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Legende

Der berühmteste Mann der Welt

Kinder und Künstler – alle lieben ihn. Vor 125 Jahren wurde der Alleskönner Charlie Chaplin geboren. Sein Tramp wurde zur Ikone der Moderne.
Von Helmut Hein, MZ

Charlie Chaplin als Tramp: Vor 125 Jahren wurde er geboren. Foto: dpa

Hollywood.Der berühmteste Mann der Welt? So nannte ihn Kurt Tucholsky schon 1922, da waren gerade seine ersten Filme in Deutschland zu sehen. Und er fügte hinzu: berühmter als die Kriegspräsidenten Wilson und Poincaré, als Erfinder und Sportstars und all die anderen Heroen der Moderne. Und Tucholsky nannte auch den schlichtesten Grund für Chaplins äußerste Popularität: Alle haben schon einmal über ihn gelacht, „die Pariser und die Londoner, die Amerikaner und die australischen Matrosen, die Besucher der chinesischen Kinos“. Chaplin ist eine globale Marke. Und er ist der Mann, der alle unter dem Regime seines Humors vereint – die Kinder und die Künstler, die Bürger auf der Suche nach abendlicher Unterhaltung und die Verzweifelten, die nach einem Ventil für ihre Wut suchen.

Vielleicht konnte Chaplin alle für sich einnehmen, weil er ohne Worte auskam. Sein böser Witz war rein physisch. Mit dem Tramp schuf er ein Markenzeichen, das noch heute jeder kennt: ein kleiner Mann in einer zu engen Weste und einer zu weiten Hose, mit einem zerbeulten Hut auf dem Kopf, mit Schnurrbart und Stöckchen. Und vor allem mit einer beispiellosen Beherrschung von Gestik und Mimik. Allein schon wie er ging! Noch einmal Tucholsky: „Er geht, wie noch nie ein Mensch auf dieser Welt gegangen ist.“ Und dann geht er in die Details, die man sich sparen kann, weil sie längst Teil des kollektiven Gedächtnisses der Menschheit sind und jederzeit abgerufen werden können.

Vor Chaplin kapitulierten alle

Aber reicht die Komik, die sich verkörpert, um die Bewunderung zu erklären, die ihm entgegenschlug? Die Surrealisten waren begeistert, die Theoretiker des Kinos von Balzac und Bazin bis Sergej Eisenstein, scharfzüngige Feuilletonisten wie Alfred Polgar, natürlich Brecht, der ein Faible für die Vorlieben der Massen hatte, aber auch Adorno, dem doch die Kritik der populären Kultur ansonsten eine Herzensangelegenheit war. Vor Chaplins Kunst kapitulierten sie alle, selbst die gestrenge Hannah Arendt und Franz Kafka. Der Komponist Hanns Eisler sah in ihm wie selbstverständlich den Kollegen. Denn Chaplin, der Stummfilmstar, der die Ära des Tons lange souverän ignorierte, war auch ein großer Komponist. Heute hört man seine Stückchen immer öfter in Klassik-Konzerten.

Alle liebten sie Chaplin. Obwohl er doch war, was man normalerweise nicht sein darf, wenn man geliebt werden will: ein Verlierer; einer, dem ständig alles misslingt; und boshaft, ja böse, voller Aggression und Zerstörungslust. Aber anscheinend brachte er mit den Mitteln der Pantomime etwas zum Vorschein, das alle angeht und berührt: das Wesen des Menschen und das Wesen der Welt. Oder genauer: das Wesen der zivilisierten Welt und der „nützlichen“ Dinge, die sie permanent hervorbringt.

Chaplins Tramp ist scheinbar der Tücke des Objekts und der feindlichen Mitmenschen ausgeliefert. Aber er gibt nie auf. Noch in der Vergeblichkeit seiner Kämpfe wird deutlich, wem und warum wir uns fügen; und dass wir das besser nicht tun sollten. Chaplins Tramp ist einer, der Befehlen nicht gehorcht und Gebrauchsanweisungen systematisch missversteht. Das Chaos, das er anrichtet, macht deutlich, wie fragwürdig die Ordnungen sind, in denen wir uns so zweifellos bewegen.

Ein Meister der Entlarvung

Als Künstler war Chaplin ein Alleskönner. Er war Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller, Komponist und Produzent, ja Tycoon, nämlich Gründer und Hauptaktionär von United Artists. Eine Zeit lang war er nicht nur der berühmteste, sondern auch einer der reichsten Männer der Welt. Was aber ist so merkwürdig und so besonders an seiner Figur? Dass sie (scheinbar) ohne Vergangenheit und Zukunft ist, reines Jetzt. Zwar voller Trauer, aber ohne Sorge und Bedenken in einer Welt, in der die Dinge „beseelt“ sind und sich dementsprechend selbstständig machen und die Menschen seelenlos.

Wobei weder Chaplin noch sein Tramp je harmlos sind. Ihre Waffe ist die genaue Beobachtung und die Fähigkeit, jeden Ausdruck, jede Geste, jede Bewegung sofort und exakt imitieren zu können. Chaplin ist ein Meister der Entlarvung und der gnadenlosen Bloßstellung. Tucholsky resümierte schon lange, bevor Chaplin sich Hitler vornahm: „Er bekommt es fertig, nur durch seine Erscheinung andere Leute lächerlich zu machen.“

Was eben noch groß und bedeutend schien, wird sofort in seiner ganzen Mickrigkeit sichtbar, wenn Chaplin es imitiert. Chaplin übersetzte das Motto von Karl Kraus: „Dich mach ich fertig: ich zitier Dich!“ ins Filmische. Das bekam nicht nur der „große Diktator“ zu spüren, sondern auch unsere moderne arbeitsteilige Gesellschaft. In seinem Film Modern Times zeigt Chaplin, was Entfremdung bedeutet, ohne ein einziges Wort verlieren zu müssen. Jeder ist Teil eines Räderwerks, in dem sein Leben zermalmt wird. Was einst als Glücksversprechen daherkam, erweist sich bei genauerem Hinsehen als „rat race“.

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