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Ausstellung

Das Sprachrohr jüdischer Überlebender

Polnische Juden brachten im Regensburg der Nachkriegszeit eine Zeitung heraus. Eine neue Ausstellung stellt „Der najer Moment“ und Mendel Man vor.
Von Fred Filkorn, MZ

  • „Der najer moment“ erschien zwischen März 1946 und November 1947 mit hebräischen Buchstaben in jiddischer Sprache. Foto: MZ-Archiv
  • 17 Aquarelle aus dem Nachlass seines Vaters hat Zvi Man (l., mit Oberbürgermeister Hans Schaidinger) der Stadt Regensburg als Schenkung vermacht. Foto: altrofoto.de
  • Zur Ausstellung ist eine deutschsprachige Ausgabe von „Der najer moment“ gedruckt worden. Foto: altrofoto.de
  • Mendel Man im Jahr 1975. Der Dichter, Maler und Journalist war Redakteur der in Regensburg erscheinenden Wochenzeitung „Der najer moment“. Foto: MZ-Archiv

Regensburg.Sie nannten sich selbst „Schejres-haplejte“ – „die letzten Überlebenden“ oder „der Rest der Geretteten“. Nach dem Grauen des Nazi-Terrors fanden sich jiddisch sprechende polnische Juden neben anderen ehemaligen KZ-Häftlingen, Kriegsgefangenen und Kriegsflüchtlingen auch in Regensburg wieder. In der amerikanischen Besatzungszone wurden sie zu „displaced persons“ (DPs). Für viele der jüdischen DPs war Regensburg jedoch nur eine Durchgangsstation auf dem Weg nach Palästina oder in die USA, weshalb sie ihr Dasein oftmals als „Leben im Wartesaal“ begriffen. Dennoch begannen hier Künstler, Schriftsteller, Journalisten und Intellektuelle wie Mendel Man ein kulturelles Leben aufzubauen, zum Beispiel mit der Herausgabe einer eigenen Zeitung.

Ein Geleitwort von Karl Esser

In Regensburg entstand „Der najer moment“ (Der neue Moment), eine Wochenzeitung, die zwischen März 1946 und November 1947 mit hebräischen Buchstaben in jiddischer Sprache erschien. Der ersten Ausgabe stellte MZ-Verleger Karl Esser, in dessen Verlag das Blatt gedruckt wurde, ein Geleitwort voran. „Der najer moment“ darf als eine Art Nachfolger der 1910 gegründeten Tageszeitung „Moment“ des jüdischen Warschau gesehen werden, die dort bis 1939 existierte.

„Der najer moment“ verhandelte alles, was die jüdischen Durchreisenden interessierte: Was geschah in der Weltpolitik, was in Deutschland? Die Entwicklung in Palästina war von besonderem Interesse, da das Land damals noch britisches Mandatsgebiet war und Juden die Einreise nach „Eretz Israel“ verweigerte. Aber auch ganz Alltägliches fand in „Der najer moment“ Erwähnung: von der Heiratsannonce über das Fußballergebnis bis hin zur Ankündigung kultureller Veranstaltungen.

„Der najer Moment“ auf Deutsch

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Erbauung der jüdischen Jugend, deren Erziehung und Schulbildung während der Nazi-Diktatur brachlag. Die Rubrik „Über Heldinnen und Helden“ stellte positive jüdische Rollenbilder der Nazi-Propaganda gegenüber, die für Juden nur die Opferrolle vorgesehen hatte. Am meisten erstaunt und beeindruckt, wie ein Geist des Aufbruchs und des Anpackens diese Zeitung durchweht – nur wenige Monate nach der Befreiung aus jahrelanger quälender Unterdrückung.

Die Ausstellung, die von 17 Studierenden des Elitestudiengangs Osteuropastudien an der LMU München und der Universität Regensburg in Kooperation mit dem Leiter der Städtischen Galerie, Dr. Reiner Meyer, konzipiert wurde, begeistert durch ihre übersichtliche und prägnante Präsentationsform. Auf den Stellwänden der begehbaren Zeitung stehen neben Originalausschnitten aus „Der najer moment“, die ins Deutsche übersetzt wurden, erläuternde Kommentare und fiktive Leserbriefe, die die damalige Zeit zum Leben erwecken. Die Rubriken „Wichtiges in Kürze“ und „Wussten Sie schon?“ spannen den Bogen noch etwas weiter, Informationen zur Geschichte des Ostjudentums und des Antisemitismus in Polen schaffen einen erhellenden Kontext. Anlässlich der Ausstellung erscheint zudem eine deutschsprachige Neuauflage der Zeitung.

Schenkung von Mendel Mans Sohn Zvi

In einem zweiten Raum der Städtischen Galerie sind Aquarelle und Gedichte vom polnisch-jüdischen Künstler und Dichter Mendel Man zu sehen, der als Redakteur „Der najer moment“ maßgeblich prägte. Aus Israel war zur Ausstellungseröffnung Mans Sohn Zvi angereist, der dem Projekt nicht nur Bilder und Materialien aus dem Nachlass seines Vaters zur Verfügung stellte, sondern in einer Schenkung der Stadt Regensburg 17 Aquarelle vermachte. Die „zarten, stillen Aquarelle“, wie sie Prof. Dr. Sabine Koller bezeichnete, unter deren Führung die Studierenden die Ausstellung erarbeiteten, geben Mendel Mans romantisches Naturbild der neuen Heimstatt „Eretz Israel“ wieder. Die Gedichte Mans sind über Hörstationen neben der deutschen Übersetzung auch in ihrem jiddischen Original zu hören. Begleitet werden die aushängenden Gedichte und Kurzgeschichten Mans von schwarz-weißen Illustrationen im Linoleumschnitt. Als feierlicher Höhepunkt der Schenkung rezitierte Zvi Man ein jiddisches Gedicht seines Vaters.

„Das Leben im Wartesaal“ ist eine lohnenswerte und spannende Ausstellung, die ein nahezu unbekanntes Stück Zeitgeschichte ins Licht der Öffentlichkeit rückt.

Bis 19. Januar im Leeren Beutel

„Leben im Wartesaal. Das jüdische Regensburg der Nachkriegszeit: Mendel Man und Der najer moment“ ist bis zum 19. Januar 2014 in der Städtischen Galerie im Leeren Beutel, 2. OG, zu besichtigen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen, von jeweils 10 bis 16 Uhr (24./25./31.12.2013 geschlossen).

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