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Löhne, Renten, Armutsrisiko

Der Wissenschaftler Professor Ernst Kistler analysiert die soziale Lage – und nennt auffällige Faktoren für die Region Regensburg.

Im Sozialbericht der Stadt steht, wo Maßnahmen gefordert sind Foto: dpa

Regensburg.Die Stadt Regensburg hat 2011 einen Sozialbericht erstellt, der seither intensiv diskutiert wird. Das ist sehr verdienstvoll; die kommunale Sozialberichterstattung ist längst noch nicht überall so weit. Der Bericht zeigt in sehr starker Differenzierung auf, in welchen Stadtteilen sich soziale Probleme häufen. Daraus lassen sich durchaus Prioritäten für kommunale Maßnahmen ableiten.

Weit weniger wird aber auf die großen Linien, die generelle Entwicklung sozialer Problemlagen und auch einen Vergleich mit dem Umland eingegangen. Nur weil diese großen Trends weitgehend außerhalb des Zugriffsradius kommunaler Sozialpolitik liegen, dürfen sie jedoch nicht übersehen werden. Regensburg ist keine Insel. Die großen Trends werden auch vor Ort greifen.

Nur weil das wirtschaftliche Wachstum in der Stadt zurzeit hoch ist und weil die Arbeitnehmerverdienste Vollzeitbeschäftigter in Regensburg über dem Durchschnitt in Deutschland liegen, sind die sozialen Probleme und das Armutsrisiko nicht kleiner.

Vom Boom profitieren

Der Sozialbericht verweist zu Recht darauf, dass Regensburg im deutschen Städtevergleich sehr gut abschneidet, wenn es um wirtschaftliches Wachstum und Dynamik geht. Ein hohes Sozialprodukt muss aber nicht bei der breiten Masse der Bevölkerung ankommen. Das ist im Gegenteil sogar immer weniger der Fall. So sinkt die Lohnquote, der Anteil des Faktors Arbeit am Erwirtschafteten, seit Jahren deutlich und nur kurz durch die Wirtschaftskrise unterbrochen. Auf der anderen Seite steigen die Einkommen aus Kapital und Unternehmertätigkeit immer schneller. Die Einkommens- und Vermögensverteilung ist im Gefolge aus dem Ruder gelaufen.

Zweifellos sind die mittleren (Median, das heißt 50 Prozent darüber, 50 Prozent darunter) Bruttoarbeitsentgelte, die in Regensburg von sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbeschäftigten 2010 verdient wurden, mit brutto 3136 Euro höher als im deutschen Durchschnitt (2702 Euro). Betrachtet man aber diese Einkommen nicht nach dem Arbeits-, sondern nach dem Wohnort, so sind es in der Stadt Regensburg schon viel weniger (2941 Euro), dagegen im Landkreis Regensburg 2950 Euro. Es gibt viele gut verdienende Einpendler, die im Umland wohnen.

Auch andere strukturellen Probleme und Entwicklungen wirken sich auf Regensburg aus.

Das Armutsrisiko ist seit den 90er-Jahren in Deutschland deutlich gestiegen, vor allem in der ersten Hälfte des letzten Jahrzehnts; seit 2005 glücklicherweise nur langsamer. Auch im wirtschaftlich sehr starken Bayern sind bestimmte Problemgruppen besonders betroffen: Erwerbslose und Geringqualifizierte mit noch zunehmender Tendenz, Alleinerziehende und die Migrationsbevölkerung bei leicht abnehmenden Werten. Aber auch bei den großen Altersgruppen gibt es Verschiebungen. Während die Armutsrisikoquote bei unter 18-Jährigen etwas gesunken ist, gibt es seit 2005 bei 18- bis 25-Jährigen und vor allem bei Älteren ab 65 Jahren eine klare Zunahme.

