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Gute Laune steht Zeitungsmachern gut

Otti Fischer über die Rolle der Zeitung, warum ihm manchmal Tränen kommen und was er als BILD-Chefredakteur umsetzen würde

  • Ottfried Fischer: Zeitungen haben alle Chancen, sich als moderne Medienhäuser aufzustellen. Wamm fangen sie damit an? Foto: Walter Schönenbröcher
  • Ottfried Fischer: Zeitungen haben alle Chancen, sich als moderne Medienhäuser aufzustellen. Wamm fangen sie damit an? Foto: Walter Schönenbröcher

Regensburg.„Was ich an meinem Beruf liebe, ist dieses ,Laut-Nachdenken-Dürfen‘, haben Sie mal gesagt. Legen Sie los: Welche Rolle spielen Zeitungen in Ihrem Leben?

,Laut-Nachdenken-Dürfen‘ und es unter die Leute bringen, habe ich damit gemeint. Das ist das Schöne am Beruf des Kabarettisten. Man macht sich seine Gedanken, erzählt sie und man hört uns zu. Zeitungen sind auch eine Form des Gehörtwerdens – allerdings im Sinne des Zeigens. Solange das nichts mit Nötigung zu tun hat, also eher um die Welt zu verbessern, wenn Zeitungen im Sinne der Menschlichkeit funktionieren, mit einer investigativen Frechheit und dem Versuch der Attitüde, das Böse aus der Welt zu schaffen, dann sind Zeitungen als Informationsmedium hilfreich. Die Uniqueness haben sie mit Blick auf das Gewöhnliche leider verloren. Ehrlich gesagt stelle ich mir jedoch zunehmend die Frage, ob die wirtschaftliche Realität im sogenannten digitalen Zeitalter diesen Ansatz noch zulässt, zulassen kann. Noch ist dieser Vertrauensbonus vorhanden, ich wage die Prognose, dass dieser abnimmt. Was für alle ein Desaster wäre. Den Spagat zwischen Unabhängigkeit, Sensation und Chronistenpflicht kenne ich als Medienschaffender durchaus selbst. Dennoch muss man sich – gewollt oder ungewollt – entscheiden im Leben. Und hier sollten Verleger und Redaktionen die Notwendigkeit ihres Mediums stärker als bisher im Blick behalten. Nicht falsch verstehen – Zeitungen haben alle Chancen, sich als moderne Medienhäuser aufzustellen. Ich frage mich nur – Ausnahmen bestätigen die Regel – wann sie damit anfangen wollen.

Haben Sie denn heute schon eine oder mehrere Zeitungen gelesen?

Ich habe reingeschaut. Eine komplette Zeitung zu lesen, ist zeitlich nicht machbar. Das ist ja ein großes Problem bei Zeitungen, dass eben nur ein gewisser Bruchteil nur einen gewissen Bruchteil liest. Schon weil es einfach zu viel(e) gibt, die sich nicht entscheiden wollen, wie sie sich unterscheiden wollen. Gedruckt oder digital, was ist Ihnen lieber?

Praktischer ist natürlich die digitale Zeitung, aber das bleibt bei mir inhaltlich nicht hängen. Ergo: gedruckt.

Als Mann ausgesuchter Doppeldeutigkeiten, der die spitze Feder oft in süßsauere Prosa taucht: Kommen Ihnen beim Lesen einer überregionalen Zeitung heute Tränen vor Glück und Inspiration oder ist Ihnen eher traurig zumute?

Das ist eine vielschichtige und gefährliche Frage. Ich nenne hier nur ein Beispiel aus der WAZ. Dort habe ich einen Artikel gelesen: „Vorsicht, immer mehr falsche Facebook-Freunde“. Da kommen mir die Tränen. Vor Glück, aus Inspiration oder auch vor Trauer. Warum? Dass es auf Facebook falsche Freunde gibt, also welche, die gar keine echten Freunde sind ... Wer hätte das gedacht? Plötzlich hat jeder 3000 Freunde – am Tag und dann stellt sich das heraus.

Im Vergleich zur systemimmanenten Oberflächlichkeit anderer Medien ist die Zeitung generell doch geradezu ein Pflug durch das große Feld der News und Stories. Oder sehen Sie das als TV-Mann anders?

Ich will Ihnen mal etwas sagen: Ich habe als TV-Mann mehr schriftlich gearbeitet, als ich Sprechrollen hatte, weil ich alle Dialoge nachgearbeitet habe – beim Bullen von Tölz stand sogar im Vertrag, dass ich das darf. Ich habe teilweise neue reingeschrieben und wäre sogar so vermessen zu sagen, dass der Bulle von Tölz nicht dieser Erfolg gewesen wäre, wenn ich nicht – natürlich ohne den Charakter der Figur zu zerstören – diese kabarettistische Note aus Pointen und kritischen Gedanken in der genannten süßsauren Form eingebracht hätte. Ich frage mich heute, warum kommt keiner zu mir und sagt: Sie schreiben doch auch für uns? Würde mir ganz gut tun und ich könnte mir danach eine Leberkäs-Semmel davon kaufen. Gleiches gilt für so manches Drehbuch. Um also auf Ihre Frage zu antworten: Nein.

