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Glaubensserie

Weil er glaubt, vergibt er den Nazis

Der heute 83-jährige Thomas Graumann ist eines von 669 Kindern, die von einem englischen Börsenhändler vor dem Konzentrationslager gerettet wurden.
von Christine Strasser, MZ

Der Holocaust-Überlebende Thomas Graumann erzählt Kelheimer Schülern die Geschichte seiner Rettung.
Der Holocaust-Überlebende Thomas Graumann erzählt Kelheimer Schülern die Geschichte seiner Rettung. Foto: Pieknik

Kelheim.Als Thomas Graumann von seiner Nummer erzählt, wird es still im Speisesaal des Donau-Gymnasiums in Kelheim. Der 83-Jährige mit seinem langen weißen Bart zeigt ein Kinderbild. Ein Bub und ein Mädchen sind darauf zu sehen. An einer Schnur haben sie Pappschilder um den Hals hängen. Auf den Schildern sind dreistellige Ziffern aufgemalt. Graumanns Ziffer war die 652.

Graumann zeigt auch ein anderes Bild. Darauf ist eine sechsstellige Nummer in den Unterarm eines Menschen tätowiert. „So eine Nummer wurde den Häftlingen im Konzentrationslager Auschwitz eingestochen“, erklärt Graumann den Schülern. Er habe so eine Nummer zum Glück nie bekommen. Seine Nummer – die 652 – habe ihn davor bewahrt.

Schicksalhafter Besuch in Prag

Graumann wurde 1931 in der tschechoslowakischen Stadt Brno geboren – als Kind einer jüdischen Familie. Zweimal in seinem Leben wurde er gerettet, wie er selbst sagt. Beim ersten Mal spielte der englische Börsenhändler Nicholas Winton eine entscheidende Rolle. Winton war 29 Jahre alt, als er im Spätherbst 1938 in Prag einen Freund besuchte. Kurz zuvor war Hitlers Wehrmacht ins Sudetenland einmarschiert. Mit dem Münchner Abkommen wurde das Grenzgebiet an das Deutsche Reich abgetreten. Zahlreiche Tschechen und Juden flohen. Winton erkannte die Not – und die Gefahr. Er beschloss, Transporte für Kinder nach Großbritannien zu organisieren.

Graumanns Familie erkannte die Gefahr zunächst nicht. Die Möglichkeit, sich nach Australien abzusetzen, schlagen die Eltern aus. Sie wollen sich weiter um ihren Gutshof im Dorf Tešany kümmern. Graumann erlebt den wachsenden Einfluss der Nazis mit. Ein Offizier bezieht eines der Zimmer im Gutshof. Fortan ist die Familie sehr vorsichtig. Graumann vermutet, dass er wohl deshalb von den Plänen seiner Mutter so wenig mitbekam.

Bei einem Besuch in der Stadt erlebten Mutter und Sohn den Naziterror hautnah mit. Ein Schlägertrupp zog durch die Straßen. Die Nazis schlugen jüdische Einwohner nieder und warfen Schaufenster jüdischer Geschäfte ein. Es war die Reichspogromnacht. Dieses furchteinflößende Erlebnis war womöglich der Auslöser für Graumanns Mutter, sich an den Börsenhändler Winton zu wenden.

Der britische Geschäftsmann hatte in einem Hotel am Prager Wenzelsplatz ein Büro eingerichtet. Er legte Listen an, verteilte Nummern, sammelte Geld, bemühte sich um Helfer, fälschte Dokumente, organisierte Sonderzüge und suchte per Zeitungsinserat Gasteltern, die bereit wären, die Kinder aufzunehmen. Tatsächlich gelang es Winton, 669 meist jüdische Mädchen und Buben durch Deutschland und Holland nach Großbritannien zu bringen.

