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Gillamoos

Ude greift Seehofer frontal an

Der Spitzenkandidat der SPD wirft der CSU Schwindel in Sachen Pkw-Maut vor. Ude listet auf, was er besser machen würde – von Mindestlohn bis Bildung.
Von Stefan Stark, MZ

  • Christian Ude in Siegerpose auf dem Gillamoos: Er fordert die Wähler in Bayern dazu auf, am 15. September nicht gegen ihre eigenen Interessen zu stimmen. Foto: Schönberger
  • Das Publikum begrüßt die SPD-Matadoren mit roten Ude-Punkten.
  • „Udes Rede war ein Aufbruchsignal“: Helmut Diermeyer Foto: Gruber
  • Seit 30 Jahren beim politischen Gillamoos: Franz Gergele Foto: Gruber

Abensberg. Diese Steilvorlage lässt sich Christian Ude nicht entgehen: Sah es in den vergangenen Monaten so aus, als ob die CSU dem SPD-Spitzenkandidaten keinen einzigen Stich gönnen wollte, bietet sie ihm mit der Pkw-Maut nun endlich – rechtzeitig zum Gillamoos – eine Angriffsfläche, um kräftig gegen den politischen Gegner vom Leder zu ziehen. Genüsslich spießt Ude im Jungbräu-Zelt den Maut-Disput zwischen Angela Merkel und Horst Seehofer auf, der zwölf Stunden zuvor beim TV-Duell mit Peer Steinbrück in Berlin sichtbar wurde. „Mit mir wird es keine Pkw-Maut geben“, hatte Merkel auf Nachfrage Steinbrücks gesagt – und sich damit gegen die Forderungen des CSU-Chefs gestellt.

Wie ein „kastrierter Kater“

Daraus konstruiert Ude nun einen grundsätzlichen Konflikt zwischen Merkel und Seehofer: „Der bayerische Ministerpräsident muss sich heute fühlen wie der Räuber Kneißl, der beim Gang zum Schafott gesagt hat: Die Woche fängt ja schon gut an“, erklärt Ude unter dem Beifall des Publikums im fast vollbesetzten Bierzelt. Auch der SPD-Landesvorsitzende Florian Pronold ätzt: „Seehofer ist mit der Pkw-Maut wie ein brüllender Löwe durchs Land gezogen und steht nun da wie ein kastrierter Kater.“ Noch nie sei ein bayerischer Ministerpräsident von einer Kanzlerin so blamiert worden.

Auch Ude, der dem CSU-Chef morgen Abend beim bayerischen TV-Duell von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht, wird nun richtig angriffslustig: „Eine Pkw-Maut nur für Ausländer geht rechtlich nicht. Das weiß die CSU auch vom eigenen Verkehrsminister. Doch die Partei habe ein Versprechen gegeben, das sie gar nicht geben darf. Wenn jemand so etwas verspricht, ist das kein Irrtum, sondern moralische Verkommenheit,“ poltert Ude und legt noch eins drauf. „Die CSU betreibt eine Irreführung der Öffentlichkeit. Wenn sich Seehofer heute nicht für diesen Wahlkampfschwindel entschuldigt, haben wir eine interessante Konstellation: Beide Schwesterparteien sind dann nicht mehr koalitionsfähig“, attackiert Ude den CSU-Chef, der nur einen Steinwurf entfernt im Weißbräu-Zelt spricht.

Im Publikum gibt es viel Beifall und Ude, Ude-Rufe. Zuschauer halten große rote Punkte aus Pappe mit dem Schriftzug „Genau! Ude“ in die Höhe, andere schwingen rote Fähnchen. Alle paar Minuten gibt es im Eingangsbereich einen lauten Knall, weil einer der roten Luftballons mit dem SPD-Logo platzt.

