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Kirche

Georg Ratzinger und „das letzte Examen“

Georg Ratzinger blickt vor seinem 90. Geburtstag auf ein Leben mit hellen Seiten und Schatten zurück. Den Ehrentag verbringt er bei Benedikt XVI:

Georg Ratzinger in seiner Regensburger Wohnung in der Luzengasse 2. Der Christbaum – im Hintergrund – steht bei ihm traditionell bis zum Fest Mariä Lichtmess am 2. Februar. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Als sein Bruder am 19. April 2005 zum Papst gewählt wurde, da reagierte er zunächst schockiert. Doch Georg Ratzinger fügte sich ins Unvermeidliche und fand sich damit ab, in Rom nun nicht mehr Joseph Ratzinger, sondern Benedikt XVI. zu besuchen. Dabei ließ sich der ehemalige Regensburger Domkapellmeister nie auf die Rolle des „Papstbruders“ reduzieren. Als einmal zwei Schülerinnen im Vorbeigehen tuschelten „Das ist der Bruder vom Ratzinger“, stellte er klar: „Der Ratzinger bin ich.“ Am Mittwoch feiert er seinen 90. Geburtstag – fernab von Regensburg bei seinem Bruder im Vatikan Rom. Vorab gab er Karl Birkenseer ein großes Interview.

Herr Domkapellmeister, Sie haben zwei große Karrieren in Ihrem Leben gemacht – einmal als Leiter der Regensburger Domspatzen und dann als Bruder von Papst Benedikt XVI. Was hat beide Formen der Prominenz unterschieden?

Die beiden Formen sind grundverschieden. Die erste hat mich selber betroffen, unmittelbar mein eigenes Leben. Die andere hat mich nur indirekt betroffen, durch einen mir nahestehenden Menschen, meinen Bruder. Das hat sich auch entsprechend ausgewirkt. Wobei die zweite Form natürlich einen viel größeren Radius hatte. Für das Papstamt interessiert sich die ganze Welt. Für das Amt des Regensburger Domkapellmeisters interessieren sich zwar viele Menschen, aber doch eine kleinere Anzahl als beim Papstamt.

Mit 90 – oder auch mit 87 Jahren wie demnächst Ihr Bruder – hat man ein biblisches Alter erreicht. Was bedeutet diese Klassifikation für Sie als Theologen und Kenner des Alten wie des Neuen Testaments?

Ich feiere den 90. Geburtstag wie jeden anderen Geburtstag auch. An so spezielle theologische Erwägungen kann ich nicht mehr anknüpfen, weil ich die Literatur wegen meiner Augenerkrankung nicht mehr lesen kann. Ich muss deshalb mehr aus den Gedanken heraus leben, die ich aus der Vergangenheit mitnehme. Das ist das allgemein Christliche, dass man von Gott geschaffen ist, dass er uns ins Leben hereingebracht und mit seiner Liebe begleitet hat, wobei im Leben doch vieles unfertig und schwierig ist – Dunkles und Helles nebeneinander hat es deshalb bei mir gegeben wie bei jedem anderen auch. Jetzt sieht man das Ziel vor sich, jetzt treten so viele andere Dinge, die vorher wichtig waren, ins zweite Glied zurück. Jetzt denkt man daran, dass man nur noch ein Ziel hat – das ist das Jenseits, das letzte Examen, das einem bevorsteht, das persönliche Urteil über das ganze Leben, das der Herrgott über uns fällt.

Sie sind am 15. Januar 1924 in Pleiskirchen geboren. Was bedeutet Ihnen diese Geburt im Landkreis Altötting, der wegen

des Marienwallfahrtsortes halb scherzhaft „Das Heilige Land“ genannt wird?

Es war ein Zufall, dass ich in Pleiskirchen geboren bin. Mein Vater war dort als Polizeibeamter stationiert, und es war eine Freude, dass Altötting in der Nähe war. Allerdings habe ich den Wallfahrtsort von Pleiskirchen aus noch nicht besucht, weil ich damals noch zu klein war. Wir sind 1925 umgezogen, da war ich ein Jahr alt. Später war das dann anders. Wir waren sehr froh, in der Nähe diesen schönen Wallfahrtsort zu haben, wo man relativ gut hinkommen konnte. Damals war Altötting verkehrsmäßig nicht besonders gut erschlossen, und wir hatte auch selber kein Auto. Aber immerhin – es war zu erreichen.

