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Sprachkurs

„Wia mia redn“ – Bairisch für Anfänger

Was bedeutet „Basst scho“? Was heißt „Ratschkathl“? Die Sprachprofis vom IKS helfen weiter, wenn Deutschlerner am bairischen Alltag verzweifeln.
von Christine Strasser, MZ

  • Sigird Labrenz hat sich in die Sprachthematik eingelesen und geht das Wagnis eines Bairisch-Kurses ein.Fotos: Strasser (2), dpa, Hammer, MZ-Archiv
  • Die Dialekt-Reihe von Langenscheidt ist ein großer Erfolg.
  • Auf der neuen Website des IKS wird für den Bairisch-Kurs geworben.
  • Dialektforscher Ludwig Zehetner wirbt für die bairische Sprache.
  • Augusta Hammer-Burgstaller bringt Ausländern das Bairische näher.

Regensburg. Das Bild mit den Brezeln muss her. Ein paar Klicks und der Webauftritt des Instituts für Kommunikation und Sprache (IKS) gewinnt an Form. Die Ankündigung des neuen Bairisch-Kurses hat jetzt eine Illustration. Aber die Schrift ist zu klein. „Oh mei“, stöhnt die 21-jährige Medieninformatik-Studentin. Aber kein Problem. Die Größe ist schnell geändert. Trotzdem ist der kurze Ausspruch bemerkenswert. Denn vor 14 Jahren hätte genau dieser Ausspruch die gleiche Person gehörig verwirrt.

Als Kleinkind kam Mai Tran mit ihrer Familie aus Vietnam nach Deutschland. Besser gesagt nach Norddeutschland. Sie lebte sich ein, besuchte den Kindergarten. Dann zog die Familie nach Niederbayern. In der Schule in Neufahrn verstand die siebenjährige Mai die Welt nicht mehr. „Was haben die alle, dass die ständig meinen Namen rufen?“, fragte sich Mai. Die Verwirrung der Kleinen war groß. Dann lernte Mai, dass sie gar nicht angesprochen war. Dieses „oh mei“ oder auch ein „Ja mei“ war ganz anders gemeint. Das war das eine. Mai lernte zudem, dass mit diesen Aussprüchen ganz verschiedene Gefühle zum Ausdruck gebracht werden – und das das auch noch von der Betonung abhängt.

Die vielen Bedeutung von „Ja mei“

Ein kurz gesprochenes „Ja mei“ bedeutet, dass jemand nur wenig Interesse an einer Sache hat. Übersetzen lässt es sich am ehesten vielleicht so: Das ist nun mal der Lauf der Dinge. Da sollten wir uns raushalten. Dehnt der Sprecher hingegen das „Ja mei“ und steigt die Stimmhöhe an, dann tut er damit sein erfreutes Erstaunen kund. Ein seufzendes „Ja mei“ oder „Oh mei“ drückt wiederum höchste Anteilnahme aus. Es kann in diesem Zusammenhang auch bedeuten, dass die Entwicklung der Dinge dem Anschein nach einen unerfreulichen Verlauf nimmt.

Mai Tran hat diese Feinheiten des Bairischen Stück für Stück verinnerlicht. Die Zeit der Verständnisschwierigkeiten ist vorbei. Als Werkstudentin bei der IKS hilft sie jetzt sogar mit, dass „Deutschlerner“ eine Anlaufstelle bekommen, wenn sie lernen wollen, was bairische Ausdrücke bedeuten. Denn Mai hat den neuen Onlineauftritt der IKS Regensburg programmiert. Dort wird auch der Bairisch-Kurs vorgestellt.

Die Idee für den Kurs hatte Augusta Hammer-Burgstaller. Die Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache und Lehrbeauftragte für Phonetik an der Universität Regensburg machte bei ihren Schülern und Studierenden eine Erfahrung: Sie haben fleißig gelernt, trotzdem verstehen sie viele Ausdrücke im Alltag nicht. „Dabei gibt es so treffende bairische Wörter“, sagt Hammer-Burgstaller, „die noch dazu so sympathisch sind“. Weil zwei Schülerinnen in einem Integrationskurs ständig schwätzten, habe sie die beiden „Ratschkathln“ genannt. Ein Wort, das sich alle Kursteilnehmer einprägten und fortan verwendeten – weil Hammer-Burgstaller erklärte, was es bedeutet.

Schon weil ihr beruflicher Schwerpunkt die Aussprache ist, möchte Hammer-Burgstaller ihre Schüler ermuntern „das Bairische in den Mund“ zu nehmen. Über das Mündliche lässt sich ihrer Meinung nach sehr gut verdeutlichen, dass es nicht nur einen bairischen Dialekt gibt, sondern eine ganze Bandbreite an bairischen Dialekten, mehr noch an Dialekten überhaupt. Sie selbst spreche Oberpfälzisch mit einem fränkischen Einschlag dank ihrer Mutter. Ihr Mann sei in Oberbayern aufgewachsen. Sein Vater aber sei Österreicher, die Mutter stamme aus Schlesien. Ihren Kursteilnehmern will Hammer-Burgstaller bei der Orientierung im Meer der Dialekte helfen. Sie stellt klar: „Die Schüler werden danach nicht Bairisch sprechen.“ Es gehe eher darum, dass sie verstehen, „wia mia redn“.

