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Vatikan

Franziskus wagt einen mutigen Schritt

Der Papst spricht mit den Bischöfen erstaunlich offen über Familie, Ehe und Sexualität. Bei der Synode stehen die Zeichen auf Öffnung zur realen Welt.
Von Julius Müller-Meiningen, MZ

Freundlicher Empfang im Vatikan: Ehe es an die heiklen Aufgaben ging, verteilte der Papst an Kardinäle und Bischöfe süße Gaben. Foto: dpa

Rom.Der Papst geht zu Fuß. Es sind ja auch nur zwei Minuten vom Gästehaus Santa Marta im Vatikan hinüber zur Synodenaula. Am Eingang salutieren zwei Schweizer Gardisten, Franziskus schüttelt ihnen die Hand. Drinnen, nach dem Gebet, verteilt Franziskus an seine Nebenmänner Schokoladenkekse aus Argentinien. Kardinäle und Bischöfe nehmen dankend an. „Extrem gut“, so kommentiert ein Kardinal die süßen Gaben.

Weniger Autorität, mehr Zuhören

Dies mögen zu vernachlässigende Details sein bei den großen Themen Familie, Ehe, Sexualität, über die die knapp 190 Synodenväter seit Montag im Vatikan bei der Sondersynode diskutieren. Doch das große Talent dieses Papstes ist seine Fähigkeit, die Menschen um ihn herum zu vereinnahmen. „Um den Finger zu wickeln“, behaupten manche. „Er hat uns ein bisschen befreit“, sagt der brasilianische Kurienkardinal João Braz de Aviz über die Wirkung von Franziskus. Der einflussreiche Kurienmann meint damit auch: Man spricht jetzt anders in der Kirche. „Weniger Autorität, mehr Zuhören“, sagt Braz de Aviz.

Wenn der Ton die Musik macht, dann stehen die Zeichen in der katholischen Kirche zumindest zaghaft auf Öffnung. In diesem Sinn haben sich die Synodenväter jedenfalls in den ersten drei Tagen der Diskussion mehrheitlich ausgedrückt. Dazu dürfte bereits die Themenstellung der durch Franziskus einberufenen Synode zu den „pastoralen Herausforderungen“ in der Familie beigetragen haben. Die Bischöfe, darunter die 114 Vorsitzenden der katholischen Bischofskonferenzen, sprechen aus der Erfahrung der Seelsorge heraus, betonen praktische Aspekte. Akademische Beiträge und das Beharren auf der reinen Lehre sind in den Hintergrund gerückt.

Der Blick geht nach außen

Eine der häufigsten Forderungen, die aus der Synode dringt, ist die, die Kirche müsse ihre Sprache verändern. „Menschen zu brandmarken, hilft nicht“, fasste Pater Thomas Rosica die Redebeiträge bei einem Briefing im vatikanischen Pressesaal zusammen. Formulierungen wie „in Sünde leben“, „objektiv ungeordnet“ im Bezug auf Homosexualität oder „Verhütungsmentalität“ seien zu vermeiden, hätten Bischöfe gefordert. Der Blick der Bischöfe, so scheint es, geht weniger nach innen auf das Einhalten von Prinzipien, sondern nach außen, dorthin wo die Probleme liegen.

Mehrere Teilnehmer, darunter offenbar der Wiener Kardinal Christoph Schönborn, wiesen darauf hin, dass nicht-eheliche Lebensgemeinschaften „Elemente von Heiligung und Wahrheit“ beinhalteten. Betont wurde auch, homosexuelle Partnerschaften seien nicht grundsätzlich zu verurteilen. Wenn eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft über Jahrzehnte treu gelebt werde, könne man nicht sagen, „das ist nichts“. So hatte sich der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx ausgedrückt.

In diesem Zusammenhang wurde in der Synode mehrfach das moraltheologische Modell der „Gradualität“ hervorgehoben, bei dem auch Vorstufen eines nur selten erreichten Ideals Anerkennung finden können. Dieses Modell, so der Vorschlag, könnte beim umstrittenen Thema der Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene angewendet werden und zu neuen pastoralen Lösungen führen.

Die Bischofsversammlung dauert noch bis zum 19. Oktober und verabschiedet ein unverbindliches Schlussdokument, über das abgestimmt werden muss. Erst eine zweite, ordentliche Synode im Herbst 2015 soll dann klare Leitlinien formulieren.

Konsens bei Geschiedenen?

Von offenem Streit, wie er vor der Synode zum Thema der wiederverheirateten Geschiedenen über die Medien ausgetragen worden war, sei in der Synode keine Spur, sagen Beobachter. Natürlich ergreifen auch konservative Synodenväter das Wort. Am Dienstagabend war der Präfekt der Glaubenskongregation Gerhard Ludwig Müller an der Reihe, der als Verteidiger der katholischen Doktrin angesehen wird.

Mehrere Redner hätten die „Unauflöslichkeit“ der Ehe betont, hieß es. „Ich habe nichts darüber gehört, die Doktrin zu verändern, aber sehr viel darüber, die Doktrin besser zu verstehen“, sagte Pater Rosica. „Man kann die Doktrin durchaus vertiefen, sie ist nicht abgeschlossen“, sagte am Mittwoch der argentinische Theologe und Erzbischof Victor Manuel Fernandez, der an der Synode teilnimmt. Er gilt als Vertrauter von Papst Franziskus.

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