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Initiative

Bastlerbörse gegen die Wegwerfkultur

In Repair-Cafés helfen Bastler anderen Menschen, kaputte Sachen wieder hinzukriegen. Eine Idee, die Schule macht – etwa in Germering bei München.

Edeltraud Preidel (r) und Jannick Hein bei der Notebook-Reparatur im Repair Café in München. Foto: dpa

Germering. An ihrer goldenen Schreibtischlampe hängt Claudia König, auch wenn die Lampe ihr derzeit keine Freude macht: „Der Dimmer ist kaputt – und ohne den kann ich kein Licht anmachen“, erklärt sie. Ein Fall für den Müll? Nein, hat sich Claudia König gedacht und sich aufgemacht nach Germering, ins Repair-Café.

Dort helfen Hobby-Bastler gegen eine freiwillige Spende, kaputte Geräte oder Kleidung wieder in Schuss zu bringen. Denn vieles, was sonst auf dem Müll landet, lässt sich mit einfachen Handgriffen reparieren. In den Räumen der Freien Evangelischen Gemeinde stapeln sich kaputte Laptops, Bügeleisen und Küchengeräte. Auch ein Garten-Häcksler steht neben dem Sofa, auf dem sich die Besucher mit Kaffee und Kuchen die Wartezeit verkürzen. Gut 70 Menschen sind heute nach Germering bei München gekommen. Sie alle wollen gegen die Wegwerfgesellschaft anreparieren.

„Was man wegwirft, ist nicht verschwunden“

„Die Wertstoffhöfe quellen über mit Sachen, die man wieder hinbekommen könnte“, sagt Claudia König. „Und was man wegwirft, ist nicht plötzlich verschwunden. Irgendwo müssen all die Sachen ja sein – da macht sich niemand Gedanken drum.“ Ohne Hilfe müsste die geliebte Lampe in der Ecke verstauben. „Ich selbst kann die Abdeckung aufschrauben und wieder zuschrauben – mehr nicht.“

Zum Glück gibt es Joachim, der seinen Nachnamen nicht nennen will. Er sitzt an einem Tisch, auf dem eine unüberschaubare Zahl von Werkzeugen liegt. Routiniert geht er die möglichen Fehlerquellen durch. „Das Kabel ist intakt“, stellt der Tüftler fest, der sich beruflich mit der Reparatur von Computern befasst. Also schraubt er die Lampe auf und begibt sich im Inneren auf Fehlersuche.

„Jedes kaputte Gerät ist eine Herausforderung, ein Detektivspiel“, erklärt Gerhard Busch. Er hat das Repair-Café in Germering gegründet. Nun treffen einmal im Monat Bastler und Menschen, die etwas zum Reparieren haben, aufeinander. Eine Garantie, dass die Dinge hinterher wieder intakt sind, gibt es nicht. Außerdem unterschreiben die Besucher vorab, dass sie das Risiko für die Reparatur alleine tragen.

Nicht nur in Germering hat die Idee, die ursprünglich aus Amsterdam kommt, Anhänger gefunden. Mittlerweile gibt es Repair-Cafés in ganz Deutschland. Auch Nürnberg, Kempten, Murnau und München sind dabei. Das Potenzial ist groß: Jeder Deutsche wirft im Jahr etwa acht Kilogramm Elektrogeräte auf den Müll. Aus Umweltsicht hält Matthias Zeuner-Hanning von der Verbraucherzentrale Bayern die Idee hinter den Repair-Cafés deshalb für gut. „Dinge zu reparieren und ihr Leben zu verlängern schont Ressourcen“, bekräftigt er.

Verbraucherexperte hat Sicherheitsbedenken

Allerdings hat der Verbraucherexperte Sicherheitsbedenken: „Was ist zum Beispiel mit der Gefahr von Stromschlägen, wenn jemand an Elektrogeräten herumbastelt?“ Wenn es bei der Reparatur jedoch nicht um die Produktsicherheit geht, sei gegen das Selberreparieren nichts einzuwenden. Zu lernen, wie man ein Stuhlbein anleimt oder einen Fahrradreifen flickt, sei ungefährlich, sagt Zeuner-Hanning. In allen anderen Fällen rät er dazu, vorab nachzufragen, ob im Repair-Café am Tag des Besuchs auch echte Fachmänner vor Ort sind.

Bei allen Repair-Cafés steht der Nachhaltigkeitsgedanke im Mittelpunkt. Das meint nicht nur, dass Dinge nicht unnötig auf dem Müll landen, sondern auch, dass die Besucher Wissen mit nach Hause nehmen. Vielleicht trauen sie sich beim nächsten Mal selber zu, das Bügeleisen aufzuschrauben, wenn kein Dampf mehr herauskommt. „Der erste Gedanke soll sein: Wie repariere ich das? Nicht, wo bekomme ich es neu“, fasst Gerhard Busch zusammen.

Dieses Wissen weiterzugeben war auch für die Volkshochschule in Murnau der Grund, ein Repair-Café ins Leben zu rufen. „Wir sind zu einer Wegwerf-Gesellschaft geworden“, sagt Organisator Heinfried Barton. „Uns geht das Wissen, wie man Sachen repariert, verloren.“ Das bestätigt auch sein Nürnberger Kollege Chris Herrmann, denn eigentlich seien die Probleme meistens sehr leicht zu lösen: „Unsere Erfolgsquote liegt bei etwa 90 Prozent, das meiste ist schnell erledigt.“

Auch Claudia König in Germering ist nicht nur passive Zuschauerin bei der Reparatur ihrer Lampe. Auch sie will Wissen mit nach Hause nehmen. Aufmerksam schaut sie über den Rand ihrer Brille. Mit einer Zange hält sie die Platine, während Joachim mit dem Lötkolben daran arbeitet. Eine Win-Win-Situation für alle, wie Yannick Hein findet. Während andere 19-Jährige gerade aufstehen, hat Yannick schon ein paar Computer repariert. „Ich gebe mein Wissen gerne weiter, und die Menschen freuen sich, wenn ihre Dinge wieder funktioniere“, erklärt er. Außerdem sei es ein gutes Gefühl zu wissen, dass Sachen nicht sinnlos auf dem Müll landen: „Wir wollen hier dem Konsumdenken widersprechen.“ (dpa)

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