Bei Sigrid Labrenz von der IKS fand Hammer-Burgstaller ein offenes Ohr für ihre Idee. „Das können wir gut brauchen“, sei ihre erste Reaktion gewesen, bestätigt Labrenz. Auch Labrenz hat einen Migrationshintergrund. Sie wuchs in Pinneberg auf. Das Bairische war ihr trotzdem nicht fremd, denn ihre Mutter stammt aus Niederbayern. Dorthin zog die Familie auch 1972, zur Oma nach Deggendorf um genau zu sein. Da war Labrenz achte Jahre alt. „Ich kannte so Begriffe wie Kracherl“, erläutert sie. „Aber wir haben Brause gesagt.“

Bayern machen nicht viele Worte

Bei dem Kursangebot denkt Labrenz nicht nur an Studierende. Sie erwägt auch, welche Bedürfnisse Unternehmen haben könnten. Oder wie man ausländischen Mitarbeitern einleuchtend vermitteln kann, warum sich fünf Leute, die schweigend am Stammtisch zusammensitzen, trotzdem gut verstehen. Auch eine geschäftliche Besprechung auf Bairisch würde deutlich kürzer ausfallen. Statt „In diesem Punkt teilen wir ihre Ansicht voll und ganz“ heiße es dann „Scho aa“. Was im Hochdeutschen einen Wortschwall wie „Könnten Sie die Frage noch einmal wiederholen? Dieser Sachverhalt scheint mir sehr ungewöhnlich“ erfordert, ist im Bairischen durch ein einfahes „Ha?“ gesagt.

Allerdings haben Hammer-Burgstaller und Labrenz auch ein bisschen Angst vor den Sprachpäpsten der Region. Angst, die könnten ihren Kurs für „Schmarrn“ halten. Beide Frauen lesen ehrfürchtig die Beiträge von Dialektforscher Ludwig Zehetner in der Mittelbayerischen Zeitung. Dass er den Kurs mit einem aufmunternden „Basst scho“ absegnet, wäre ihr Wunsch.

Zehetner ist das Thema sehr nah. In seinen MZ-Beiträgen und in der Komödie „Mei Fähr Lady“ erklärt er zahlreiche Besonderheiten der bairischen Sprache, deren grammatikalische und lexikalische Eigentümlichkeiten und ihre Herkunft aus der Sprachgeschichte. Der Dialekt ist ja keinesfalls, wie manche glauben wollen, irgend eine mindere Schwundstufe des vermeintlich höher gestellten Hochdeutschen, sondern eine hoch komplexe, eigenständige Sprache mit sehr vielen, für den Auswärtigen tatsächlich nur schwer zu fassenden Lauten und Regeln. In „Mei Fähr Lady“ wird das sehr amüsant vorgeführt. In dem Stück lernen eine Chinesin, ein Norddeutscher und ein Franzose Bairisch – beim Dialektpapst Zehetner.

Bairisch boomt

„Ausländer müssen sich nicht mit der Idiomatik des Bairischen auseinandersetzen“, sagt Zehetner. Aber sie müssen die bairischen Ausdrücke verstehen, wenn sie damit in ihrem Arbeitsumfeld konfrontiert werden. Zehetner hat hierzu selbst schon Kurse gegeben. Bei BMW zum Beispiel. Das war bereits 2006.

Seit ein paar Jahren ist Dialekt wieder in Mode. Zehetners „Basst scho“-Bücher finden reißenden Absatz. Die Lilliput-Dialekt-Wörterbücher von Langenscheidt müssen in regelmäßigen Abständen neu aufgelegt werden. In den Buchläden stehen diverse Gebrauchsanweisungen für Bayern neben Kommunikationsführer durch die bairische Sprachlandschaft. Bands mit bairischen Texten landen Hits.

Andererseits gehört es im Fernsehen zum guten Ton, süddeutschen Sprachklang als unverständlich abzuwerten. Diese Neigung setzte in den 1980er Jahren ein, als Interviews mit bayerischen Wintersportlern im ZDF plötzlich mit dem Hinweis „Originalton Süd“ untertitelt wurden.

Als die Oberpfälzer Bundestagsabgeordnete Marianne Schieder im November in einer Debatte über die Herdprämie ihren Unmut wohlgemerkt nicht im Dialekt, sondern in schönster heimischer Sprachfärbung vortrug, brachte ihr das einen Auftritt in der „heute-show“ und den Spott von Moderator Oliver Welke ein.

In Sachen Bairisch ist demnach noch viel Aufklärungsarbeit leisten. Die Süddeutschen könnten auch fordern, dass „Nordsprech“ untertitelt wird, aber sie sind eben tolerant und intelligent, sagt Zehetner.

Die Deutschlehrerin Hammer-Burgstaller ist sich sicher, dass Bairisch als Sympathieträger funktioniert. Denn bei aller Verzweiflung von Ausländern, wenn sie im Alltag erst einmal wenig verstehen. Einen Ausdruck lernen sie sofort: Servus! „Selbst wenn sie noch keine geraden deutschen Satz herausbringen“, meint Hammer-Burgstaller. „Servus können sie.“

Damit sammas. Auf Hochdeutsch: Und damit beenden wir den Artikel. Es war eine große Freude, ihn zu schreiben. Wir danken allen Lesern fürs Lesen und allen Interviewpartnern für die Beantwortung unserer Fragen.

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