Orgel-Ratz und Bücher-Ratz

Nach Ihrer Heimkehr aus Krieg und Kriegsgefangenschaft begannen Sie 1946 gemeinsam mit Ihrem Bruder das Theologiestudium in Freising, bei Ihnen begleitet

von musikalischen Studien. Wie stellt sich für Sie dieser gemeinsame und doch auch unterschiedliche theologische Weg aus dem Rückblick dar?

Es waren damals sehr schöne Zeiten. Nach dem Krieg, dem Arbeitsdienst, dem Militär, der Gefangenschaft war das endlich wieder ein freies Leben. Man hat gespürt, dass man wieder eine Aufgabe hatte nach all den verlorenen Jahren, die man einholen musste. Es war deshalb keine Zeit des Faulenzens, sondern man ist damals seine Arbeit mit großem Eifer angegangen – die theologische Arbeit und auch die musikalische Arbeit.

Ihr Bruder und Sie haben verschiedene Wege eingeschlagen ...

Sein Freundeskreis war ein anderer als der meine – der seine war mehr wissenschaftlich orientiert, der meine mehr musikalisch. Die Männer, die im Freisinger Domchor mitgesungen haben, das waren meine Freunde, bei ihm war es anders. Er ist dann auch nach München gegangen an die Universität, da waren wir drei Jahre getrennt voneinander. Wir haben uns dann im Alumnat wieder getroffen, wo die spezielle Vorbereitung auf die priesterliche Tätigkeit im Vordergrund stand. Es waren fruchtbare Zeiten, und man hat die anstehenden Examina mit einer großen Begeisterung gemacht – größer, als es vielleicht ohne das schlimme Zwischenspiel des Krieges gewesen wäre.

In Freising hat man Ihnen beiden die Spitznamen Orgel-Ratz und Bücher-Ratz gegeben. Wer hat diesen blendenden Einfall gehabt?

Das weiß ich gar nicht. Jemand ist dahinter gekommen, welche Vorlieben wir haben. Allerdings wurden die Spitznamen nicht im direkten Kontakt mit uns verwendet, sondern um uns zu unterscheiden, wenn über uns gesprochen wurde.

1964 wurden Sie Domkapellmeister in Regensburg – ein Spitzenamt für einen katholischen Kirchenmusiker in Deutschland. Welche Wege haben sich dadurch für Sie geöffnet?

Das Schöne war, dass ich nun eine festliche Kirchenmusik machen konnte mit Werken der Alten Meister, die man mit einem Kleinstadt-Kirchenchor nicht so leicht zustande bringt. Dazu kam aber auch die Erschließung von ganz anderen Bereichen: Konzerte, Schallplatten-, Rundfunk- und Fernsehaufnahmen. Hier haben sich für mich völlig neue Wege eröffnet, die mich gefordert haben und die sehr interessant waren. Ich glaube auch, dass doch ein gewisser Erfolg dabei herausgekommen ist, und ich bin dem lieben Gott dankbar, dass ich diesen Weg gehen konnte.

Obwohl Sie schon seit bald 20 Jahren in Pension sind, halten Sie noch immer Kontakt zu ganzen Generationen Ihrer Domspatzen. Wie wichtig ist Ihnen dieses Leben im Netzwerk der Domspatzenfamilie?

Ich freue mich über jeden Besuch von Domspatzen. Man redet über vergangene Zeiten, denkt an das gemeinsame Arbeiten, und ich beobachte auch aus der Entfernung noch, wie jetzt gearbeitet wird – notwendigerweise ändert sich einiges. Ich sehe die Domspatzen-Institution immer noch als eine ganz besondere Realität an, die gewachsen ist durch das Verdienst meines Vorgängers Theobald Schrems, eine Realität, die aller Mühen wert ist, gut weitergeführt zu werden.

