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Kirche

Die Vorwürfe bleiben bestehen

Um den Stopp der Missbrauchsstudie wird weiter gestritten. Die Bischofskonferenz wehrt sich gegen Zensur-Vorwürfe. Kriminologe Pfeiffer hält aber daran fest.
Von Pascal Durain, MZ und unseren Agentur-Korrespondenten

Die Studie zu Missbrauchen durch Priester ist vorerst gescheitert. Foto: dpa

Regensburg/Hannover. Der Ansturm dauert schon zwei Tage. Wer Professor Dr. Christian Pfeiffer sprechen will, braucht vor allem eines: Geduld. Der Kriminologe aus Hannover legt den Telefonhörer kaum aus der Hand. Journalisten wollen eine Stellungnahme; auch am Donnerstag sind noch zu viele Fragen ungeklärt. Am Mittwoch hatte die Deutsche Bischofskonferenz den Vertrag mit Pfeiffers Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) gekündigt. Und das hat bei Opfern des Missbrauchsskandals wieder Ängste geschürt, dass eine lückenlose Aufklärung und Aufarbeitung niemals stattfinden wird.

Der ehemalige Justizminister Niedersachsens sollte für die katholische Kirche belastbare Zahlen zum sexuellen Missbrauch durch Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige liefern, außerdem sollte er den Verlauf des Missbrauchsgeschehens aus der Sicht der Opfer nachvollziehbar machen und klären, welche Folgen die Taten bei ihnen ausgelöst haben. Zusammengefasst: Es sollte die weltweit umfassendste Studie zum Missbrauchsskandal werden. Doch die liegt nun erst mal brach – Pfeiffer sieht sich einer Unterlassungsklage und Geldforderungen gegenüber; die Bischofskonferenz sucht nach einem neuen Forschungspartner und gibt ihrerseits Pfeiffer die Schuld.

„Gewaltiger Imageschaden“

Experten vermuten einen Machtkampf zwischen konservativen und reformgesinnten Kräften in der Deutschen Bischofskonferenz. Den Kurs der Kirche kann die Konferenz alleine nicht bestimmen. Die Macht liegt bei den Bischöfen, die allein Rom gegenüber verpflichtet sind. „Die Bischöfe sind die Entscheider, ohne die Bischöfe läuft gar nichts“, sagte Kirchenrechtler Thomas Schüller. Beobachtbar sei, dass die Bischofskonferenz seit Jahrzehnten als Einheit aufgetreten ist, obwohl es immer schon Fraktionen gab. Jetzt, mit dem Antreten einer neuen Generation junger, konservativer Bischöfe gebe es aus mehreren Gründen eine deutlichere Fraktionsbildung.

Am ernsthaften Willen der Bischöfe zur Aufklärung habe er keinen Zweifel, sagte Schüller. Nach Bedenken in einigen Diözesen und der Sorge von Priestern vor einem Generalverdacht hätten einzelne Bischöfe das Gemeinschaftsprojekt aber auflaufen lassen. „Der Imageschaden ist gewaltig.“

Auch am Donnerstag konnte Dr. Christian Pfeiffer nicht erklären, wann das Zerwürfnis mit den Würdenträgern seinen Lauf nahm. Das vonseiten der DBK angesprochene fehlende Datenschutzkonzept sei nicht das Problem gewesen, sagte er gegenüber der MZ. „Wir haben schon vor Monaten eine exzellente Lösung gefunden, die sich an den amerikanischen Forschern orientiert hat.“ Dabei seien Notare zwischen Forschern und Daten zwischengeschaltet worden. Am Anfang habe alles reibungslos funktioniert – und ohne Zustimmung der Kirche hätte man keine Daten erheben können. 450.000 Euro sollte diese Studie kosten – 270.000 Euro hatte die Bischofskonferenz bereits überwiesen.

Dass man nun mit Datenschutz argumentiere, bezeichnete Pfeiffer als „Nebelkerzenwerfen“. Als es an die Ausarbeitung eines Zusatzvertrages ging, wendete sich das Blatt. Pfeiffer gibt daran vor allem Vertretern aus München die Schuld – später habe sich auch der Regensburger Generalvikar Michael Fuchs solidarisch erklärt und sich aus dem Gremium verabschiedet. Das sei allerdings schon Anfang des Jahres 2012 passiert. Zuvor habe er Fuchs als ebenso kritisch wie konstruktiv erlebt.

Nach der Aufregung in den vergangenen 48 Stunden sitze er jetzt da und staune, beschrieb der Forscher seine Situation. Gestern erhielt er ein Schreiben, das ihm verbieten wollte, Zensur-Vorwüfe gegen die Kirche zu erheben. Pfeiffer blieb hart: „Ich kann sehr wohl abwägen, was Zensur ist und was nicht.“ Für den Kriminologen ist dieser Brief nur noch eine Bestätigung: „Die Kirche beherrscht eben nur das Verbieten und nicht das Diskutieren.“ Unterschreiben will er dieses Schriftstück nicht. Sein Projekt für beendet erklären, will Pfeiffer aber auch nicht. Nach wie vor fordert er Opfer sexueller Gewalt auf, sich bei ihm zu melden.

„Nur persönliche Gründe“

Der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp, verwehrte sich gegen Vorwürfe, man habe hier die Wissenschaftsfreiheit behindert. In einem Schreiben, das der MZ vorliegt, erklärte er. „Der Wechsel des Projektpartners hat ausschließlich persönliche Gründe im Zerwürfnis mit dem Projektleiter.“ Der Vorwurf, die Kirche sei nicht lernfähig und zeige verkrustete Strukturen, wird entschieden zurückgewiesen. „Ständige und vor allem überflüssige Beschimpfungen und Polemiken von Prof. Dr. Pfeiffer sind keine lösungsorientierte Verhandlungsstrategie.“ Viele datenschutzrechtliche Fragen seien bis zum Schluss offengeblieben. Kopp: „Dies hat ausschließlich mit der Sicherung des Schutzes der Persönlichkeitsrechte der Betroffenen zu tun.“ Monatelang habe man versucht, diese Probleme zu lösen, aber nicht mal eine einvernehmliche Vertragsauflösung habe man aushandeln können.

Generalvikar Fuchs war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Dafür erklärte Bistumssprecher Clemens Neck: Die datenschutzrechtlichen Bedenken, wie sie von Kopp formuliert wurden, könne er nur voll und ganz unterstreichen. Alle Bistümer hätten als Arbeitgeber auch eine Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern und dem Gesetzgeber zu tragen. Von Fuchs habe Neck erfahren, dass Pfeiffer im direkten Gespräch immer recht entgegenkommend gewirkt habe, „ging es aber um die konkrete Umsetzung, waren Absprachen häufig vergessen.“

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