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Nur ja keine Schlagzeilen produzieren

Wer einen Zeitungskongress ausrichtet, der sollte sich keine Fehler erlauben – denn es wimmelt von Journalisten.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner im Gespräch mit den Verlegern der MZ und den Zeitungs-Models. Foto: altrofoto.de
Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner im Gespräch mit den Verlegern der MZ und den Zeitungs-Models. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Das Begrüßungskomitee trägt Zeitungspapier. Fein gerollt sind aus den Schlagzeilen von gestern und vorgestern aufwendig gebauschte Röcke und schön gefaltete Dirndlmieder entstanden. Bei fast 20 Grad an diesem Montag in Regensburg ist man in so einer Zeitung ganz schön warm eingepackt. Nur nicht schwitzen, sagen die Models vom Clowntheater Spectaculum, denn das tut dieser Mode nicht gut. Auch hektische Bewegungen sind gefährlich, sie machen aus so einem Papierkleid auch mal einen Fetzen. Das wären dann überraschende Einblicke in die Zeitungskunst. Auf die müssen die über 450 Vertreter deutscher Tageszeitungen, die zum diesjährigen Zeitungskongress an die Donau gereist sind, allerdings verzichten. Die MZ enthüllt zum Auftakt der Großveranstaltungen nichts.

Kunst ist auch das Stichwort für Raphaela Herzog. Einen Kongress mit fast 500 Teilnehmern zu organisieren, das ist schon eine Kunst, sagt die organisatorische Leiterin am Stadttheater Regensburg. Es ist die bislang größte Veranstaltung dieser Art an diesem Ort. Intendant Jens Neundorff von Enzberg hat dafür sogar die Premiere der romantischen Oper „Hans Heiling“ vorverlegt, um im Theater Platz für politische Diskussionen rund um die Zukunft der deutschen Tageszeitungen zu schaffen. „Das hat es so noch nicht gegeben und zeigt die Wertschätzung, die dieser Veranstaltung entgegengebracht wird“, sagt Herzog. Dann öffnet sie die schwere Tür zum Bühneneingang.

Die Veranstaltungstechniker haben den besten Platz

Schon seit dem Vormittag sitzen die beiden Chefs vom Dienst Christo Twele und Wanja Ostrower auf wenigen Quadratmetern inmitten der Bühnentechnik. „Wir haben bereits den Ablauf durchgeprobt, damit heute Nachmittag alles glatt geht“, sagt Twele. Aufwendige Bühnenbauten gibt es nicht auszuleuchten, nur drei weiße Ledersessel und die vier Buchstaben BDZV (Bundesverband deutscher Zeitungsverleger) sowie eine Überraschung, die kurz vor 14 Uhr hinter dem schwarzen Vorhang Aufstellung nehmen wird. Den besten Platz haben die Veranstaltungstechniker, die in der Fürstenloge ihre Technik aufgebaut haben. „Heute Zeitungsverleger, morgen SPD-Parteitag in Regensburg“, zählen die Firmeninhaber Manuel Dams und Tom Fahrner die zwei großen Jobs dieser Woche auf. Dann verschwinden sie wieder im Kabelsalat hinter dem Prunkbalkon.

Im improvisierten Fernsehstudio in einem Theater-Nebenraum lässt sich Josef Pöllmann, stellvertretender Chefredakteur der Mittelbayerischen Zeitung, die Nase pudern. Pöllmann ist geübt im Umgang mit den Kameras. Gemeinsam mit Ernst Waller, dem stellvertretenden Leiter der Lokalredaktion Regensburg, hat er vor knapp eineinhalb Jahren durch das MZ-Wahlstudio geführt. Diesmal wird das Team politische Prominenz, Sportfunktionäre und Zeitungsverleger interviewen. Volontär Mario Geisenhanslüke wird sie als Außenreporter dabei unterstützen. „Ich freue mich auf diese Gespräche“, sagt Pöllmann. Ein wenig Lampenfieber gehöre zu dieser Aufgabe dazu. „Wenn der geplante Einspieler nicht kommt, und man immer weiter und weiter reden muss, dann wird man auch mal nervös.“ Vor der Kamera merkt man den drei Akteuren davon nichts an. Souverän führen sie ihre Gäste durchs Programm, unterstützt von 16 Mitarbeitern der Produktionsfirma Fingerprint Production unter der Leitung von Peter Schröder.

Am Arnulfsplatz fährt ein Bus vor. Die Überraschung kommt. Direkt nach der Schule haben sich 80 Domspatzen ihre Konzertuniform übergestreift, um mit einem Ständchen den Kongress zu eröffnen. „Als wir jüngst in Regensburg waren“ und „The Lion sleeps tonight“ sind zwei der Lieder, die sie in einem zehnminütigen Medley zum Besten geben. Danach geht es direkt zurück und an die Hausaufgaben, sagt Domkapellmeister Roland Büchner.

Das Team der Filmbühne rotiert

Während die Domspatzen hinter dem schwarzen Vorhang Aufstellung nehmen, rotiert im ersten Stock das Team der Regensburger Filmbühne, um die Gäste mit Rinderschmorbraten, Lachssteak und Falafel zu versorgen. Eine logistische Herausforderung, denn gekocht wird auf der anderen Seite des Bismarckplatzes. „Die Soße ist ohne Ei, aber nicht laktosefrei“, instruiert Karin Griesbeck ihr Serviceteam. Man weiß schließlich nie, was Zeitungsmenschen so alles ausrecherchieren.

Nicht ganz so gut vorbereitet ist die kleine Gruppe Milchbauern, die mit Transparenten „Für einen fairen Milchpreis“ am Arnulfsplatz wartet. „Ist die Ministerin Aigner schon da?“, wollen sie wissen. Tatsächlich hat Ilse Aigner bereits den Vordereingang genommen und sitzt im Theatersaal. „Dumm gelaufen“, sagt Josef Mühlthaler, Kreisvorsitzender vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter aus Gangkofen. Jetzt verhallt der Protest für bessere Markt-Rahmenbedingungen der Milchwirtschaft ungehört. „Ist aber nicht so schlimm, weil eigentlich wollten wir ja eh vor Seehofer protestieren“, sagt Mühlthaler und packt mit seinen sechs Mitstreitern wieder zusammen.

Für Raphaela Herzog bleibt es den ganzen Nachmittag über stressig. Sie führt verirrte Gäste, kümmert sich um klemmende Türen und fehlendes Material. Trotzdem würde sie sich mehr solche Veranstaltungen ins Stadttheater wünschen, sagt sie. „Ich finde, das Stadttheater ist ein schöner Ort dafür.“ Die Zeitungsmädchen sind derweil schon aus ihren Kleidern geschlüpft. Alles ist heil geblieben. Die Schlagzeilen von gestern und vorgestern sind auch morgen noch gut genug, um sie zu zeigen. Bei einem Haus voller Zeitungsverleger sind das doch gute Nachrichten.

Mehr als 450 Entscheider aus Medienhäusern in ganz Deutschland diskutieren bis Dienstag in Regensburg über die Zukunft der Zeitung. Die Mittelbayerische Zeitung überträgt den Kongress live.

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