Im achten Zug bekam Thomas Graumann einen Platz. Seine Mutter und seine Großmutter brachten den damals Achtjährigen zum Prager Bahnhof. Er bekam dort Reisedokumente und ein Schild mit der Nummer 652 um den Hals gehängt. Anhand der Nummer konnten die Helfer erkennen, zu welcher Familie die Kinder kommen sollten. Graumann dachte, er werde auf eine Art Abenteuerausflug geschickt. Er weiß noch, dass er zwei Koffer mit Kleidung und einen Beutel mit Proviant für die Fahrt dabei hatte. Dann verblasst die Erinnerung. „Ich erinnere mich nicht genau, aber ich denke, dass meine Mutter beim Abschied weinte“, sagt Graumann.

Gesamte Familie wurde umgebracht

Seine Mutter war 29 Jahre alt, als sie ihren Sohn in den Zug setzte, der ihn rettete. Es war das letzte Mal, dass sich die beiden sahen. Frances Graumann und ihr jüngerer Sohn Tony starben im Vernichtungslager Sobibor. Thomas Graumanns Stiefvater kam im Vernichtungslager Majdanek ums Leben. Ein Cousin starb in Auschwitz.

Eigentlich hätte Thomas Graumann die Fahrt nach Großbritannien zusammen mit seinem kleinen Bruder Tony antreten sollen. Doch am Abreisetag war Tony krank. Er wurde wieder nach Hause geschickt und sollte in einem späteren Zug nachkommen. Doch dazu kam es nicht mehr. Der neunte von Winton organisierte Sonderzug sollte in Prag am 3. September 1939 losfahren. Zwei Tage davor begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg und die Nazis, die Prag besetzt hatten, verhinderten die Abfahrt des Zuges.

Eine Hauslehrerin in Schottland nahm den kleinen Thomas Graumann auf. Im Dorf Connel, das am westlichen Rand der Highlands liegt, besuchte Graumann die Schule. Schon bald lernte er Englisch und vergaß, wie man Tschechisch und Deutsch spricht. In einer Bibelveranstaltung für Kinder hörte Graumann von Jesus. „Aus der Bibel bekam ich die Gewissheit, dass Gott mich nie ablehnen würde“, erläutert Graumann. „Weil er mich so sehr liebte, dass er seinen Sohn sandte, der für mich und meine Sünden starb.“ Graumann fand Halt in der Religion. „Durch den Glauben wurde ich geistlich gerettet“, sagt er.

Gebete heilten die Bitterkeit

Nach dem Krieg erschütterte Graumann die Nachricht über den Tod seiner Familie tief. „Während des gesamten Krieges hatte ich den Tag ersehnt, an dem ich wieder nach Hause zurückkehren kann“, lässt er die Schüler in Kelheim an seiner Gefühlswelt teilhaben. „Aber da war niemand mehr.“ Graumann flüchtete sich ins Gebet. Mehrere Wochen lang betete er, wie er sagt. Dann war er bereit, den Nazis zu vergeben. „Ich betete, dass Gott den Nazis vergeben sollte, was sie meiner Familie angetan haben. Durch dieses Gebet heilte Gott die Bitterkeit in meinem Herzen vollständig.“

Graumann begann ein neues Leben. Er machte eine Ausbildung zum Krankenpfleger und arbeitete später acht Jahre lang als Missionar auf den Philippinen. Dort traf er seine spätere Ehefrau Caroline. Sie heirateten auf dem Land und gingen schließlich in die USA, Carolines Heimat. Sie haben vier Kinder und zehn Enkelkinder. Nach der „samtenen Revolution“ entschlossen sich die Graumanns, in die Tschechische Republik zu ziehen. Im Fernsehen sah Thomas Graumann zufällig eine Dokumentation über Nicholas Winton. So erfuhr er fast 60 Jahre später, wer ihn vor den Nazis rettete und lernte Nicholas Winton kennen. „Meines Wissens lebt er noch und wird im Mai 105Jahre alt“, sagt Graumann und fügt hinzu: „Ich danke Gott für jeden Tag, den Nicholas Winton und ich noch haben.“

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