ist der Tag nach dem TV-Duell, in dem Merkel ihr Nein zu einer Pkw-Maut für Ausländer bekräftigt hat. Die Autobahnabgabe ist eine Kernforderung im CSU-Wahlprogramm. Ohne Maut gibt’s keinen Koalitionsvertrag hatte Seehofer kürzlich gedroht. Neumeyer hat zum Gillamoos sogar ein paar Strophen der Bayernhymne mauttauglich umgetextet. „Er behüte deine Straßen“, taucht in dieser Version nun auf.

Beim CSU-geprägten Publikum trifft Seehofers Pochen auf eine Autobahngebühr den Nerv. Den Deutschen soll das Pickerl mit dem Kfz-Steuerbescheid frei Haus geliefert werden, die Ausländer sollen zahlen. Auf diese Weise will Seehofer europarechtliche Hürden aushebeln. Zu Merkels Veto fällt zunächst kein Wort, obwohl das Publikum darauf wartet. „Ich sag’ schon noch was zu gestern Abend“, amüsiert sich Seehofer und stellt klar: eine Kluft zur Kanzlerin lasse sich nicht konstruieren.

Er habe nach dem TV-Duell mit Merkel gesprochen. Es gebe keine Spannungen und keinen Streit. Über die Maut werde bei einem Wahlsieg am Koalitionstisch verhandelt. Seehofers Erfolgsrezept aus früheren Schlachten: „Man muss so lange kämpfen, bis man Recht bekommt – und sei es aus Erschöpfung.“ Mitstreiter finden sich am Montag im Publikum. Der Regensburger CSU-Bundestagskandidat Philipp Graf von und zu Lerchenfeld ist ebenfalls ein Mautverfechter. „Nur so bekommen wir die Infrastrukturprobleme in den Griff.“ Auch mit der Mütterrente trifft Seehofer im Hofbräu-Zelt ins Schwarze. Frauen, die vor 1992 Kinder geboren haben, sollen bei den Zahlungen ab 2014 zunächst um einen Rentenpunkt bessergestellt werden, „wenn die Steuereinnahmen weiter so sprudeln“ sogar um einen zweiten Punkt. Knapp 350 Euro mehr Rente bringt jeder Schritt pro Jahr als Plus. Für Seehofer ist es eine Frage der Gerechtigkeit.

Auch beim Kampf für einen neuen Länderfinanzausgleich kann er sich des Beifalls sicher sein. Bayern wird 2014 rund vier Milliarden Euro in den Gemeinschaftstopf einzahlen und hat vor dem Bundesverfassungsgericht wegen der dauerhaften Schieflage Klage eingereicht. „Der größte Flughafenmanager Klaus Wowereit bekommt immer mehr Geld, Bayern darf immer mehr bezahlen“, ruft Seehofer ins Zelt. Das ist zwar nicht neu, doch Seitenhiebe auf das Debakel beim Bau des neuen Berliner Flughafens kommen immer gut an.

Genüsslich spielt Seehofer die Bayernkarte. Er erzählt die Geschichte von den portugiesischen Protokollbeamten, die er bei einer Auslandsreise im guten Glauben ließ, der Freistaat sei unabhängig. Der nicht abnehmende Strom von Zuzüglern ist für Seehofer ein weiterer Beweis für Bayerns Stärke und Strahlkraft. In 20 Jahren habe sich die Zahl der Einwohner von 11 auf 12,5 Millionen erhöht. Der Erfolg Bayerns sei auch ein Verdienst der CSU, sagt der Regierungschef. „Ich behaupte nicht, dass wir Bayern erschaffen haben, aber wir haben es regiert und wir haben es gut regiert.“

Kein Wort über Ude

Mit keinem Wort erwähnt Seehofer den SPD-Herausforderer Ude, der zeitgleich wenige Meter weiter im Jungbräuzelt auftritt. Es ist eine Strategie, die er von Anfang an gefahren hat. Die Wähler wollen keinen Streit, sondern Sachpolitik, bekräftigt der CSU-Chef. Für die Haltung ernte er viel Zuspruch. „Ich mache keine Politik, die andere herabsetzt.“

Es zählt aber zum Seehoferschen Humor, Attacken ins Lustige zu ziehen. Beim Gillamoos spöttelt er über Versuche der SPD, seine mehrfachen Meinungsumschwünge gegen ihn zu münzen. Historiker bewerteten es positiv, dass Bayern in der Vergangenheit immer die Seite der Sieger gesucht habe. „Warum muss man erst sterben als Politiker, damit es als historischer Weitblick eingestuft wird, dass man mal so, mal so und mal so entscheidet?“ Parteifreund Neumeyer spielt den Ball weiter. Seehofer sei kein Drehhofer, wie von der SPD getauft, sondern ein „Vorsehhofer“, der Situationen vorausahne. Hellmut Beckstein, Bruder des früheren Ministerpräsidenten, hat für Wendungen des aktuellen CSU-Chefs ebenfalls eine schöne Formulierung parat. „Er kann sich elegant neuen Situationen anpassen.“

Liebeserklärung an Ehefrau

Eine Mischung aus CSU-Glückseligkeit und Begeisterung macht sich im Zelt breit. „Horsti, Horsti“, tönt es aus einer Ecke. Auch als ein Zwischenrufer mit dem Debakel um die Landesbank ein dunkles Kapitel der bayerischen Wirtschaft zur Sprache bringt, trübt die Stimmung nicht ein. Seehofer greift den Ball sofort auf und hakt am Ende nach, ob der Mann mit der Antwort zufrieden sei – sonst könne er gerne am Ende bei ihm am Tisch vorbeikommen. Der Mann nickt.

Die Reaktionen auf den Seehofer-Auftritt sind fast durch die Bank gut – auch bei zwei Namensvettern, dem Zwillingspaar Julia und Andreas Seehofer aus dem Landkreis Kelheim. „Er war sehr überzeugend. Er hat eine gute Körpersprache“, sagt er. „Ehrlich war er auch“, ergänzt sie. Nur zehn Landwirte, eigens aus dem 770 Kilometer entfernten Stade angereist, zeigen leichte Enttäuschung. „Er hat kein Wort über die Bauern gesagt“, bedauert Herwig Bülau. Für die Truppe in schwarzen T-Shirts mit dem Aufdruck „Saupreuß on tour“ war die Reise als Erholungstrip vom rot-grün regierten Niedersachsen gedacht.

Locker wie am Gillamoos will Seehofer beim BR-Fernsehduell am Mittwochabend gegen Ude punkten. „Das ist eine Arbeit wie an jedem Tag. Ich sage, was ihn Bayern läuft und was ich vorhabe.“ Ein spezielles Coaching brauche er dafür nicht. „Ich gebe mich so wie ich bin.“ Im Zweifelsfall werde er sich aber als wehrhaft erweisen. „Wer mit mir streiten will, kann es haben – auch in Berlin.“

Dabei zeigt sich Seehofer im Moment bevorzugt von der sanften Seite. Seine Ehefrau, die ihn im Wahlkampf unterstützt, überraschte er am Gillamoos mit einer Liebeserklärung. „Ich möchte heute meiner Karin danken: Dafür, wie sie mich unterstützt und mir den Rücken freihält.“ Sie zeigte sich gerührt.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht