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Gillamoos

Ude fordert Seehofer zum Duell heraus

Der SPD-Spitzenkandidat nimmt in Abensberg selbstbewusst den Regierungswechsel ins Visier und rennt mit seinen Attacken bei den Zuschauern offene Türen ein.
Von Christine Schröpf, MZ

SPD-Kandidat Christian Ude stichelte gegen CSU-Chef Horst Seehofer. dpa

Abensberg. Nach politischer Wechselstimmung muss man im Jungbräu-Zelt auf dem Gillamoos nicht suchen. Viele in Ehren ergraute SPD-Anhänger – zu ihrem Gram fast zeitlebens nur von der CSU regiert – haben sich dort versammelt, um SPD-Spitzenkandidat Christian Ude zuzujubeln: Dem Mann, der ihnen die Hoffnung auf einen Machtwechsel in Bayern geschenkt hat. Schon eine Stunde vor Beginn ist das Zelt gut gefüllt, am Ende werden es an die 2500 Besucher sein. „So nah waren wir einem politischen Wechsel noch nie“, sagt Rudolf Eisenrieder (62), Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Münchsmünster.

Auf den Tischen liegen Fähnchen mit dem Aufdruck: „Bayern, aber gerechter“ und Bierfilzl mit der Botschaft „Ude, der kann’s“. Auf der einen Seite des Bierdeckels listet der SPD-Hoffnungsträger seine politischen Erfolge als OB in München auf – auf der anderen Seite geißelt er die CSU und Regierungschef Horst Seehofer als „Schuldenmacher“ und reibt ihnen die milliardenschweren Folgen des BayernLB-Debakels unter die Nase. „Die finanzpolitische Kompetenz der CSU ist für alle Zeiten im Tresor der Landesbank beigesetzt worden“, urteilt Ude.

Mit dieser und anderen Attacken rennt er im Zelt offene Türen ein. „Er kreidet alles an, was ich in der Politik auch nicht gut finde“, schwärmt Lydia Losehand (62) von der SPD-Breitenbrunn. Eisenrieder hat keine Zweifel an Udes Fähigkeit, ab 2013 gut das Land Bayern zu regieren. „Wenn es der nicht kann, dann kann es keiner aus der Opposition“, sagt er. „Der hat einen Sachverstand, den die meisten nicht haben“, ergänzt Hermann Bloch (74).

Udes Gillamoos-Premiere ist so von Anfang an ein Heimspiel. Er wird bereits mit stehenden Ovationen empfangen. Jubel brandet auf. Fähnchen werden geschwenkt. „Das macht Spaß“, sagt der OB. Gleich zu Beginn erzählt er von der ebenfalls herzlichen Begrüßung wenige Minuten davor beim zufälligen Vorbeigehen am Grünen-Zelt. Eine Harmonie, die für ihn Symbolcharakter besitzt: „Das hat sich schon sehr nach Koalition angehört.“

Mitleid mit der Kanzlerin

Zum zweiten nötigen Partner für ein alternatives Regierungsbündnis hat sich dagegen wegen des Anti-Euro-Kurses von Freie Wähler-Chef Hubert Aiwanger eine Kluft aufgetan. Ude wird deutlich. Er wirft Aiwanger in einen Topf mit CSU-General Alexander Dobrindt und Finanzminister Markus Söder, die populistisch Ressentiments schürten und keine Lösungsvorschläge parat hätten. „Ich glaube: In der Europapolitik müssen Hubert Aiwanger wie der CSU-Generalsekretär und der bayerische Finanzminister noch viel lernen. Vielleicht erklärt Ihnen heute die Kanzlerin die Zusammenhänge.“ An Merkel – Stargast im CSU-Zelt wenige Meter weiter – hatte Ude bereits vorab eine Art Beileidsadresse geschickt – wegen deren Kämpfe mit CSU-Chef Horst Seehofer und dem Duo Söder und Dobrindt. Er wünsche ihr „Mut und das pädagogische Talent, den bayerischen Parteifreunden klar zu machen, warum die Eurozone nicht mutwillig zerschlagen werden soll“. Der Slogan „Griechen raus“, sei vielleicht populär, sagt Ude. Er selbst sei für solche Parolen aber nicht zu haben. Auch wenn das Geschäft der vernünftigen Aufklärung in Bierzelten schwieriger zu leisten sei, „als das Geschäft der skrupellosen Vereinfachung“. Griechenland-Liebhaber Ude – er besitzt ein Ferienhaus auf Mykonos – nennt trotzdem Missstände beim Namen. „Der Skandal ist das Verhalten der griechischen Oberschicht“, sagt er: Menschen, die mit ihrem Vermögen protzten, ihr Geld aber lieber ins Ausland schafften, als Steuern zu zahlen.

