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Bergsteigen

Drohungen am höchsten Berg der Welt

Die Lawine am Everest riss Bergsteiger in den Tod. Können Sherpas und Westler da noch weitermachen wie bisher? Wer jetzt klettert, erhält Drohungen.
Von Pratibha Tuladhar und Doreen Fiedler, dpa

Enttäuschte amerikanische Kletterer kehren vom Basislager des Mount Everests zurück. Zum ersten Mal seit 27 Jahren ist die Everest-Route gesperrt. Foto: dpa

Kathmandu.„Was am Everest wirklich wichtig ist: Der Gipfel wurde von Männern sowohl aus dem Osten als auch aus dem Westen bestiegen. Er gehört uns allen“, schreibt Tenzing Norgay in seiner Autobiografie. Der Sherpa stand zusammen mit dem Briten Sir Edmund Hillary 1953 als erster Mensch auf dem höchsten Berg der Erde. Das Verhältnis der beiden, schreibt Norgay, sei von Respekt geprägt gewesen. Keiner habe ohne den anderen den Gipfel bezwingen können. „Wir waren Partner.“

Diese traditionsreiche Seilschaft zwischen Sherpas, einem Bergvolk im Himalaya, und Bergsteigern aus aller Welt droht zu zerbrechen. Viel ist passiert in der vergangenen Woche, in der die Bergsteiger um die 16 Toten trauerten, die am Karfreitag in einer Lawine am Khumbu-Eisbruch ums Leben kamen. Neben Gebeten hallten heftige Diskussionen durch das Basislager.

Überlegungen, das Militär zu Hilfe zu holen

Die Sherpa-Gemeinschaft ist in zwei Gruppen gespalten. Diejenigen, die die Saison abblasen wollten, und diejenigen, die weiterklettern wollten. „Es wurde hässlich, mit hitzigen Debatten auf beiden Seiten“, schreibt der US-Everest-Chronist Alan Arnette in seinem Blog. Es habe schon Überlegungen gegeben, das Militär auf den Berg zu holen.

„Und dann kamen die Drohungen... heimtückische Drohungen“, sagt der britische Bergsteiger Tim Mosedale aus dem Basislager. Eine radikale Sherpa-Gruppe habe die anderen eingeschüchtert: Wer den Aufstieg wage, müsse um sein Leben oder das seiner Familie fürchten. „Uns wurde klar, dass das Schlimmste passieren könnte: Dass wir zwar nicht im Eisfall angegriffen werden, aber bei der Rückkehr ein brennendes Dorf sehen.“

Die Tragödie und die internationale Aufmerksamkeit auf den Everest sei von einigen ausgenutzt worden, um von der Regierung politische Zugeständnisse abzuringen, meint der Bergsteiger Greg Paul, der auch im Basislager war. Hier werde um Macht und Einfluss gerungen, worunter der Tourismus leide. „Die Everest-Region hat eine entscheidende Wende gesehen und wird nie wieder dieselbe sein.“

Sherpas verdienen ein Vielfaches des Durchschnittslohns

Dabei sind die Sherpas auf die Einnahmen aus dem Bergtourismus angewiesen. Sie sind ein relativ kleines Volk, ihre Ethnie umfasst etwa 155 000 Menschen, bei ungefähr 31 Millionen Nepalesen. Erstmals wurden sie von George Mallory angeheuert, als dieser im Jahr 1922 auf den höchsten Berg der Welt wollte – heute wird der Name Sherpa quasi als Synonym für Hochgebirgsträger im Himalaya benutzt.

„Für Sherpas ist es völlig normal, diesen Beruf zu ergreifen, denn unsere Familien gehen ihm seit Generationen nach“, sagt Jangbu Sherpa, der in der vergangenen Woche zwei Cousins verlor. 4000 bis 8000 US-Dollar verdienen sie pro Saison, das ist ein Vielfaches des Durchschnittslohns in Nepal. Aber extrem wenig im Vergleich zu den Zehntausenden Euro, die jeder westliche Bergsteiger für die Tour zahlt.

„Das ist einfach unser Beruf, wir haben kein anderes Einkommen“, sagt Jangbu Sherpa. Und Jemima Diki Sherpa beschreibt, dass sogar die Mönche in ihrem Tal Thame im Frühjahr ihre roten Roben abwerfen und Daunenjacken anlegen. „Sie kommen sonnenverbrannt zurück, die Ränder der Sonnenbrille auf den Wangenknochen hell ausgebrannt und ihre Lippen aufgesprungen.“

Kaum ein Everest-Tourist käme ohne die Sherpas aus

Jedes Jahr ziehen die Sherpas für die Ausländer auf den Berg. Sie laufen mit schwerem Gepäck bis zu zwei Dutzend Mal am gefährlichen Khumbu-Eisfall vorbei, wo jederzeit Eisblöcke so hoch wie mehrstöckige Häuser abbrechen können. Sie bringen Kilometer über Kilometer Fixseile an, legen Aluminiumleitern über Gletscherspalten, deponieren Sauerstoff, bauen überall leuchtende Zelte auf und rollen sogar den Schlafsack aus.

Kaum einer der Hunderten Gipfelsieger jedes Jahr würde es ohne sie schaffen. „Für die Westler ist der Berg eine wunderschöne Herausforderung, die sie bewältigen wollen. Für uns ist es der Ort, wo die Götter wohnen“, sagt Lakhpa Sherpa, der viermal auf dem Everest stand. Vor jeder Expedition werde einen Tag lang für den Berg gebetet.

Die Sherpas erzählen, dass ihre Familien nun Druck auf sie ausübten, den Job an den Nagel zu hängen. Der Yale-Universitätsabsolvent Kesang Sherpa erklärt, schon vor dem schwersten Unglück in der Geschichte des Everest-Bergsteigens hätten viele Eltern sich insgeheim andere Karrierewege für ihre Kinder gewünscht. „Ich denke, wir glauben aber selbst an den Mythos, an die Klischees, an die Legenden von Kühnheit und Tapferkeit.“

Nun aber zerbrechen die alten Muster. „Bergsteigen in Nepal hat sich für immer verändert“, schreibt Chronist Arnette. Mehrere Expeditionen stellen infrage, ob sie noch einmal zum Everest zurückkommen wollen. Expeditionsleiter Tim Rippel etwa schreibt vom Basislager: „Wir werden weiter kleinere Berge in Nepal besteigen und alles tun, um die Bergsteigerindustrie in Nepal am Leben zu erhalten. Aber unsere zukünftigen Pläne für den Everest werden wir langsam angehen.“

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