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Umzugshelfer für die Ameisen

Unterwegs mit Hubert Fleischmann aus Nabburg. Er besorgt den kleinen Krabblern eine neue Bleibe, wenn Bebauung ihnen den Lebensraum nimmt.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

  • Dieses Gebiet müssen die Ameisen verlassen, erklärt Fleischmann.

Nabburg. Hubert Fleischmann ist kein Möbelpacker. Trotzdem hat er schon rund 2000 Umzüge organisiert. Meist geht es von einem abgeholzten Grundstück zurück in den Wald. Denn Hubert Fleischmann ist der Umzugshelfer der Ameisen. Wo Firmen ihre Logistikcenter eröffnen und Gemeinden neue Baugebiete ausweisen, ist der Nabburger, zweiter Vorsitzender der Ameisenschutzwarte Bayern, zur Stelle. Dann packt er den Hausstand der Ameisen in eine blaue Tonne und sucht ihnen eine neue Bleibe.

Etwa 70 verschiedene Ameisenarten gibt es in Bayern. Vor etwa 120 Jahren waren es noch rund 480 Arten. Weil immer mehr Flächen versiegelt werden, weil Straßen, Bahnanlagen und landwirtschaftlich genutzte Flächen den Lebensraum der Ameisen einschränken, gibt es immer weniger der kleinen sechsbeinigen Krabbler. Um die noch vorhandenen Bestände zu retten, werden Menschen wie Hubert Fleischmann aktiv.

Im Frühjahr ist der Nabburger an jedem Wochenende ehrenamtlich im Einsatz. Denn das Frühjahr ist die beste Zeit, um Ameisen umzuziehen. „Im Juni sollten die Umsiedelungen abgeschlossen sein, denn danach bereiten sich die Ameisen schon wieder auf die Überwinterungen vor und dafür wandern sie Woche für Woche tiefer in die Erde.“ In diesem Jahr konnte der Zeitplan allerdings nicht eingehalten werden. Erst dauerte der Winter viel länger als sonst üblich, was dazu führte, dass viele Waldameisenvölker verhungerten. Dann kam der große Regen und die Umzüge mussten noch weiter verschoben werden. Inzwischen sind sie aber abgeschlossen. Was jetzt noch in den blauen Umzugstonnen unterwegs ist, gilt als sogenannte „Notumsiedelungen“.

Die Klimaanlage im Ameisenhügel

Die Ameisenschutzverein Hirschberg in Nabburg wurde 1985 gegründet. Heute engagieren sich darin 630 Ameisenfreunde. Bayernweit sind es über 1200 Mitglieder in der Ameisenschutzwarte. Fleischmann bezeichnet sich selbst als „ameisenverrückt“. Er schwärmt von der Intelligenz der Insekten: „Wir Menschen denken, dass wir die Klimaanlage erfunden haben, dabei nutzten die Ameisen ein solches System schon Jahrtausende vor uns.“

Heute ist der Ameisenheger im Industriegebiet an der Autobahnauffahrt in Wernberg-Köblitz (Lkr. Schwandorf) unterwegs. Hier sind noch einige kleinere Ameisenbestände, die umgezogen werden müssen, bevor an der Großbaustelle die nächsten Bagger und Lastwagen anrücken. Zimperlich darf der Ameisenretter bei seiner Arbeit nicht sein. Denn jeder Umzug bedeutet unzählige Bisse und brennende Ameisensäure auf der Haut.

