MyMz

Tierseuchen-Alarm in der Oberpfalz

Die großen Schlagzeilen Ostbayerns: BSE-Fälle im Jahr 2000 und einige Jahre später die Vogelgrippe versetzten die Region in einen Ausnahmezustand.
Von Dagmar Unrecht, MZ

  • Achtung Vogelgrippe: Mit Gasmasken waren THW-Helfer 2007 im Landkreis Schwandorf bei zwei Entenmast-Betrieben im Einsatz. Foto:dpa

Neumarkt.Am Freitagabend, kurz vor Weihnachten, schlägt die Nachricht ein wie eine Bombe: Der erste BSE-Verdachtsfall im Landkreis Neumarkt. Der Rinderwahn, so die umgangssprachliche Bezeichnung für die tödliche Gehirnerkrankung, erreicht im Dezember 2000 die Oberpfalz. „Noch am selben Abend hat sich der Krisenstab getroffen und der Betrieb wurde gesperrt“, erinnert sich der Neumarkter Kreissprecher Michael Gottschalk. Er hat damals das Drama der folgenden Tage miterlebt. „Es war fast wie bei einem Belagerungszustand“, sagt er. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer, die Bauern in der Region sind verunsichert. Sie sorgen sich um ihren Bestand und auch um ihre Existenz.

Drei Wochen zuvor, am 26. November, war erstmals in Deutschland bei einem Rind aus Hörsten in Schleswig-Holstein BSE diagnostiziert worden. Ursprünglich kam die Krankheit aus Großbritannien. Dort war sie Mitte der 1980er Jahre erstmals ausgebrochen. Verstörende Bilder von torkelnden Rindern, die über ihre eigenen Beine stolpern und einen erbärmlichen Anblick bieten, gingen damals um die Welt. Innerhalb weniger Jahre schnellten die Fallzahlen auf der Insel in die Höhe, insgesamt waren dort rund 35000 Betriebe mit 180 000 Rindern betroffen. Tiermehlfutter, das nicht ausreichend erhitzt wurde und das krankmachende Prion-Protein enthält, ist die Ursache.

Familienbetrieb betroffen

In Bayern war die Angst vor einem Ausbruch der Tierseuche besonders groß. Für viele Bauern ist das Halten von Rindern die Lebensgrundlage. Den ersten BSE-Fall im Freistaat gibt es Mitte Dezember 2000 im Oberallgäu, kurz darauf steht auch die Oberpfalz im Blickpunkt. Der betroffene Hof in der Gemeinde Pilsach im Landkreis Neumarkt ist ein Familienbetrieb mit 63 Tieren, davon 25 Milchkühe. „Es war ein vorbildlich geführter Betrieb“, erzählt Gottschalk. Bei einer regulären Schlachtung ist der BSE-Schnelltest einer Kuh auffällig. Nach der Sperrung des Betriebs am Freitagabend darf kein Tier mehr raus oder rein. Dann heißt es abwarten. Eine knappe Woche dauert es, bis die endgültige BSE-Bestätigung der Bundesforschungsanstalt für Viruserkrankungen in Tübingen vorliegen. Dann steht fest, dass die ganze Herde des Betriebs gekeult werden muss. Das Landratsamt richtet eine Hotline ein. „Wir wurden mit Anfragen bombardiert“, erinnert sich Gottschalk. Journalisten aus ganz Deutschland sind inzwischen nach Neumarkt gekommen. Bei der Pressekonferenz ist der große Saal der Stadt rappelvoll. „Wir waren ständig mit Interviews beschäftigt“ erinnert sich Gernot Schott, der damals zuständige Veterinär.

Die Tötung der Rinderherde verzögert sich. Die Tierkörperbeseitigungsanstalt (TBA) in Rötz im Landkreis Cham ist ausgelastet. Denn dort gibt es auch inzwischen auch einen BSE-Fall bei einem Tier aus Stamsried. Die Herde aus Neumarkt soll deshalb in die TBA in Mering bei Augsburg verfrachtet werden. In der Nacht vom 2. auf den 3. Januar werden die Tiere auf drei Laster verladen. Die Nacht verläuft dramatisch, heftige Proteste begleiten den Abtransport. „Rund 1500 Demonstranten standen vor dem Hof“, erinnert sich Veterinär Schott, „wir wurden mit Schneebällen beworfen, in denen Steine waren“. Die Familie auf dem Hof habe extrem unter der Belastung gelitten. Der Bauer gibt danach die Rinderhaltung auf und arbeitet heute beim Gärtner-Trupp des Kreises.

Nach Angaben des Friedrich-Loeffler-Instituts, des Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit, gibt es bis 2009 in Deutschland insgesamt 412 klassische BSE-Fälle. Der letzte wird in am 22. Juni 2009 bei einem Rind aus Schleswig-Holstein diagnostiziert. Durch den BSE-Skandal bricht nicht nur die Nachfrage nach Rindfleisch dramatisch ein, auch gelatinehaltige Produkte wie Gummibärchen geraten in Verruf. Das Vertrauen der Verbraucher in die Lebensmittelsicherheit ist erschüttert. Doch es geht noch weiter.

Verdächtiger Mäusebussard

Im Frühjahr 2006 entdeckt ein Spaziergänger an einem Weiher im Landkreis Schwandorf einen toten Mäusebussard. Er verständigt das Landratsamt, eine Untersuchung bestätigt: Der Vogel ist mit dem H5N1-Virus befallen. Es ist der erste Fall von Vogelgrippe in der Oberpfalz. Das Gebiet rund um den Fundort wird zur Sperrzone, auch der Wildpark Höllohe wird abgeriegelt.

Großflächig schlägt die Viruserkrankung in der Oberpfalz schließlich am 7. September 2007 zu: 230 000 Mastenten in zwei Betrieben in Nittenau und Bruck (Landkreis Schwandorf) müssen getötet werden. Es handelt sich um Tochterunternehmen eines Mastbetriebs aus dem mittelfränkischen Wachenroth. Es ist die bisher größte Keulungs-Aktion in Deutschland. Das Gelände der Betriebe wird abgesperrt, THW-Helfer rücken mit Gasmasken und Schutzanzügen an. Anwälte des Unternehmens versuchen zunächst die Aktion zu unterbinden, dann kooperieren sie. „Die Keulung dauerte das ganze Wochenende“, erinnert sich der Schwandorfer Kreissprecher Franz Pfeffer. Er war tagelang im Einsatz, rund 600 Helfer seien insgesamt vor Ort gewesen, erzählt er. „Im Landkreis Schwandorf sind wir zwar katastrophenerprobt, aber eine solche Massentötung war auch für uns Neuland“, so Pfeffer. „Apokalyptisch“ nennt der Bund Naturschutz damals die Keulung. Das öffentliche Interesse ist gewaltig. Schaulustige, Berichterstatter und Tierschützer versammeln sich vor den Betrieben, die Stimmung bleibt aber weitgehend friedlich. Nach einigen Wochen ebbt die Infektionswelle ab. Der letzte Fall von Vogelgrippe wurde nach Auskunft des Friedrich-Loeffler-Instituts im März 2009 bei einer Wildente in Bayern festgestellt.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht