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Das Gesundheitssystem ist kein Markt

Kliniken sollen das Patientenwohl im Blick haben – und schwarze Zahlen schreiben. Dieses Spannungsfeld war Thema beim Medizinethik-Tag in Regensburg.
Von Louisa Knobloch, MZ

  • Ärzte bei einer Operation: Das System der Fallpauschalen setze Fehlanreize, kritisierte Dr. Verina Wild beim Medizinethik-Tag. Foto: Oliver Berg/dpa
  • Albrecht Fleischmann und Prof. Dr. Thomas Bein vom Klinischen Ethikkomitee mit Gesundheitsministerin Melanie Huml und dem Kaufmännischen Direktor des UKR, Klaus Fischer, beim Medizinethik-Tag Foto: Knobloch
  • Der Patient mit seinen Bedürfnissen müsse im Mittelpunkt stehen, betonte Gesundheitsministerin Melanie Huml beim Medizinethik-Tag am UKR. Foto: Knobloch

Regensburg.Mit 15,8 Millionen Eingriffen ist die Zahl der Operationen in Deutschland 2013 auf einen neuen Höchststand geklettert. Ob all diese OPs medizinisch notwendig sind, ist umstritten. Inwiefern wirtschaftliche Überlegungen hier eine Rolle spielen, war ein Thema beim 2. Regensburger Medizinethik-Tag, der am Samstag am Universitätsklinikum stattfand. Unter dem Titel „Medizin und Ökonomie“ diskutierten Experten aus Politik, Philosophie und Gesundheitswesen darüber, in welchem Ausmaß Medizin heute von marktwirtschaftlichen Gesetzen beeinflusst wird.

Für Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml muss der Patient mit seinen Bedürfnissen im Mittelpunkt stehen. Ein gewisses Kostenbewusstsein im Gesundheitswesen sei zwar wichtig, „aber es sollte nicht die Maxime des Handelns sein“. Eine Beschränkung von Therapien aufgrund des Alters oder des Krankheitsrisikos eines Patienten, wie es in anderen Ländern derzeit diskutiert wird, lehnte Huml ab. Um unnötige Eingriffe zu vermeiden, sollten Patienten bei planbaren Operationen wie etwa Gelenkersatz eine zweite Meinung einholen. „Ziel unserer Gesundheitspolitik in Bayern muss eine flächendeckende, hochwertige, aber auch bezahlbare Versorgung sein“, so Huml.

Fehlanreize durch Fallpauschalen

Um das Gesundheitssystems wirtschaftlicher zu machen, wurden in Deutschland 2004 die sogenannten diagnosebezogenen Fallgruppen (Diagnosis Related Groups, kurz DRG) eingeführt. Statt nach im Krankenhaus verbrachten Tagen wird die Behandlung eines Patienten seither über Fallpauschalen abgerechnet. „Wenn diese DRGs richtig eingesetzt werden, können sie zu einem wirtschaftlichen Umgang mit Ressourcen führen“, betonte Dr. Verina Wild, die an der Universität Zürich zu diesem Thema forscht. Das Problem sieht sie in der Ökonomisierung der Medizin, die dazu führe, dass wirtschaftliche Interessen über das Patientenwohl gestellt würden. Das System der Fallpauschalen setze Fehlanreize, die zu einer Über- oder Unterversorgung der Patienten führen könnten, so Wild. So würden einerseits medizinisch nicht notwendige Eingriffe vorgenommen, während bei anderen Patienten für sie nützliche Maßnahmen nicht durchgeführt oder durch preiswertere, weniger wirksame Leistungen ersetzt würden. Solche systembedingten Fehlanreize müssten aufgedeckt und die Prozesse und Strukturen im Gesundheitssystem darauf angepasst werden, forderte sie.

Als konkretes Beispiel für einen solchen Fehlanreiz nannte der Vorsitzende des Klinischen Ethikkomitees des Uniklinikums, Prof. Dr. Thomas Bein, die Vergütung von Beatmungsstunden in der Intensivmedizin: Je länger ein Patient beatmet werde, desto mehr Geld gebe es. „Unser Ziel als Ärzte ist es jedoch, den Patienten so schnell wie möglich von der Beatmung zu entwöhnen“, so Bein. Die Politik hat das mittlerweile erkannt: Zum 1. Januar 2015 soll die entsprechende DRG geändert werden.

Problem der gerechten Verteilung

Angesichts ständig steigender Kosten im Gesundheitssystem stellt sich die Frage, wie die zur Verfügung stehenden Mittel verteilt werden sollen. Der Medizinethik-Experte Prof. Dr. Matthias Kettner von der Universität Witten/Herdecke findet eine Rationierung nicht grundsätzlich ethisch bedenklich. Das Gesundheitssystem dürfe aber nicht in einen Markt transformiert werden, der nur von Angebot und Nachfrage geregelt werde. Nach welchen Kriterien medizinische Maßnahmen vorrangig zugeteilt werden, sollte nach Kettners Ansicht eine gesellschaftliche Entscheidung sein.

Mit dem Problem der gerechten Verteilung von Ressourcen im Gesundheitsbereich befasste sich auch die Philosophin Prof. Dr. Elif Özmen von der Universität Regensburg. Sie stellte fünf Konzepte vor und plädierte für eine egalitaristische Gerechtigkeit: Ungeachtet ökonomischer Aspekte müsse ein menschenwürdiges medizinisches Existenzminimum gesichert sein, so Özmen.

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