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Musik

Die Kultband einer Generation

So wie Mark Knopfler sang keiner vor ihm: rau und suggestiv. Und keiner spielte so Gitarre: jeden Ton präzise, ohne Plektrum. Jetzt wird er 65.
Von Helmut Hein, MZ

Mark Knopfler, 2013 bei einem Konzert in der Donauarena Regensburg: Der Gitarrist ist wieder bei seinem Faible für J. J. Cale angekommen. Foto: altrofoto.de/MZ-Archiv

Regensburg.Es gibt nur wenige Sänger und Gitarristen, die so unverkennbar sind wie Mark Knopfler. Er singt eigentlich gar nicht, sondern er spricht, rau und suggestiv. Das fanden die einen Ende der 1970er Jahre cool, die anderen, die nach einer Alternative zu Cat Stevens beim Erweichen von Mädchenherzen (und -körpern!) suchten, erotisch. Mark Knopfler war, wie Eric Clapton, mit dem er später immer wieder spielte, bei J. J. Cale in die Schule gegangen. Er forcierte aber auch so etwas wie eine sehr smoothe Pop-Variante von Rap.

Die Gitarre spielte er konsequent ohne Plektrum, was ihm erlaubte, jeden einzelnen Ton präziser zu formen. Wenn er nicht sang, seine Gitarre tat es zweifellos. Der Zuhörer achtete, wie hypnotisiert, auf jedes melodische und harmonische Detail und übersah dabei leicht, dass sich alles einer epischen Großstruktur fügte, die von Anfang an charakteristisch war für die Songs der Dire Straits. Gerade die besseren und bekannteren Songs sprengten die Drei-Minuten-Vorgabe der Radiostationen, waren fünf, sechs, bei Live-Auftritten gern auch acht, zehn oder zwölf Minuten lang. Mark Knopfler-Songs eignen sich nicht für Ungeduldige. Er machte die Intros zu einer eigenen Kunstform. Scheinbar musste man lange warten, bis die Erzählung begann. Aber wie in der klassischen Musik war das Wesentliche in diesen rein instrumentalen Einleitungen schon enthalten.

Dire Straits heißt „ernste Notlage“

Wie kaum eine andere große Band – Mark Knopfler verkaufte im Lauf der Zeit mehr als 120 Millionen Alben! – waren die Dire Straits die Band einer Generation. Die Stones touren seit mehr als 50 Jahren und veröffentlichen immer wieder neue Alben. Ein Country-Outlaw wie Willie Nelson hat mehr als 100 Alben veröffentlicht. Die Dire Straits aber publizierten gerade mal ein halbes Dutzend Alben; und zwar, wenn man von dem eher kommerziellen Zwängen geschuldeten „On Every Street“ (1991) absieht, im Zeitraum von 1978 bis 1985.

Die Straits sind also in hohem Maße die Band der Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre Geborenen. Ihr Erwachsenwerden und ihre frühen Lieben wurden durch Knopfler-Songs definiert. Das vergisst man nicht.

Aber man sollte sich daran erinnern, dass die Zeit für die Dire Straits (auf deutsch heißt das so viel wie „ernste Notlage“) alles andere als günstig war. Vor allem in England gehörten die späten 1970er Jahre den Punks, die in jeder Hinsicht das Gegenteil von Knopfler und Co. waren. Die ersten zwei, drei Alben waren dann auch in Deutschland und sogar in Amerika erfolgreicher als in Großbritannien.

Selbst den ersten Plattenvertrag erhielten sie nur über Umwege. Sie schickten Demo-Tapes an die BBC, wo es damals eine Reihe wacher DJs gab. Dort liefen die frühen Songs Tag und Nacht. Dann erst reagierten die Plattenfirmen. Sehr ironisch und diskret, aber auch atmosphärisch dicht schildert Mark Knopfler diese Situation in dem Hit „Sultans of Swing“. Ein später Besucher betritt eine Kneipe, wo eine Band vor ganz wenigen Zuhörern Jazz spielt. Und selbst denen, die da sind, passt das Programm nicht. Schließlich ist das nicht Rock’n’Roll!

Das große Geld lockt nicht mehr

In den späten 1970ern und frühen 1980ern schrieb Mark Knopfler Hit auf Hit, von „Tunnel of Love“ oder „Romeo and Juliet“ bis „Money for Nothing“. Trotzdem waren die Dire Straits keine Singles-, sondern eine Album-Band. Das zeigte sich spätestens mit „Brothers in Arms“; das fünfte Album wurde weltweit, von Deutschland bis in die USA, zur Nummer eins.

Trotz ihres großen Erfolgs schienen die Dire Straits von Anfang an gefährdet, vom Bruch bedroht. Marks Bruder David verließ früh die Gruppe, weil er seine eigenen Songs nicht verwirklichen konnte. Aber auch Mark Knopfler selbst bastelte schon Anfang der 1980er an einer Solo-Karriere. Nicht zuletzt, weil ihm der Tour-Stress rasch zuviel wurde. 1984 schrieb er für Tina Turner „Private Dancer“. Der Song wurde zum Höhepunkt eines glanzvollen Comebacks. Und er suchte nach neuen Herausforderungen.

Schon vor dem Riesenerfolg mit „Brothers in Arms“ begann Mark Knopfler Filmmusiken zu schreiben: „Local Hero“. Später folgten unter anderem Soundtracks für „Cal“, „Golden Heart“ und, besonders erfolgreich, „Sailing to Philadelphia“. Sein Interesse an Kooperationen mit Größen der Pop-Geschichte, von Bob Dylan bis Eric Clapton, nahm zu. Und er landete schließlich wieder dort, wo er einst begonnen hatte: mit seinem Faible für J. J. Cale. Die Country-Musik bestimmt den Sound seiner Solo-Alben des letzten Jahrzehnts. Fast schon ehrfürchtig sind seine Duette mit der großen Lady dieses Genres, Emmylou Harris, zu nennen.

Mark Knopfler, der Superstar, hält sich jetzt mit Vorliebe an den Rändern auf. Dass man das große Geld für fast nichts bekommt, das kann ihn nicht mehr locken. Und noch weniger die „chicks“, die hinter der Bühne warten. Am 12. August wird Mark Knopfler 65.

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