Die Ursachen sind vielfältig. Einige Grundtrends lassen sich jedoch klar benennen:

Bei den Jungen zeigen sich für viele Betroffene nach wie vor große Schwierigkeiten, einen Ausbildungs- und danach beziehungsweise nach einem Studium einen sicheren und hinreichend entlohnten Arbeitsplatz zu finden. Phasen der Arbeitslosigkeit und die grassierenden atypischen Beschäftigungsverhältnisse durchlöchern die Erwerbsbiografien. Geringfügige, befristete und niedrigentlohnte Beschäftigung wird immer häufiger – im Übrigen mit fatalen Folgen für die späteren Renten.

Hohe Ansprüche

Entgegen dem Gerede von einem Lehrlings- oder Arbeitskräftemangel und einer schon fast erreichten „Vollzeitbeschäftigung“ gibt es weiterhin eine hohe offene und versteckte Unterbeschäftigung. Verwöhnt vom jahrzehntelangen Überschuss an Bewerbern haben die Arbeitgeber ihre Anspruchsniveaus dramatisch erhöht.

Bei den Älteren zeichnet sich die vielbeschworene Altersarmut nicht erst für die Zukunft ab. Die Armutsrisikoquoten Älterer steigen längst deutlich an und werden weiter steigen. Die Ursachen liegen einerseits in der Absenkung des Lohnersatzniveaus der gesetzlichen Renten. Die betriebliche Altersversorgung, an der sich die Arbeitgeber immer weniger beteiligen, wird das nicht kompensieren können. Gleiches gilt für die private Altersvorsorge (Stichwort: Riester) mit ihren zu hohen Kosten und der Unsicherheit aufgrund ihrer Abhängigkeit vom Kapitalmarkt. Andererseits nimmt die Streuung der im Erwerbsverlauf erworbenen Rentenansprüche immer mehr zu. Versicherten mit hohen Einkommen und guten Arbeitsbedingungen, die auch länger arbeiten können und dann höhere Renten erzielen, stehen andere gegenüber: Diese haben geringe Einkommen/Rentenansprüche und schlechte Arbeitsbedingungen. Sie können nicht bis zum 65., geschweige bis zum 67. Lebensjahr arbeiten. Ihre Renten werden dann auch noch durch Abschläge kleiner: 2011 gehörte die Stadt Regensburg mit durchschnittlich 514 beziehungsweise 616 Euro zu den Kreisen in Bayern mit den jeweils niedrigsten neuen Renten wegen Erwerbsminderung beziehungsweise wegen Alters.

Sonnen- und Schattenseiten

Wohlgemerkt: Regensburg und das Umland stehen in mancher Hinsicht gut da. Es geht hier nicht darum, die soziale Lage schlecht zu reden. Man sollte aber – frei nach Bert Brecht – besonders auf diejenigen achten, die „im Schatten stehen“. Und man muss auf Entwicklungen achten, die weitere Probleme bringen können.

So kann es auch nicht beruhigen, dass die Raumordnungsregion Regensburg mit einer Armutsrisikoquote von 14,0 Prozent im Jahr 2012 im Mittelfeld der bayerischen Raumordnungsregionen rangiert. Immerhin war der Zuwachs um 2,0 Prozentpunkte alleine seit 2008 der dritthöchste im Freistaat. Regensburg wird von den oben beispielhaft angeführten Entwicklungen nicht verschont bleiben: Regensburg ist keine Insel – weder eine der Glückseligen noch eine der Armseligen.

Prof. Dr. Ernst Kistler ist Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler mit den Hauptarbeitsgebieten Arbeitsmarkt- und Sozialberichterstattung, demografischer Wandel und Arbeitsbedingungen. Er veröffentlicht regelmäßig Analysen zur sozialen Lage und arbeitet federführend auch am Sozialbericht Bayern mit, den die Staatsregierung herausgibt. Kistler leitet das Internationale Institut für Empirische Sozialökonomie (INIFES), das 1975 in Stadtbergen bei Augsburg gegründet wurde.

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