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Starkbieranstich

Seehofers flotter Tanz mit dem „Teifi“

„Fast Faust“ und allzumenschlich: Am Nockherberg wird der Politik der Spiegel vorgehalten. Heftig trifft es CSU-Chef und „Mr. Unbekannt“ der SPD
Von Christine Schröpf, MZ

Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU, r) und Paulaner-Geschäftsführer Andreas Steinfatt prosten beim traditionellen „Politiker-Derblecken“ auf dem Münchner Nockherberg dem Publikum zu. Foto: dpa

München. Schon das Bühnenbild ist der pure Spott: Eine Stromtrasse schmiegt sich an ein graues, verbrauchtes Haus mit Buntglassteinen, das es niemals in die Rubrik „Schöner Wohnen“ schaffen wird. Vorgegaukelt wird das schäbigere Gesicht des von CSU-Chef Horst Seehofer stets als traumhaft schön gepriesenen Freistaats. „Oberfranken“, souffliert am Mittwochabend perfide ein Singspiel-Darsteller auf dem Nockherberg – die Region also, in der es gerade heftigen Aufruhr um tatsächlich geplante Megastromtrassen gibt.

Mal klug, mal diabolisch

Das Hin und Her in der Energiepolitik, der Fall Edathy, der Streit um den Länderfinanzausgleich, die bayerische Verwandtenaffäre, Kronprinzenkämpfe in der CSU, schwarz-rote Koalitionsränkespiele in Berlin: Alles kommt beim traditionellen Starkbieranstich der Paulaner-Brauerei auf den Tisch. Singspielregisseur Marcus H. Rosenmüller inszeniert die Landes- und Bundespolitik als „Tanz mit dem Teifi“, angelehnt an Goethes Klassiker. „Fast Faust“, heißt das Lehrstück in der weiß-blauen Version, gespickt mit Verführungen, unseligen Allianzen und Hinterfotzigkeiten. Selbsternannter Hauptakteur in allen Rollen – mal kluger Faust, mal diabolischer Mephisto, mal unschuldig anmutendes Gretchen: Seehofer (Christoph Zrenner) als selbstverliebter Omnipräsenter. Doch die anderen Akteure treibt im Grunde derselbe Drang: Kanzlerin Angela Merkel (Antonia von Romatowski), Markus Söder (genial: Stephan Zinner), Hauptrivalin Ilse Aigner (Angela Ascher) und der Münchner Noch-OB Christian Ude (Uli Bauer) – alle halten sich für unverzichtbar und grundsätzlich für alle Ämter berufen.

Das Singspiel 2014 ist eine Melange aus Oper, Musical, Bauerntheater, Volksschauspiel, Nummernrevue und Männerballett. Singspiel-Autor Thomas Lienenlüke hat herrlich böse Texte vorgelegt, der Musiker Gerd Baumann wunderbar schräge Songs. Ein bayerisches Gesamtkunstwerk der besonderen Art. „Ach wir wären auch so gern, so hinterwäldlerisch-modern, so archaisch und anarchisch, immer progressiv-monarchisch“, flötet die Kanzlerin bei ihrer Stippvisite mit SPD-Chef Sigmar Gabriel. Die zwei sind gekommen, um den bayerischen Gesetzmäßigkeiten nachzuspüren und dem größten anzunehmenden Unsicherheitsfaktor: Seehofer.

„Sonst wäre es keine Demokratie, wenn ich nicht jedem dasselbe verspreche“, äußert sein Alias auf der Bühne freimütig. Christoph Zrenner ist kurzfristig in diese Rolle geschlüpft. Wolfgang Krebs war abgesprungen, weil ihm sein Part nicht gefiel. Der neue „Seehofer“ ist anfangs ein wenig gewöhnungsbedürftig – nicht, weil er schlecht spielt. Er hat das Pech, dass Krebs den Seehofer figürlich und sprachlich perfekt verkörpert hat. Wobei: Die Szene, in der Zrenner als „Gretchen-Seehofer“ in weißer Dirndlbluse, Miederkleid und blonden Zöpfen als derangierte Matrone über die Bühne walzt, die hat schon was.