Den Auftritt der Kanzlerin nutzt Ude am Montag als Steilvorlage. Genüsslich spottet er darüber, dass sich die CSU auf dem Gillamoos mit der Frau verstärke, der man sonst notorisch vors Schienbein trete. In Wahlkampfzeiten suche man plötzlich an „Muttis“ Rockzipfeln Halt. Schon beim Politischen Aschermittwoch habe Seehofer Vorvorgänger Edmund Stoiber als prominente Schützenhilfe „reaktiviert“, dessen Amtszeit er sonst gerne in der „Jungsteinzeit“ verorte, um sich so weit wie möglich von ihm abzusetzen.

Seit zehn Tagen reist Ude durch Bayern

Ude redet sich heiß. Der Bierzelt Auftritt auf dem Gillamoos ist der sechste seit zehn Tagen. Seit seiner Rückkehr aus dem Mykonos-Urlaub vor zehn Tagen reist er durch Bayern – dazwischen ein Auftritt mit Altkanzler Helmut Schmidt im Münchner Volkstheater und eine „Ude-Tour“ mit Journalisten, die ihn unter anderem nach Salzburg führte. SPD-Landtagsabgeordnete Johanna Werner-Muggendorfer hat ihm nach Abensberg selbstgeernteten Pfefferminztee für die strapazierten Stimmbänder mitgebracht. Die SPD-Parteispitze steht geschlossen zu Ude – auch wenn sich nun alle mediale Aufmerksamkeit auf ihn konzentriert. Glücklich sei er mit seinem populären Frontmann, betont Landesvorsitzender Florian Pronold unermüdlich. Zwietracht entdeckt er nicht in den eigenen Reihen, sonder nur bei CSU und FDP. „Ein Hühnerhaufen ist eine militärische Kampfformation im Vergleich zur schwarz-gelben Koalition.“

Ude wird am 21. Oktober bei einem Sonderparteitag in Nürnberg offiziell nominiert. Am Gillamoos zeigt er sich am Montag erleichtert, dass anders als bei den Grünen keine Urwahl nötig ist. So könne man sich sehr viel schneller auf die Mobilisierung der Wähler und die inhaltliche Ausrichtung konzentrieren. „Das gefällt mir besser.“

CSU-Chef Horst Seehofer nimmt unterdessen Tempo aus dem Spiel – er will sich bekanntlich erst im nächsten Frühjahr aufstellen lassen. Ude spielt das herab. „Seehofer hat sich ja schon 2009 als nächster Spitzenkandidat ausgerufen. Der Zeitpunkt, an dem es offiziell wird, ist unerheblich.“ Scheinbar gelassen steckt er auch weg, dass Seehofer erst im Wahljahr 2013 zum Gillamoos kommt und dieses Mal seinen Generalsekretär Dobrindt schickte. „Mir ist egal, ob er mir jetzt schon das Feld überlässt, oder erst am Wahlabend.“

Kräftemessen in einem Zelt

Udes Wahlkampfregisseure hoffen derweil auf möglichst viele direkte Duelle mit Seehofer. Rainer Glaab (SPD) wünscht sich nicht nur gemeinsame TV-Auftritte. Ihm schwebt auch ein echtes Kräftemessen auf dem Gillamoos 2013 vor. Beide Spitzenkandidaten sollen sich im gleichen Zelt Wortgefechte zu diversen Sachthemen liefern – das Spektakel soll in Nachbarzelte übertragen werden. „Die werden alle voll sein“, prophezeit Glaab.

Bei 23 Prozent lag die SPD zuletzt in einer Forsa-Umfrage. Vor einem Jahr ermittelte das Meinungsforschungsinstitut 21 Prozent. Die CSU rangierte zuletzt zwischen 43 und 46 Prozent. Mal liefert sie sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem potenziellen Dreierbündnis aus SPD, Grünen und Freien Wählern, mal hatte sie die Nase vorn. Trotz Ude-Effekt sitzt deshalb bei einigen Gillamoos-Besuchern die Sorge tief. „Ich hoffe zwar, dass Ude 2013 Ministerpräsident wird – aber die CSU ist in Bayern einfach zu stark“, sagt Reinhold Müller (29). An ihm jedenfalls wird ein SPD-Triumpf nicht scheitern. „Ude ist sehr sympathisch. Ich wähle ihn auf jeden Fall.“

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