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Frauengeschichten

Der „Engel der Barmherzigkeit“

Apollonia Diepenbrock gründete 1845 in Regensburg eine Zufluchtsstätte für Frauen in Not. In ihrem „Josephshäuschen“ half sie den Armen.
Von Tanja Rexhepaj, MZ

  • Johann Gruber hat sich in seiner Zeit als Mitarbeiter des Bischöflichen Zentralarchivs mit Apollonia Diepenbrock beschäftigt. Vor dem „Josephshäuschen“ zeigt er eine Abbildung der Regensburger Wohltäterin. Foto: Gabi Schönberger
  • Geblieben ist von Appolonia Diepenbrock nur ihr Grabstein. Foto: Rexhepaj

Regensburg.Ein wenig wehmütig, dennoch fest und vor allem gütig blickt sie nach vorne. Unter dem Kopftuch ist ihr gescheiteltes Haar über der hohen Stirn zu erkennen. Ihre gerade lange Nase verleiht ihr etwas Markantes, um den Hals trägt sie eine Krause, ein schlichter Überwurf bedeckt ihren Oberkörper. „Hier in dem guten Regensburg wird man so vielfach ermuntert und zum Guten erweckt“, schreibt Apollonia Diepenbrock Mitte des 19. Jahrhunderts in ihr Tagebuch. Dabei war sie es selbst, die in der damals rund 23000 Einwohner zählenden Stadt „Gutes erweckte“: Apollonia Diepenbrock war die Gründerin der ersten Regensburger Zufluchtsstätte für Frauen in Not.

Bereits zu Lebzeiten eine Legende

Als Apollonia am 4. Juli 1880 im Alter von 80 Jahren in ihrem „Josephshäuschen“ am Obermünsterplatz 5 gestorben war, berichtet das „Regensburger Morgenblatt“: „Ein imposanter Zug von Leidtragenden aller Stände der Bevölkerung unserer Stadt, Reich und Arm, folgte dem Sarg. Seit geraumer Zeit sah Regensburg keinen so großartigen Conduct mehr.“ Kein Wunder: Die Frau, die sich Jahrzehnte lang um verwaiste Mädchen, um kranke, pflegebedürftige, hilflose Frauen gekümmert, ihnen Essen, Kleidung und ein Dach über dem Kopf gegeben hatte, war bereits zu Lebzeiten zu einer Legende geworden, die vom Fürstenhaus Thurn und Taxis oder dem Dichter Clemens Brentano ebenso unterstützt wurde wie von den kleinen Leuten aus der Bevölkerung.

„Sie selbst lebte sehr bescheiden“, sagt Johann Gruber, der sich in seiner Zeit als Mitarbeiter des Bischöflichen Zentralarchivs mit Apollonia Diepenbrock beschäftigt hat. Das „Josephshäuschen“ ist nur einen Steinwurf von Grubers ehemaliger Arbeitsstelle entfernt. Einmal hat er sich die Räumlichkeiten hier zeigen lassen – nichts erinnert mehr an Apollonia Diepenbrock, keine Gedenktafel verweist auf das soziale Engagement, auf den persönlichen Einsatz des „Engels der Barmherzigkeit“, wie Apollonia von vielen ihrer Zeitgenossen genannt wurde. „Sie war doch eine erstaunliche Persönlichkeit“, sagt Johann Gruber. „Vielleicht wird sie nicht so gewürdigt, wie sie es eigentlich verdient hätte. Aber vielleicht hat sie es auch nicht so gewünscht.“