Die rührendste Szene im Singspiel: Udes Abschiedssong – eine Hommage an den langjährigen Münchner OB, der am Nockherberg das letzte Mal eine Rolle spielt. Das Lied ist hübsch gepfeffert mit Eigenlob. „Esprit trifft auf Genie“, singt Ude-Darsteller Bauer über sein Alter Ego.

Die CSU-Rivalen Söder und Aigner nehmen sich gnadenlos Seehofer zur Brust. „Superminister? Da ist doch drauf geschissen. Der Graue hat die Macht und das Grauen über mich gebracht“, meint der Finanzminister, der später auch noch einen Pitpull-Pudel mimt. „Das Leben im Schatten von Horst hat ein Ende. Ich bleib nicht länger sein folgsames Mädchen“, gibt sich Aigner trotzig und fühlt sich als wahre Bayern-Königin.

Bayerns SPD-Chef Florian Pronold (Stefan Murr) ist heuer mit von der Partie – allerdings nur, um nach allen Regeln der Kunst abgewatscht zu werden. „Das ist die große Hoffnung der SPD, der Dings...“, sucht selbst Ude nach seinem Namen. „Pronold? Pronold? Da habe ich jetzt gar kein Gesicht dazu“, assistiert Seehofer. Später kauft sich der Unglücksvogel bei Mephisto via Erbpachtvertrag für 100 Jahre Charisma und Showtalent. Neu im Spiel ist auch Bundes-Grünen-Chef Toni Hofreiter (Wowo Habdank) – ein Erzengel mit Speckröllchen und Harfe, ganz in creme-weiß, der über das „Saulumpenpack“ bei der CSU wettert, das der Ökopartei die Themen klaut.

Bavaria outet CSU-Chef

Für einen Miniauftritt wird „Mama Bavaria“ Luise Kinseher von Söder mit Knalleffekt auf die Bühne gezaubert. Sie hat selbst einen Kracher in der Tasche: Einen Brief Seehofers, in dem er offenbart, 2018 doch noch einmal als Ministerpräsident anzutreten. „Zum Wohle Bayerns, und vor allem, weil ich es dem Söder nicht gönne.“

Die Kabarettistin hatte die Politprominenz schon vor dem Singspiel in ihrer Fastenpredigt heftig derbleckt – wobei ihr seit 2013 ein paar Schützlinge abhanden gekommen sind: Die CSU-Männer Hans-Peter Friedrich und Peter Ramsauer sind nun ohne Ministeramt. CSU-Landrat Jakob Kreidl stolperte über die Sparkassenaffäre. Er habe ihr vorab einen Brief geschrieben, spottet die Mama Bavaria – und zitiert: „Nie hast Du es für nötig befunden, mich und meine herausragenden Leistungen im Landkreis Miesbach zu erwähnen. Bitte erwähne mich auch heute nicht. Anbei fünf Euro. Mehr war nicht mehr zu holen.“

Über jeden weiß die „Mama“ was: Seehofers Horstokratie nennt sie exportverdächtig. „Wir haben derzeit sogar eine Delegation aus Nordkorea da, die wollen anhand von Seehofer herausfinden, wie man Alleinherrschaft absichert, ohne gleich die ganze Verwandtschaft umbringen zu müssen.“ Bei Kronprinz Söder diagnostiziert sie wegen ähnlicher Allüren Söderalismus. Medizinisch aber bleibt er ihr ein Rätsel. „Er sieht aus wie ein Mensch. Er spricht wie ein Mensch. Nur wenn man ihn verletzt, dann blutet er nicht.“ Staatskanzleichefin Christine Haderthauer („Ich bin ich. Ich bin toll.“) nennt sie Seehofers „ganz persönliche Vorhölle“. Bei Innenminister Joachim Herrmann spreche dagegen sein Schweigen Bände. Er drücke da aus, dass in Bayern alles in Ordnung ist „Im Allgäu hat sich zwar die italienische Mafia festgesetzt, aber die ist fest in der Hand der Polizei.“

Die Opposition wird nur am Rande gestreift – auch hier gibt es kein Erbarmen. Er habe viel vom Seehofer, sagt sie zu Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger. „Bloß nicht in dem Ausmaß. Da wo Seehofers Sakko endet, beginnt bei dir bereits die Luft nach oben.“

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