„Frau Heindls Tod war ein großer Schock“

In Ihrem Regensburger Wohnzimmer steht noch immer der Christbaum – bis Mariä Lichtmess am 2. Februar. Kürzlich sind Sie zu Ihrem Bruder nach Rom geflogen, um Weihnachten mit ihm nachzufeiern. Man konnte lesen, dass Sie beide sich diesmal nichts geschenkt hätten, weil schon alles Notwendige vorhanden sei?

Tatsächlich habe ich meinem Bruder nichts geschenkt – mit Ausnahme eines Taschenkalenders, denn die scheint es in Rom nicht so zu geben. Ich dagegen habe von ihm eine ganze Menge bekommen, unter anderem die Neueinspielung der Beethoven-Symphonien durch das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Mariss Jansons. Ich weiß eben nicht, was ich meinem Bruder geben soll – er hat vieles, bekommt vieles und gibt es auch gerne weiter. Ich wollte ihn sogar fragen, ob ich ihm nicht diese Einspielung schenken darf, aber es kam nicht zustande – jetzt habe ich sie dafür bekommen. Ich werde sie vielleicht auch öfter hören, als er es täte.

Den 90. Geburtstag selbst begehen Sie ebenfalls in Rom. Jemand, der sicher gerne mitgefeiert hätte, ist Ihre kürzlich verstorbene Haushälterin Agnes Heindl. Wie haben sich Ihre Lebensumstände durch diesen Todesfall geändert? Können Sie in der Regensburger Luzengasse wohnen bleiben?

Frau Heindls Tod war ein großer Schock für mich. Ich hatte gedacht, ihre Krankheit sei nur ein vorübergehendes Tief. Auch sie selbst war frohen Mutes und optimistisch. Dass es anders gekommen ist, das hatte ich nicht erwartet. Ich behalte sie natürlich im allerbesten Gedächtnis – sie ist für mich nach wie vor eine große Seele, die der liebe Gott mir gegeben hat. Doch nun hat er es wieder so wunderbar gefügt, dass an der Nahtstelle, an der die Zusammenarbeit mit Frau Heindl endet, eine Mallersdorfer Schwester zu mir gekommen ist, wobei mit Bischof Rudolf Voderholzer und Dompropst Wilhelm Gegenfurtner helfende Kräfte im Hintergrund waren. Schwester Lauren ist sehr tüchtig und voller Arbeitseifer, und sie sorgt dafür, dass ich mein Leben in der gewohnten Umgebung weiterführen kann.

„Die Welt ist völlig anders geworden“

Wenn Sie als 90-Jähriger auf ein langes Leben zurückblicken, wofür sind Sie dann am meisten dankbar?

Die Dankbarkeit ist so umfassend – vom Leben überhaupt angefangen bis zum guten Elternhaus, bis zu den Wegen, die ich gehen durfte, bis zu den Aufgaben, die mir gestellt wurden, und bis zu dem schönen Ruhestand, den ich erleben darf.

Und wie empfinden Sie die heutige Welt?

Sie ist doch anders geworden, wenn ich den Vergleich ziehe zu den Lebensumständen meiner Kinderzeit. Damals war ein Radio noch eine Seltenheit, und auf dem Dorf in Aschau – einem unserer Wohnorte – gab’s drei Autos: eins hat der Pfarrer gehabt, ein Lastauto der Bräu, und ein Mietauto, das hat der Bruder vom Wirt gefahren. Die Welt ist völlig anders geworden. Internet, Computer, und was es da alles gibt: Diese Dinge brauche ich Gott sei Dank nicht, und in dem Maß, in dem ich sie brauche, habe ich gute Menschen, die mir die Dienste erweisen, die hier nötig sind. Ich möchte einmal vom Himmel herunterschauen und sehen, wie’s weitergeht – die Erfindungen haben ja kein Ende. Ich möchte mich damit nicht mehr einlassen – das, glaube ich, kann von uns alten Menschen niemand verlangen. Ich beobachte das alles mit großem Interesse und sehe, dass jemand, der heute im Leben steht, nicht daran vorbeigehen kann. Aber für mich ist es ein bisschen eine fremde Welt geblieben.

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