Zeitungen sind oft die letzte Bastion der unkommerziellen Kulturszene. Wie groß ist deren Anteil an Ihren ersten Erfolgen? Und heute?

Nach wie vor groß, verglichen mit Helene Fischer klein. Dieses gewisse Blatt, obwohl eher eine Hetzzeitung (mea culpa), hat uns mit guten Kritiken oft die Häuser vollgemacht. Das muss man zugeben. Das kann man von der „Süddeutschen Zeitung“ und „Die Zeit“ nicht erwarten, weil die Redaktion da lieber schöne Sätze schreibt und sich selbst schmückt, ohne an den Nutzwert für den Leser zu denken. Subjektiv gesehen, wird die Informationspflicht oft zu wenig berücksichtigt. Andererseits kann ihnen ja keiner vorschreiben, was sie zu schreiben haben. Und das ist ja auch gut so. Mit der Digitalisierung kann jeder Artikel getrackt werden, das setzt die Redaktionen massiv unter Druck. Insofern sehe ich für die unkommerzielle Kulturszene dahingehend anthrazit bis schwarz.

Das Feuilleton liebt Sie. Im Grunde müssten Sie doch mehr Grund zur Freude haben.

Ja, stimmt, aber man könnte mir gerne noch mehr helfen. Wir werden ja alle älter und da gibt es zunehmend die Nichtverstehensvermutung Jüngeren gegenüber. Dabei sind wir doch die Einzigen, die wissen, wie es geht, wie es läuft und wo es hinführt. Aber wir werden nicht gefragt. Wir haben aber etwas zu sagen und das gehört in die Zeitung. Wenn die Vernunft siegt und gute Laune Einzug hält, steht das allen Zeitungsmachern gut zu Gesicht.

Stellen Sie sich vor, Sie wären einen Tag Chefredakteur einer Zeitung. Für welche würden Sie sich entscheiden und was würden Sie ändern?

Danke für die Steilvorlage. Da ist in dieser kurzen Zeit nichts grundlegend ändern könnte, weil das zu stark in die Strukturen eingreifen würde: Was ich mir zutrauen würde, wäre eine dieser populistisch-skandalverliebten Zeitungen. Da würde ich sagen: „Und wenn mir noch einer daher kommt mit der gleichen Frisur wie der Chefredakteur, also wie ich, den schmeiß‘ ich raus.“ Und in Nullkommanichts hätte diese Zeitung keine Redaktion mehr – und das Problem in diesem Segment wäre beispielhaft gelöst.

Sie sind unter anderem – Schauspieler und Kabarettist. Würden Sie noch lieber mit dem Job eines Verlegers tauschen wollen?

Ich bin schon ein Verleger: Was ich alles verlege, allein im letzten Monat drei Brillen. Verschwunden. Und erst gestern ein Handy. Nein, jetzt im Ernst: Es gibt einfachere Jobs. Die Herausforderungen, bereits jetzt die Weichen für die Zukunft stellen zu müssen, ohne die Entwicklung der Medien abschätzen zu können, sind fast nicht lösbar. Nur eines steht fest, die Flut an unausgebildeten Hobbyschreibern wirkt sich massiv auf die Qualität aus. Wenn Verleger und Verlage es nicht schaffen, eine Qualitätsdiskussion loszutreten, die auch eine Preissensibilität für Qualität thematisiert, wird’s eng. Eine der letzten guten Ideen war: Dahinter steckt ein guter Kopf von der FAZ. Vielleicht wäre Pfarrer Braun in der Symbiose zwischen Old School-Kult und hipper Retro-Mania ja ein guter Aufhänger …

Vermissen Sie Ihre Rolle als Pfarrer Braun? Warum schreiben Sie nicht einfach ein paar eigene Fälle in Buchform oder als Fortsetzungsroman in Zeitungen?

Das hätte man schon vor Jahren fragen und umsetzen müssen. Bislang hat keiner von mir verlangt, dass ich das als Serie schreibe. Fordern Sie mich, ich habe noch eine Schreibmaschine, kann und will noch schreiben ... Ob die Welt dann besser aussähe? Wahrscheinlich.

Was sind beruflich die nächsten Schritte?

Etablierung des Stückes „Wandogo – wir operetten die Welt – eine Reise in die Heiterkeit des Untergangs“, die von der Kleinkunstbühne ins große Theater gehört. Zudem bin ich mit Leo Gmelch mit einem Soloprogramm unterwegs. Er ist Tubist und der älteste Musiker der Welt. Vater unser, der Tubist im Himmel ... da kommt er schon vor. Kleiner Scherz. Wichtig ist mir auch das Passauer Hochwassermuseum, hier appellieren wir an die Solidarität der Menschen und Otties Aquarium ist der Schlachthof im Kleinformat, sehr chaotisch, witzig und sehenswert. Und jetzt warte ich noch auf die Aufträge der Redaktionen ...

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