Ude schießt sich ganz auf die CSU ein und spottet über Seehofers „rote Linien“. In Bayern vertrete er völlig andere Positionen als in Berlin. Und darüber hinaus verbreite er heute ganz andere Meinungen als gestern, sagt Ude. Besonders wurmt es den SPD-Spitzenkandidaten, dass die CSU bei ihren zahlreichen politischen Kehrtwenden immer wieder bei den Sozialdemokraten abgeschrieben habe: Bei den Atomlaufzeiten, bei den erneuerbaren Energien, beim Donauausbau, bei den Studiengebühren – und zuletzt beim Mieterschutz und der Asylpolitik, zählt er auf. „Bayern ist das einzige Land in Europa, in dem die Opposition die Richtlinienkompetenz für die Regierungsarbeit hat“, spottet Ude. „Aber welche Ideen hat die CSU eingebracht? Bayern gründet ein Heimatministerium – ein PR-Gag, der sich als Schmarrn entpuppt.“

Fast beschwörend listet Ude im Gegenzug auf, was er bei einem Wahlsieg besser machen wolle: „Die SPD steht für Abbau der Staatsschulden, Bankenregulierung, Steuergerechtigkeit, gesetzlichen Mindestlohn.“ Außerdem verspricht Ude Eltern und Schülern eine Wahlfreiheit zwischen achtjährigem Gymnasium und dem G9. „Dafür verbürge ich mich“, sagt er und appelliert gleichzeitig an die Wähler, für die SPD zu stimmen. „Ich verstehe die Leute nicht, die unter dem G8 leiden und die CSU wählen“, erklärt Ude. Das gleiche gelte für andere Politikfelder. „Wenn Eltern, Arbeitnehmer und Mieter am 15. September ihre eigenen Interessen wählen, kann die SPD zuversichtlich sein.“ Doch dafür müssten die Genossen in den kommenden beiden Wochen hart arbeiten. „Gehen sie raus und überzeugen sie ihre Verwandten und Bekannten, dass der Politikwechsel nötig ist“, ruft er dem Publikum zu. „Gestern hat Steinbrück der Nation gezeigt, dass wir die präziseren Antworten haben. Er ist immer auf den Punkt gekommen, während die Kanzlerin auf ihre Wolke schwebte.“

Steinbrück – immer wieder fällt sein Name während der 90-minütigen Redeschlacht. Nicht nur die Redner auf dem Podium, auch viele der SPD-Anhänger im Publikum küren ihn zum klaren Sieger des TV-Duells gegen Merkel, loben seine „politische Weitsicht“ und seine „Detailkenntnis“. Ursprünglich hätte Steinbrück auf dem Gillamoos sprechen sollen, doch er musste den Termin kurzfristig absagen. Für ihn in die Bütt sprang Martin Schulz, Präsident des Europaparlaments, der sich als scharfzüngiger Redner in Brüssel immer wieder mit Polit-Schwergewichten wie EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso anlegt.

Auch in Abensberg zieht Schulz rhetorische Register. Er hält ein flammendes Plädoyer für Europa – und für einen Politikwechsel auf dem Kontinent. Das macht er in einer Lautstärke, dass er auch ohne Verstärker und Lautsprecher mühelos am anderen Ende des Zelts zu verstehen wäre. Die eigentliche Pointe setzt Schulz am Ende seiner Rede: „Am 15. September hat meine Frau Geburtstag. Sie hat mich gefragt, was ich ihr schenke. Ude als Ministerpräsident, habe ich gesagte. Also Genossen, lasst mich nicht im Stich. Ich liebe meine Frau.“

Das neue Parteibuch auf dem Podium

Das Publikum belohnt die Redner zum Schluss mit lautem Beifall und erneuten Ude,-Ude-Rufen. „Das war ein Aufbruchsignal“, sagt Helmut Diermeyer vom SPD-Ortsverband Kelheim: „Udes Rede war hervorragend“. Franz Gergele, seit 30 Jahren Gast beim politischen Gillamoos, lobt vor allem den Auftritt von Schulz. Dann stimmen die Zuschauer die Bayernhymne an. Auf dem Podium singt Ude gemeinsam mit Schulz, Pronold, der Kelheimer Landtagsabgeordneten Johanna Werner-Muggendorfer und zahlreichen lokalen SPD-Promis „Gott mit dir, du Land der Bayern!“ Zwei frischgebackene SPD-Mitglieder aus Abensberg holen ihr Parteibuch Mitten auf der Bühne ab – ein dramaturgischer Schlusspunkt, der Hoffnungen nährt.

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