Apollonia Diepenbrock hatte nie viel Aufsehens um ihre Arbeit gemacht, sich bereits zu Lebzeiten jeden Nachruf verbeten. Diese Haltung entsprach ihrer streng katholischen Erziehung: Sie wuchs mit neun Geschwistern auf einem Landgut bei Bocholt in Westfalen auf, die Familie war wohlhabend. Geboren 1799 kümmerte sich Apollonia als eines der jüngeren Geschwister schon früh um die Kinder ihrer bereits verheirateten Schwestern, ersetzte in ihrer Familie ab 1823 die verstorbene Mutter, suchte jedoch stets nach einer sinnerfüllenden Lebensaufgabe, wollte etwas eigenes auf die Beine stellen. Mit 26 Jahren bot sich ihr erstmals eine Gelegenheit: Sie begann eine Arbeit als Krankenpflegerin im Bürgerspital Koblenz. Sich als unverheiratete Bürgersfrau der Armen- und Krankenpflege zu widmen, wurde von vielen mit Unverständnis quittiert, nicht jedoch von ihrem Bruder Melchior und ihrem Vater Anton, die sie bei dieser Entscheidung unterstützten.

Bruder nach Regensburg gefolgt

Ihr Bruder Melchior war es auch, über den sie Kontakt zum späteren Regensburger Bischof Johann Michael Sailer bekam. „Melchior wurde Privatsekretär von Sailer“, berichtet Johann Gruber. Im Jahr 1834 entschloss sich Apollonia Diepenbrock ihrem Bruder nach Regensburg zu folgen. „Hier fand sie ein reiches Betätigungsfeld“, beschreibt Johann Gruber die damalige Situation in der Stadt. „Viele zogen vom Land in die Stadt, es gab sehr viele Arme.“ Große Fabriken wie die Schnupftabakfabrik, die Zuckerfabrik oder die Schiffswerft läuteten auch hier das Industriezeitalter inklusive sozialer Spannungen ein. Sozial abgesichert waren die allerwenigsten.

„Apollonia wohnte zunächst in der Niedermünstergasse 2“, sagt Gruber. Dort richtete sie sich mit finanzieller Unterstützung von Clemens Brentano und ihrem Bruder Melchior häuslich ein und schuf Platz für fünf hilfsbedürftige Frauen: notleidende Mädchen, Obdachlose, Witwen, Kranke. Waisenmädchen fanden bei ihr vorübergehend ein Zuhause. „Bei dem Fräulein war der Andrang oft so groß, dass fast immer einer an der Haustür sein musste, denn allen hat sie ihre Hilfe geschenkt“, berichtet Franziska Wein, eine ihrer Mägde. Da war es gut, dass sich Apollonia 1845 das freigewordene Priesterhaus am Obermünsterplatz 5 kaufen konnte, um ihr „Haus für Frauen“ auf 15 Plätze zu vergrößern. Um ihre Zufluchtsstätte zu finanzieren, handelte sie unter anderem sehr geschickt mit Wertpapieren – für eine Frau Mitte des 19. Jahrhunderts war das äußerst ungewöhnlich.

Das von ihr aufgebaute Fürsorgewesen vermachte sie in ihrem Testament dem Bischöflichen Domkapitel, dem sie dank ihrer Finanzgeschäfte über 100000 Mark hinterlassen konnte. Nach ihrem Tod wurden Ordensschwestern bestellt, die die Krankenpflege in Apollonias „Josephshäuschen“ weiterführten. Die „St. Josephsanstalt“ wurde schließlich in das ehemalige Domkapitel’sche Krankenhaus am Ägidienplatz verlegt. Seit 1930 wurde die Einrichtung als „Altenheim St. Josef“ von den Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz geführt. Dort erinnerte bis in die 1980er-Jahre hinein ein „Diepenbrock-Zimmer“ an Apollonia; es wurde jedoch bei Renovierungsarbeiten aufgelöst.

Das Einzige, was von Apollonia geblieben ist, ist ihr Grabstein an der Südmauer des Unteren katholischen Friedhofs. „Sie war arm für sich und reich für die Armen“ lautet die Inschrift. An dem „lieben Josephshäuschen, worin ich 40 Jahre so glücklich war“, wie Apollonia in ihrem Tagebuch schrieb, ist jede Spur von ihr verloschen; und doch lebt ihr Geist in dem Gebäude weiter: Im Erdgeschoss befindet sich heute die Caritas-Sozialstation Mitte-Ost, die als eine von vielen Stellen in der Stadt Apollonias Arbeit der Kranken- und Altenpflege fortführt.

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