Der Ameisenflüsterer, wie Fleischmann in den Medien auch genannt wird, stülpt sich seine Gummihandschuhe über und greift beherzt in das Nest. „Irgendwann spürt man die Ameisenangriffe nicht mehr“, sagt er. Und deshalb trägt Fleischmann die Handschuhe auch nicht zum Schutz vor den Ameisen, sondern zum Schutz vor Glasscherben oder anderem Unrat im Waldboden. An den Armen, Beinen und im Gesicht hat Fleischmann inzwischen die Ameisen. Doch er bleibt gelassen. „Das ist ganz normal, dass die durchs Hosenbein rein- und oben wieder rauskommen.“

Etwa 90 bis 95 Prozent der Ameisen überleben eine Umsiedelung. Von zehn Ameisenvölkern bleiben acht auch an der Stelle, an der sie von den Ameisenschützern angesiedelt wurden. Fleischmann und seine Mitstreiter beobachten die umgesiedelten Kolonien über Jahre hinweg. Schon nach acht Tagen, sagt Fleischmann, haben die Ameisen am neuen Standort wieder eine prächtige Kuppel gebaut. Erst nach fünf bis sechs Jahren könne man aber wirklich beurteilen, ob sich ein Ameisenstaat am neuen Standort gut entwickelt habe.

Denn die Lebenserwartung der unfruchtbaren Arbeiterinnen, die die Brutpflege, den Nestausbau und die Nahrungsbeschaffung übernehmen, beträgt fünf bis sechs Jahre. Nach dieser Zeit stirbt ein Volk ohne Königin aus. Dagegen kann die Königin bis zu 25 Jahre alt werden. Sie legt zehntausende von Eiern bis sie stirbt. Männchen gibt es im Ameisenstaat nur im Frühjahr. Sie tragen Flügel und haben nur die Aufgabe, die geflügelten Jungköniginnen beim Hochzeitsflug zu begatten. Erst dann kann eine Königin über Jahre hinweg befruchtete Eier legen.

Warmes Plätzchen in der Dämmung

Fleischmann schließt den Deckel der blauen Tonne. Im Auto geht es nun in ein zwei Kilometer entferntes Waldstück, wo bereits ein Teil der Ameisenkolonie ausgesiedelt wurde. Die Nachzügler kippt der Ameisenexperte neben den bereits neuentstehenden Hügel. Und dort beginnt es augenblicklich zu wimmeln, denn die Ameisen retten ihre Brut, so schnell sie können.

Manchmal wird Fleischmann auch in wärmegedämmte Häuser gerufen, weil sich dort Ameisen ein kuschelig-warmes Plätzchen eingerichtet haben. Zwar hat er Verständnis, dass die Leute die Ameisen so schnell wie möglich los werden wollen, doch er sieht auch den Eigennutz der Krabbler. „Kleine Ritze in der Dämmung sind wie eine Einladung an die Ameisen.“

Eine Zeit lang beobachtet Fleischmann die Ameisen an ihrem neuen Wohnort. Der Umzug scheint gut gelaufen zu sein. In einer Woche wird der Ameisenheger wieder nachschauen, wie sich das Volk eingewöhnt hat. Und hoffentlich, sagt Fleischmann, war das der letzte Umzug dieser Ameisen und sie können nun in ruhe in diesem Waldstück leben.

Infos

In Bayern gibt es derzeit noch ca. 70 verschiedene Ameisenarten.

Die Lebensräume sind in der Regel Waldgebiete, Ödland sowie Wegränder.

Dort bauen sie ihre Nester aus verschiedenen Baumaterialien.

In einem Ameisenvolk leben Millionen von Ameisen. Bei manchen Ameisenarten gibt es nur eine Königin, andere haben mehrere Königinnen.

Bei der Umsiedelung ist es wichtig, dass die Königin mit an den neuen Ort gebracht wird, sonst stirbt das Volk aus.

Wissenswertes über Ameisen gibt es im Stadtmuseum Nabburg zu sehen.

An diesem Sonntag findet im Freilandmuseum Neusath-Perschen eine Sonderführung „Kleine Krabbler Bayerns-Ameisen in Hof und Garten“ mit Hubert Fleischmann statt.

Die Ameisenschutzwarte bietet Interessierten die Teilnahme bei Umsiedelungsaktionen an. Diese finden wieder im kommenden Frühjahr statt.

Weitere Infos und Kontakt unter www.ameisenfreunde.de

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