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Hochschulen

Das „Wissenschaftsprekariat“ wehrt sich

Nach Jahren mit befristeten Verträgen klagen immer mehr Hochschuldozenten gegen ihre Universität. Nun reagiert die Politik.
Von Louisa Knobloch, MZ und unseren Agentur-Korrespondenten

  • Mit 47 Jahren hat der Politologe Günther Auth erstmals eine unbefristete Stelle. Foto: Andreas Gebert/dpa
  • Steffen Bandlow-Raffalski hat zwei halbe Stellen als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Oldenburg. Foto: Ingo Wagner/dpa

München. Günther Auth ist am Ziel. Seit dem 7. Januar sitzt er als Dozent der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität auf einer unbefristeten Stelle. Mit 47 Jahren hat der Politologe – Schwerpunkt: Internationale Beziehungen – endlich Planungssicherheit für sein Berufs- und Privatleben. Er musste dafür hartnäckig kämpfen. Denn um an den Schreibtisch im Geschwister-Scholl-Institut zurückkehren zu dürfen, verklagte Auth seinen Arbeitgeber. Die Uni hatte seine Anstellung als „Lehrkraft für besondere Aufgaben“ im Sommer 2013 nach etwa zehn Kurzfristverträgen in ebenso vielen Jahren auslaufen lassen. „In dem Moment, als ich die Klage eingereicht hatte, ging es mir besser“, erzählt Auth. „Ich war mir ziemlich sicher, dass es zu meinen Gunsten ausgeht.“ Das Landesarbeitsgericht gab ihm tatsächlich Recht.

Auth ist kein Einzelfall. In Gießen erhielt ein Wissenschaftler Mitarbeiter 16 Arbeitsverträge in zehn Jahren, in Dresden kam es gar zu 25 Befristungen in nur sechs Jahren – beide Betroffenen klagten. Inzwischen bilden qualifizierte Mitarbeiter deutscher Hochschulen eine Art „Wissenschaftsprekariat“, wie es kürzlich in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hieß. Teilweise von der Bildungsgewerkschaft GEW mit Rechtshilfe unterstützt, wehren sich diese Lehrkräfte gegen zermürbende Zeitverträge, die das 2007 in Kraft getretene Wissenschaftszeitvertragsgesetz ermöglicht.

Nach GEW-Schätzung sind alles in allem fast 200 000 Wissenschaftler des sogenannten „Mittelbaus“ – also unterhalb der Professur – von dem „weitreichenden Sonderarbeitsrecht“ betroffen. An Unis und Fachhochschulen werde inzwischen zu 90 Prozent befristet. „Das ist nicht nur schlecht für die Betroffenen, darunter leiden auch Kontinuität und Qualität der Lehre“, sagt der stellvertretende Gewerkschaftsvorsitzende Andreas Keller – und setzt darauf, dass die große Koalition dieses Jahr wie angekündigt das Gesetz reformiert.

HRK: Hochschulen brauchen Flexibilität

Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) sieht die Sache anders als die GEW: Erhebungen der Universitätskanzler deuteten „auf eine Quote von circa 20 bis 25 Prozent unbefristet beschäftigte Wissenschaftler neben der Professur hin“, sagt HRK-Präsident Horst Hippler. Es gebe für Wissenschaftler ja auch Jobs außerhalb des Hochschulbetriebs, „und man benötigt an den Hochschulen Flexibilität“, so Hippler, der sich in der Rolle des Buhmanns freilich gar nicht wohlfühlt.

„Ich wusste eigentlich nie, ob ich jemals eine feste Stelle kriege“, sagt Günther Auth, bei dem zeitweise ein Erschöpfungssyndrom diagnostiziert wurde. Dem als engagiert geltenden Hochschullehrer half sehr, dass auch Fachschaft und Studenten ihn unterstützten. „Diese Kampagne hat mich noch stärker überzeugt, dass meine Klage-Entscheidung richtig war.“ Als sich die Waage vor Gericht zu seinen Gunsten neigte, hat Auth geheiratet.

Auch Rainer Barbey hat sich entschlossen zu klagen: Seit Oktober 2008 arbeitet der promovierte Germanist als „Lehrkraft für besondere Aufgaben“ an der Universität Regensburg – immer mit befristeten Verträgen, mal für ein oder zwei Jahre, mal für ein halbes Jahr. Ende September 2013 lief sein letzter Vertrag aus. Barbey zog vor das Arbeitsgericht Regensburg. Sein Argument: Eine befristete Beschäftigung nach dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz sei nicht zulässig, da er Vollzeit in der Lehre tätig sei und keine wissenschaftliche Tätigkeit ausübe. In der ersten Instanz bekam der 37-Jährige Recht – die Universität Regensburg muss ihn daher vorläufig weiterbeschäftigen.

Leben im „permanenten Ausnahmezustand“

Doch ob Barbey – wie Günther Auth in München – eine unbefristete Stelle erhält, ist noch ungewiss: Die Universität Regensburg hat Berufung eingelegt, Ende Januar muss das Landesarbeitsgericht München über den Fall entscheiden. Seit zweieinhalb Jahren lebe er in einer „permanenten Ausnahmesituation“, sagt Barbey. Er würde sich wünschen, dass im Wissenschaftszeitvertragsgesetz klar definiert wird, was unter einer wissenschaftlichen Tätigkeit zu verstehen ist, und dass das Gesetz explizit für Qualifikationsstellen gilt, die Beschäftigten also die Möglichkeit haben, zu promovieren oder zu habilitieren. „Dann wäre eine Befristung in Ordnung“, findet er.

Steffen Bandlow-Raffalski ist wie Günther Auth Politologe. Für Geisteswissenschaftler wie ihn ist es besonders schwierig, außerhalb der Hochschulen beruflich Fuß zu fassen. Der 31-Jährige hat zwei kleine Kinder – und seit Herbst vorigen Jahres zwei halbe Stellen als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Oldenburg. Damit eine Familie ernähren? Kaum möglich.

„Wie prekär das sein kann, wird einem erst bewusst, wenn man drin steckt“, sagt Bandlow-Raffalski. Nur weil seine Frau als Lehrerin fest angestellt ist, konnte er die Uni-Laufbahn einschlagen. Er kennt genug Kollegen, die jedes Mal zittern, ob der Vertrag verlängert wird, oder die nur eine Beschäftigung für wenige Monate bekommen.

Nicht nur Unsicherheit über die Zukunft, sondern auch finanzielle Sorgen plagen Hendrik Schröder, der an der Uni Bremen arbeitet. Der 31-Jährige verdient mit seiner halben Stelle gerade mal 1300 Euro netto im Monat. Im April läuft sein Drei-Jahres-Vertrag aus – und wird wohl um ein Jahr verlängert. Aber: „Eine wirkliche Perspektive für soziale Absicherung existiert nicht.“ Dennoch nimmt Schröder das Dilemma in Kauf: selbstständig forschen, sich die Zeit selbst einteilen, eigene Projekte suchen – er liebt seinen Job im Fachbereich Politikwissenschaft und Didaktik.

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